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Ballenberg

Wo der Güggel so laut und so oft wie möglich krähen soll

Kleintierzucht | Donnerstag, 23. Mai 2013 09:00, Simon Koechlin

Wenn der Hahn kräht, freuen sich nicht alle Menschen. Doch in den Ohren von Sonja Wernli aus Binningen BL ist das Kikeriki Musik. Sie nimmt mit zwei ihrer Güggel am 6. Hähnewettkrähen auf dem Ballenberg teil.

Das nennt man einen passenden Empfang: Als der Besucher in der Kleintieranlage im Stettenfeld in Riehen BS aus dem Auto steigt, kräht ein Hahn. «Das ist der Chef im Haus», sagt Sonja Wernli. Sie und ihre Familie haben als Mitglieder des Geflügel- und Kaninchen-Züchter-Vereins Riehen in der Anlage eine Parzelle gepachtet, auf der sie Sebright-Hühner sowie Loh- und Zwergwidder-Kaninchen züchten.

Dass der Güggel so lautstark auf den Ankömmling reagiert, freut Wernli. Denn er ist einer von zwei Hähnen, mit denen sie und ihre Mutter Irène am Hähnewettkrähen auf dem Ballenberg teilnehmen wollen (siehe Kasten). «Er ist meine grosse Hoffnung», sagt Wernli schmunzelnd. «Ich habe noch nie einen Güggel gehabt, der so viel gekräht hat.» Denn genau darum geht es bei dem Wettbewerb: Die Hähne werden zwei Mal eine halbe Stunde lang beobachtet; wer in dieser Zeit am häufigsten Kikeriki macht, hat gewonnen.

Einen Hahn zu halten, ist in den heutigen Wohngebieten nicht mehr ganz einfach
Insgesamt sind 47 Hähne gemeldet, wie Jürg Vogel vom organisierenden Landesteilverband Berner Oberland von Kleintiere Bern-Jura sagt. Bei den bisherigen Austragungen hätten jeweils Holländische Zwerghühner obenaus geschwungen, sie sind also die Favoriten. Planbar ist ein Erfolg aber nicht. «Es gibt niemanden, der für diesen Anlass mit seinem Güggel trainiert», sagt Vogel. Denn erstens wüsste er nicht wie, und zweitens steht beim Wettkrähen der Spass im Vordergrund. Und das Bestreben, einem breiten Publikum eine grosse Vielfalt von Kleintieren zu zeigen. Die teilnehmenden Hähne stammen aus rund 20 verschiedenen Rassen – darunter auch wahre Raritäten wie ein Vogtländer Hahn.

Sonja Wernlis Sebright-Hahn ist zwar keine solche Seltenheit. Doch krähen tut er immer noch. Wobei: Ist «krähen» vielleicht der falsche Ausdruck? Immerhin heisst es auf Französisch: «Le coq chante», «der Hahn singt». Für Wernli klingt das viel schöner. «Für mich ist es wie ein Willkommensruf, wenn ich zu meinen Hühnern komme», sagt sie.

Doch das sehen längst nicht alle Menschen so. Für viele Geflügelzüchter ist es schwierig geworden, die Lautäusserungen ihrer Hähne mit ihrer auf Ruhe bedachten Nachbarschaft in Einklang zu bringen. Auch Sonja und Irène Wernli kennen diverse Geflügelhalter, die mit diesem Problem kämpfen. «Einige züchten nicht mehr, weil sie keine Güggel halten können», erzählen die beiden.

Sie selber hatten bislang noch nie Scherereien wegen ihrer krähenden Hähne. Und das, obwohl keine hundert Meter von der Kleintieranlage entfernt mehrere Wohnblocks stehen. «Allerdings verlaufen die Hauptstrasse und die Eisenbahnlinie in der Nähe», sagt Sonja Wernli. «Vielleicht sind die Anwohner deswegen Lärm gewohnt.» Sie habe sogar das Gefühl, dass das Problem in ländlichen Gebieten eher akuter sein könnte. «Wenn Städter aufs Land ziehen, weil sie ihre Ruhe haben wollen, sind sie nicht gerade erfreut, wenn sie einen Hühnerhof mit Güggel in der unmittelbaren Nachbarschaft haben.»

Im Extremfall kommt es sogar zu rechtlichen Auseinandersetzungen. Massgeblich dabei ist vor allem die Nachtruhe. So gibt es Gerichtsurteile, die verbieten, einen Hahn zwischen 20 Uhr und 7 Uhr ins Freie zu lassen. Das heisst: Das Tier muss die Nacht im Hühnerstall verbringen – und dieser eventuell noch mit entsprechenden Lärmschutzvorrichtungen versehen werden. Sonja und Irène Wernli kennen sogar einen Halter, der dazu verknurrt wurde, seinen Hahn über Nacht im Keller unterzubringen, damit er die Nachbarn nicht am Morgen früh aus den Federn riss.

Sonja Wernli will es nicht so weit kommen lassen. «Viele Passanten interessieren sich für unsere Tiere. Die laden wir jeweils ein, unsere Anlage zu besichtigen.» Sie glaube, dass solche Aktionen viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen könnten. Zumal der Güggel auf dem Miststock ja immer noch so etwas wie das Symbol für den Anbruch des Tages ist.

Die Hähne stacheln sich gegenseitig an
Allerdings stimmt dieses Bild nur bedingt. «Zwar kann es am Morgen recht laut werden», sagt Sonja Wernli. Doch es sei lange nicht so, dass Güggel nur krähten, um den Tag zu begrüssen. «Sie krähen immer, wenn etwas passiert», sagt die Züchterin. Sogar in der Nacht. Ein Auto, das zum Hühnerhof fährt, ein Marder oder ein Fuchs, der ums Hühnerhaus schleicht, können reichen, um den Güggel aufzuschrecken. Klar ist auch, dass sich Hähne voneinander anstecken lassen. Beginnt einer zu krähen, ziehen die anderen nach – wohl um einen Anspruch auf das eigene Territorium zu markieren oder um Warnsignale weiterzugeben.

Das ist auch bei Sonja Wernlis Güggeln so. Längst sind auch andere der insgesamt sechs Hähne in den Chor eingefallen. Gegen das Spektakel, das die Besucher auf dem Ballenberg erwartet, ist das allerdings nichts: «Die Hähne schaukeln einander beim Wettkrähen jeweils richtig hoch», sagt Jürg Vogel. Und keiner der Güggel muss Angst haben, dass ihm jemand sein ausdauerndes Stimmorgan übel nimmt.

Ein tierischer Sonntag auf dem Ballenberg
Der Sonntag, 26. Mai, steht im Zeichen der Kleintiere auf dem Ballenberg. Das Hähnewettkrähen wird einer der Publikumsmagneten sein: Von 11.30 Uhr bis 12 Uhr und von 12.30 Uhr bis 13 Uhr werden die Güggel krähen, was die Kehle hergibt. Daneben sind viele weitere Klein- und Bauernhoftiere zu bestaunen: Hühner, Vögel, Tauben, Kaninchen, Schweine, Ziegen und Schafe.

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