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175 Jahre Berliner Zoo

Von Völkerschau bis Panda-Sex

Zoo | Donnerstag, 1. August 2019 10:00, sda dpa

Am 1. August wird der älteste Zoologische Garten Deutschlands 175 Jahre alt.

Zum runden Jubiläum geht es nicht allein um Panda, Gorilla und Co. Der Hauptstadt-Zoo verrät viel über eine Gesellschaft und die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Und er ist ein Spiegel der deutschen Geschichte – mit dunklen Kapiteln. 

«Zoogeschichte erzählt vor allem etwas über uns Menschen», sagt Berlins Zoo-Chef, Andreas Knieriem. Er führt Besucher gern zur Panda-Anlage. Hinter Glas knabbern die schwarz-weissen Bären Meng Meng (Träumchen) und Jiao Quing (Schätzchen) seit zwei Jahren genüsslich Bambus in ihrem zehn Millionen Euro teuren Gehege im China-Look. 

Ein tierisches Geburtstagsgeschenk wäre Panda-Nachwuchs, aber der ist noch nicht sicher. Es gehört zum ganz normalen Wahnsinn Berlins, dass Schwierigkeiten beim Panda-Sex Hauptstadt-Medien beschäftigen.

Hauptstadt der Tiere   
Wer neu in die Stadt kommt, lernt schnell: Berlin und sein Zoo – das ist eine Affenliebe. Als Promi-Eisbär Knut 2011 starb, herrschte Trauer. Knut-Fans kauften zur Erinnerung eine Grabstätte und liessen eine Bärentatze in Marmor gravieren. Manche Berliner vererben ihr Vermögen den Tieren.

Dabei waren die Anfänge des Zoos 1844 bescheiden. Das Areal im Tiergarten und ein paar Tiere schenkte einst der preussische König, schreibt Historiker Clemens Maier-Wolthausen im Jubiläums-Buch «Hauptstadt der Tiere».

Getragen wurde die Zoo-Idee aber vom Bildungsbürgertum um Alexander von Humboldt. Der Berliner Zoo, erst ein Treffpunkt der Wohlhabenden, wird bald Teil einer weiteren Demokratisierung: «Billige Sonntage» öffneten ihn für alle. Die Gehege wurden, im Stil der Zeit mit Orient-Touch, architektonisch immer schicker.

Artgerechte Haltung als Ziel  
Nur für die Tiere, oft brutal auf anderen Kontinenten gefangen, dann gehandelt oder verschenkt, war das Zooleben damals wohl weniger schön. Denn Wissen um Verhaltensbiologie und artgerechte Haltung gab es kaum. Viele Tiere fristeten anfangs ein trauriges Dasein ohne Artgenossen, Pflanzenfresser bekamen Fleisch. 

Heute fahren am Zoo jeden Tag ein bis zwei Laster vor. Ob Flossen, Flügel oder Pfoten: Jedes Tier bekommt Futter serviert, das nach den jüngsten Erkenntnissen der Forschung zusammengestellt ist. Dazu gibt es Impfungen und OPs. 

Flamingo Ingo ist so über 70 geworden, Gorilla-Dame Fatou 62. Der Berliner Zoo ist mit mehr als 20'000 Tieren heute nach eigenen Angaben der artenreichste der Welt.

Tiefbraune Vergangenheit   
175 Jahre Zoo-Geschichte verraten viel über Zeitströmungen, auch über dunkle Kapitel: Bis in die 1930er Jahre zeigte der Berliner Zoo immer wieder auch Menschen. 

Offiziell sollten diese «Völkerschauen» mit Afrikanern oder Inuit das Wissen über die Kulturen anderer Erdteile erweitern. In Wirklichkeit bedienten die Schauen vor allem die Sensationslust des Publikums und füllten die Kassen des Zoos, wie Historiker Maier-Wolthausen schreibt.

Erst vor wenigen Jahren stellte sich der Zoo vollständig und öffentlich seiner tiefbraunen Vergangenheit. Der damalige Direktor Lutz Heck war nach den Recherchen von Historikern ein glühender Nazi und Antisemit: Jüdische Mitglieder wurden nach 1933 aus dem Aufsichtsrat gedrängt und der Zoo bereicherte sich am Verkauf der Anteile seiner jüdischen Aktionäre. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag der Zoo in Schutt und Asche.

Andreas Knieriem ist seit fünf Jahren dabei, den ziemlich angestaubten Berliner Nachkriegs-Zoo für die Zukunft fit zu machen. Die Panda-Welt war sein Anfang. Das Raubtierhaus ist im Umbau. 

Nun sollen die Nashörner ein neues Zuhause bekommen, samt Pagode. Sie ist eine Anspielung auf die prächtige Vorkriegs-Architektur im Zoo, gepaart mir dem heutigen Wissen über artgerechte Haltung.

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