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Zucht in Zoos

Wenn Tiere «überschüssig» werden

Zoo | Donnerstag, 25. Januar 2018, Meret Signer

Vor Kurzem geriet ein Zoo in Schweden in die Schlagzeilen, weil er gesunde Junglöwen einschläferte. Wie häufig ist das Töten von Tieren, für die kein Platz gefunden werden kann? Wir fragen bei Schweizer Zoos nach.

Die Empörung war gross, als vor zwei Wochen bekannt wurde, dass der Borås Djurpark im Süden Schwedens über mehrere Jahre hinweg insgesamt neun gesunde, junge Löwen im Alter von eineinhalb Jahren einschläferte – weil sie als «Überschusstiere» galten. Zoodirektor Bo Kjellson bestätigte dies im schwedischen TV. Auf der Facebookseite des Tierparks häufen sich entrüstete Posts und negative Bewertungen. Sie stammen von Menschen aus verschiedenen Ländern, selten jedoch von Skandinaviern. «In Skandinavien geht man etwas pragmatischer mit dem Töten von Zootieren um», sagt Robert Zingg, Kurator des Zoo Zürich. Man erinnere sich an die Giraffe Marius aus dem Kopenhagener Zoo, die vor Zuschauern seziert wurde.    

«Zoos befinden sich in diesem Punkt in einem Dilemma», sagt Zingg. Zum einen sei die Fortpflanzung enorm wichtig für eine artgerechte Haltung, zum andern gebe es aber auch die Zuchtprogramme, die zuweilen sehr restriktiv seien. Wenn man Verhütung in Form der Pille oder Hormonimplantaten verabreicht, sei das Risiko bei einigen Arten wie beispielsweise Grosskatzen hoch, dass die Tiere unfruchtbar werden und danach die Zucht gar nicht mehr möglich sei. Bei Primaten hingegen könne man gut mit der Pille das Geburtenintervall verlängern.

Zoos übernehmen Verantwortung
Grosse Katzen habe man im Zoo Zürich noch nie einschläfern müssen. Bei Huftieren wie Antilopen, die in Gruppen mit nur einem Männchen leben, müsse man junge Männchen, für die kein Platz gefunden werden kann, manchmal im Gehege schiessen. Sie werden dann an die Löwen und Tiger verfüttert. Ähnlich tönt es aus dem Zoo Basel. Vor vielen Jahren wurde dort einmal eine Grosskatze eingeschläfert, bevor es das Zuchtbuch gab. Heute werde ab und zu ein Zebra, ein Bison oder ein Mufflon geschossen und an die Raubtiere verfüttert, sagt Kuratorin Friederike von Houwald – Tiere, die den Menschen meist weniger am Herzen liegen als Löwen, weniger in uns auslösen. Trotzdem hätten sie im Zoo ein schönes Leben gehabt. «Grundsätzlich will jeder Zoo seine Tiere platzieren können. Beim neuen Platz muss aber auch eine gute Haltung garantiert sein», sagt von von Houwald.         

Beide Kuratoren machen ausserdem darauf aufmerksam, dass in der Natur viele Jungtiere das Erwachsenenalter nicht erreichen. «Im Zoo bringen wir 95 bis 98 Prozent der Jungtiere durch, in der Wildnis liegt die Sterblichkeit bei etwa 60 Prozent», erklärt Robert Zingg. Das führt natürlich manchmal auch zu Platzproblemen. «Wir versuchen, nicht all zu grosse Risiken einzugehen. Wir tragen die Verantwortung für die Tiere, auch für die Ungeborenen.»      

Wenn das Zuchtprogramm eine Empfehlung zur Zucht gibt, sollte ein Platz eigentlich gewährleistet sein, doch selbst dann sei es nicht immer so einfach, sagt von Houwald. «Der Zuchtbuchführer kann nicht in die Zukunft schauen.» Ob ein Zoo in eineinhalb bis zwei Jahren, wenn die Junglöwen bereit sind, das Rudel zu verlassen, diese immer noch aufnehmen könne, sei nicht gewährleistet. «So kann es passieren, dass man in die Situation kommt, die Jungen einschläfern zu müssen.»  

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