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Tierwelt Nr. 3

Eine Reise in das exotische Märchenland «Wilhelma»

Zoo, Kleintierzucht | Donnerstag, 17. Januar 2013, Lars Lepperhoff

In der Nähe der Schweiz, in Stuttgart, befindet sich der Zoologisch-Botanische Garten Wilhelma mit einer ausgezeichneten Vogelsammlung. Ein zauberhaftes Paradies für alle Liebhaber exotischer Vögel.

Maurische Landhäuser, Nektarvögel, Kakas und zahlreiche Tropenpflanzen: Der Zoo Wilhelma in Stuttgart ist besonders für Vogelliebhaber interessant. Der Eintritt in die Wilhelma ist eine Art Übertreten in eine andere Welt. Kurz nach der Kasse empfängt den Besucher eine üppige Pflanzenwelt, die nicht aufzuhören scheint. Sukkulenten, Kakteen, Aloen, Agaven, üppiger tropischer Regenwald mit zahlreichen epiphytischen Pflanzen und subtropische Zonen ziehen in Bann.

Ein längliches Treibhaus neben dem anderen beherbergen die faszinierendsten Pflanzen der Erde. Je nach Jahreszeit bezaubern unzählige Kamelien und Azaleen mit ihren farbigen Blüten. Die Töpfe und Kübel beherbergen alle höchst gesunde, viele Jahrzehnte alte Pflanzen. Im Sommer sind es Fuchsien, die mit Tausenden von Blüten beeindrucken, in Gefässen von der Decke hängen und als Bäumchen und Sträucher wuchern. Die gewundenen Wege durch das Blütenmeer erscheinen wie Wege ins Paradies. Vogelvolieren für Turakos oder kleine australische Vögel befinden sich vereinzelt in diesen Treibhäusern. In der Mitte des sich durch Pflanzen schlängelnden Weges gelangt man in ein riesiges, historisches Treibhaus mit hohen Palmen, einem Koiteich und einem Boden voller Selaginella Moos nebst prächtigen Natternköpfen der Kanaren, die im Sommer ihre Pracht entfalten. Links ab befindet sich das Vogel und Kleinsäugerhaus, ein altes Gebäude, das aber dem Vogelliebhaber höchst interessante Vitrinen mit Gefiederten bietet. «Dieses Gebäude ist in die Jahre gekommen. Wir werden es nächstens total umgestalten. Vögel und Kleinsäuger werden aber auch nachher wieder zu sehen sein», sagt Vogelkurator Dr. Günther Schleussner. Das Vogel und Kleinsäugerhaus stammt von 1961. Heute ergeben sich Probleme mit Mäusen, die eindringen können. Neu sind verschiedene Landschaften geplant, die durchwandert werden können.

Gründer König Wilhelm I. liess sich von arabischer Baukunst inspirieren
Im Vogelhaus sind Fruchttauben, Brillenvögel, Prachtfinken und sogar ein Tacazzenektarvogel Männchen (Nectarina tacazze) aus Afrika untergebracht. Auch der Rotfüssige Honigsauger lebt dort wie alle übrigen Vögel in ansprechenden Vitrinen, die von natürlichem Sonnenlicht von oben durch Glasscheiben und zusätzlich künstlich beleuchtet werden. Der Besucher befindet sich im dunklen Raum und bewundert die hell erleuchteten, attraktiv bepflanzten Vogelgehege. Vögel des tropischen Regenwaldes wie die Prachtfruchttaube, die Purpurtangare oder der Rotfüssige Honigsauger leben in äusserst üppiger Pflanzenwelt, während die Weissscheitelrötel aus Savannen und Trockenwäldern West und Zentralafrikas entsprechende Volieren haben, die mit Sand, Steinen, kleinen Wasserquellen und nur wenigen gezielt eingesetzten Pflanzen besiedelt sind.

Die Wilhelma ist nicht nur ein botanischer und ein zoologischer Garten, sondern sie ist auch ein historischer Park, der maurische Gärten und Paläste beherbergt. Begonnen hat die Tierhaltung in Stuttgart bereits im 10. Jahrhundert mit Pferden, woran der Stadtname erinnert (Stuotgarte). Der Erbauer der Wilhelma war König Wilhelm I. von Württemberg (1816 bis 1864). Er liess sich von arabischer Baukunst beeinflussen. So entstanden prächtige Bauten wie beispielsweise die Damaszenerhalle, ein maurisches Landhaus und ein verschwenderisch ausgestatteter maurischer Festsaal. Trotz fast vollständiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg sind diese prächtigen und ungewöhnlichen Bauwerke in Teilen wieder erstellt worden und verleihen der Wilhelma einen einzigartigen Charme des Orients. War sie früher lediglich für den König und seine Gesellschaft reserviert, öffnete sie im 20. Jahrhundert ihre Tore für das allgemeine Publikum. Ein runder Teich, voller Lotosblumen und Seerosen, darunter auch die riesige Viktoria Seerose, die jährlich neu ausgesät wird, befindet sich im Zentrum des maurischen Gartens. Der Teich wird extra beheizt. Ein Säulengang umgibt diesen Teil des Parks. Das längliche Wasserbecken vor der Damaszenerhalle wird von Rosapelikanen und Kormoranen bevölkert. Die Damaszenerhalle wurde erst nach König Wilhelms Tod fertiggestellt. Es bieten sich Perspektiven wie irgendwo in Marokko oder im arabischen Raum. Im maurischen Landhaus sind nebst einer prächtigen, tropischen Pflanzenwelt auch Vögel untergebracht. Victoria Krontauben huschen unter riesigen Farnwedeln durch und Blauohrhonigfresser flattern in der Höhe.

Hier leben einige seltene Vogelarten
In der Voliere nebenan machen Weissohr Katzenvögel auf sich aufmerksam, derweil die seltenen Balistare vergnügt pfeifen und krächzen und dabei ihre verlängerten Kopffedern sträuben. Auf einer Estrade befinden sich noch kleinere Gehege für Papageien. So leben dort Blaukrönchen, Schönloris und Pfirsichköpfchen, während der Besucher in die Kronenschicht der Tropenpflanzen des unteren Stockwerkes blicken kann. Der Spaziergang durch das Farnhaus ist eine Reise durch die Welt. Riesige Baumfarne verzaubern wie aus einem Märchenland, an den Wänden siedeln Nest und Geweihfarne. Tuffstein wird überwuchert von Moosen und epiphytischen Farnen. Weil dieses maurische Gebäude nach dem Krieg beim Wiederaufbau neu mit einem Glasdach versehen wurde, können sich diese Pflanzen so prächtig entwickeln.

Die Subtropenterrassen sind vornehmlich das Reich der Papageien, Blumen und Palmen. Die Wilhelma hält dort als einziger Zoo ausserhalb Neuseelands den seltenen Kaka. «Wir bemühen uns immer wieder, mit Neuseeland einen Tausch machen zu können, doch bisher blieben unsere Vorstösse erfolglos», sagt Vogelkurator Dr. Günther Schleussner. Der Wilhelma glückte ein einziges Mal gar die Zucht des seltenen Neuseeländers. Derzeit leben leider nur noch drei Weibchen in Stuttgart, zwei davon legen regelmässig Eier. Es ist gut, den Kaka mit dem viel öfter gehaltenen Kea direkt vergleichen zu können. Die Papageienvolieren auf den Terrassen sind alle länglich und kaum je viereckig angelegt. Sie fügen sich harmonisch in die Natur, haben manchmal abgeschrägte Ecken.

Die Südamerikaner machen sich rar
Jede Papageienart hat Zugang zu einem heizbaren Innenraum. Auffallend sind die attraktiven Voliereneinrichtungen, die von den Tierpflegern selber vorgenommen werden. So gedeihen Pflanzen in der Voliere für Taubenhalsamazonen und auch die Anlage für Hyazintharas ist schön mit Gräsern bewachsen, mit Steinen und Holzwurzeln gestaltet. Um die Volieren selber gedeiht ein einziges Blütenmeer.

Von den Terrassen aus reicht die Sicht über die historische Wilhelma. Ein melodiöses Pfeifen schallt über die sommerlichen Blumenterrassen. Grosse Vasapapageien flattern aufgeregt durch ihre Voliere. Diese schwarzen Papageien Madagaskars können in öffentlichen Sammlungen ebenso selten bewundert werden wie der Borstenkopf aus Neuguinea oder die Goldmaskenamazonen aus den Guyana Staaten Südamerikas. Die Wilhelma hat aber auch neue Anlagen konzipiert. Darunter gehört das im Jahr 2000 eröffnete Amazonienhaus, das Vögel Südamerikas beherbergt, die aber nur bei eingehendem Beobachten und längerem Verweilen zu sehen sind. Man könnte meinen, sie lebten dort wie in Freiheit in dieser riesigen Halle aus Glas mit prächtigem Pflanzenwuchs, mit feucht warmen Temperaturen, sprudelnden Wasserfällen und mehreren Futterstellen. Für etliche Vogelarten war es auch ein Paradies, nicht so aber für Kolibriarten. Am Ende war es eine Braunbrustamazilie, die während ihrer Lebenszeit von sechs Jahren keinen Artgenossen duldete und stets das ganze Haus kontrollierte.

Wilhelma ist einziger Zoo Deutschlands, der einem Bundesland gehört
In einem historischen, an die Damaszenerhalle angrenzenden Bauwerk, das früher Fasane beherbergte, leben einheimische Vögel. Auch mit der Zucht von Schwarzstörchen hat die Wilhelma Erfolg. Die drei Jungvögel von 2012 mussten allerdings von Hand aufgezogen werden, weil die Eltern sich nicht vernünftig um das Gelege gekümmert hatten. Sie wurden mit Mäusen, Küken und Fisch ernährt.

Text und Bilder: Lars Lepperhoff Beim Schmiedekiebitz verlief die Jungenaufzucht problemloser. Die Mutter führte ihre Jungen selber. Sie wurde nach dem Schlupf mit den Jungen der Gemeinschaftsvoliere entnommen und in einem Innenraum gehalten. Das hindert sie nicht daran, auch am neuen Ort fürsorglich die Kleinen zu betreuen. Die Futterpläne arbeitet der Tierarzt mit dem Reviertierpfleger aus. Die Papageien werden herkömmlich mit Körnern, Früchten und Gemüse gefüttert. Etliche Kranicharten leben ebenfalls in der Wilhelma, die als einziger Zoo Deutschlands einem Bundesland (Baden Württemberg) gehört und nicht etwa der Stadt. Ideal ist die Kombination von botanischem und zoologischem Garten in historischen Gebäuden. Viel Wert wird auf eine gepflegte, artenreiche Vogelsammlung gelegt. Darum wird auch ein Zuchtzentrum für Kleinvögel unterhalten. Ungefähr 20 Tierpfleger sind in den dreieinhalb Vogelrevieren beschäftigt. Da mit rund 200 Vogelarten in 1000 bis 1200 Individuen die Sammlung äusserst reichhaltig ist, ist sie auch sehr pflegeintensiv. Ein Tag in der Wilhelma ist nicht nur eine Reise in ein exotisches Märchenland, es ist für Liebhaber exotischer Vögel ein Genuss. Vogelvitrinen, Volieren und Gehege bieten Anregungen für die Gestaltung zu Hause. Der stete Einbezug von Pflanzen ist reizvoll und vorbildlich, denn Pflanzen und Vögel gehören meistens zusammen.

Im E-Paper und in der gedruckten Ausgabe der Tierwelt finden Sie zusätzlich ein Kurzinterview mit Günther Schleussner, dem Vogelkurator der Wilhelma.

In der kommenden Ausgabe der «Tierwelt» wird das neue Vogelzuchthaus der Wilhelma vorgestellt.

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