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Zoo Zürich

Das faszinierende Leben der Dscheladas

Wildtiere, Zoo | Mittwoch, 18. Oktober 2017, PD

Die Dscheladas pflegen ein komplexes Sozialsystem. Nach einem Männchenaustausch liegen im Zoo Zürich nun spannende Beobachtungen über die äthiopische Affenart vor. 

Bei einem Sozialsystem mit Haremsstrukturen, wie es die Dscheladas haben, ist eine erhöhte Konkurrenz unter den Männchen vorprogrammiert. Geboren werden in etwa gleich viele Männchen wie Weibchen. Aber da die Männchen mit ihren Harems eine Weibchengruppe monopolisieren, haben einige Männchen keinen Zugang zu den weiblichen Tieren.

Im Freiland finden sich bei den Dscheladas nebst den Haremsgruppen auch Junggesellengruppen. Sie setzen sich zusammen aus Männchen, die ihre Geburtsgruppe verlassen mussten, und aus solchen, die ihren Status als Haremsführer verloren haben. Diese Männchen suchen nach Möglichkeiten, einen eigenen Harem zu gründen. Dazu «testen» sie die etablierten Haremsführer laufend und nutzen jegliche ihrer Schwächen, um selber eine Gruppe zu übernehmen. Oder aber sie versuchen, an der Peripherie grösserer Gruppen einzelne Weibchen abzuwerben. Haremsführer können ihre Position etwa fünf bis sechs Jahre lang halten – das ist auch das Alter, in dem ihre Töchter die Geschlechtsreife erlangen.

Der Natur etwas nachhelfen
In Menschenobhut kann die Steuerung dieser Gruppendynamik kaum den Tieren alleine überlassen werden. Junge, aufstrebende Männchen können die Ordnung in den Gruppen aufmischen. Für die Auseinandersetzungen zwischen den Männchen und den sich daraus ergebenden Verfolgungsjagden reicht das Raumangebot meist nicht aus. Bleiben die Haremsführer «der Ruhe zuliebe» zulange in ihrer Position, steigt das Risiko, dass es zu Vater-Tochter-Paarungen kommt, was in kleinen Populationen den Verlust an genetischer Diversität beschleunigt.

Der gelegentliche Austausch der Haremsführer ist deshalb eine Managementaufgabe, die im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogrammes für die Dscheladas durchgeführt wird («Tierwelt Online» berichtete). Dabei sind in der Regel verschiedene Institutionen involviert, müssen doch einerseits die «ausgemusterten» Haremsführer und nachstossenden jungen Männchen neue Plätze finden, und andererseits genetisch wie altersmässig geeignete neue Männchen beschafft werden.

Wiederkehrender Männchentausch
Im Herbst 2008 wurde im Zoo Zürich die neue Anlage für Dscheladas, Nubische Steinböcke, Klippschliefer und Blauflügelgänse eröffnet, das afrikanische Semien Gebirge. Noch in der alten Anlage wurde damals bei den Dscheladas vorgängig ein Austausch der Haremsführer vorgenommen. Abgegeben wurden die Männchen August und Talo, neu hinzu kamen die drei Halbbrüder Hobbit, Hector und Herkules. Hobbit entpuppte sich als das attraktivste Männchen, er scharte den grössten Harem um sich. Einen kleineren Harem führte Hector – lange in Begleitung des ein Jahr jüngeren Herkules. Mit zunehmender Grösse des Harems von Hobbit meldeten dort junge Männchen ihr Interesse an Weibchen an. Mehr Dynamik kam um das Jahr 2014 auf. Nebst den Haremsgruppen von Hobbit, Hector und Herkules (auch er konnte zwischenzeitlich ein paar eigene Weibchen um sich scharen) etablierten auch die beiden aus der Gruppe heranwachsenden Männchen Harshit und Kidame eigene Harems.

Ein erneuter Austausch der Haremsführer stand 2016 an. Abgegeben wurden die drei 2008 eingeführten Männchen Hobbit, Hector und Herkules sowie die drei in Zürich geborenen Männchen Harshit (*2007), Kidame und Kito (beide *2010). Als potentielle neue Haremsführer (die Weibchen reden diesbezüglich auch mit!) kamen vier Männchen leicht unterschiedlichen Alters nach Zürich: Dula (*2010) und Elloi (*2011) aus dem Zoo von Edinburgh sowie Matuko (*4.2012) und Maliik (*11.2012) aus dem französischen Zoo Cerza. Nach der obligaten Quarantäne lernten die vier Männchen in der zweiten Augusthälfte innert weniger Tage die Innenanlagen, sich gegenseitig, die Aussenanlage und schliesslich die Zürcher Gruppe kennen. Die Weibchen waren ein paar wenige Tage ohne «erwachsenes» Männchen. In dieser Zeit genoss das neunjährige, jedoch kastrierte und dadurch nicht mit einer Mähne ausgestatte Männchen Haran grösste Aufmerksamkeit. Die Übernahme der Haremsgruppen durch neue Männchen ist meist mit Unruhe verbunden. Die Jungensterblichkeit ist in dieser Phase erhöht. Auch kann dabei Infantizid beobachtet werden, ein Verhalten, das natürlicherweise auch im Freiland vorkommt, und mit dem ein neuer Haremsführer seinen Fortpflanzungserfolg zu optimieren versucht.   

Neue Aufteilung der Weibchen und erste Geburten
Die Dschelada-Gruppe hat sich inzwischen neu strukturiert und organisiert. Es haben sich zwei Harems gebildet. Mütter und Töchter haben sich dabei mehrheitlich demselben Männchen angeschlossen. Das älteste Männchen, Dula, führt die grössere Gruppe mit aktuell zwanzig Tieren. Elloi ist der andere Haremsführer, ihm folgen acht Tiere. Die beiden jüngsten Zuzüger, Matuko und Maliik, sind als Duo unterwegs. Es ist eine Frage der Zeit, bis sie sich intensiver für Weibchen interessieren werden. Mitte Juni dieses Jahres erkundeten ein paar unternehmungslustige Dscheladas die Krone der Mauer, die die Anlage begrenzt. Zu dieser Gruppe gehörten auch zwei in Zürich geborene Männchen im gleichen Alter wie die beiden Zuzüger aus Frankreich. Der Zugang zur Mauerkrone konnte blockiert werden.

Da die Zürcher Männchen aber mit fünf Jahren im eigentlichen «Flegelalter» sind und in den kommenden Jahren ohnehin bei der Haremsbildung die Franzosen konkurrenzieren könnten, wurden sie an einen anderen Zoo abgegeben. In den vergangenen fünf Wochen hat es – nach einem Unterbruch von siebzehn Monaten – wieder Nachwuchs bei den Dscheladas gegeben. Zwei Weibchen aus dem Harem von Dula gebaren am 15. September und am 5. Oktober je ein Jungtier. Der Bestand im Zoo Zürich umfasst nun 32 Tiere, 11 Männchen und 21 Weibchen. Seit 1955 gehören Dscheladas zum Tierbestand des Zoo Zürich.127 Jungtiere sind bis anhin hier zur Welt gekommen. Der Austausch der Haremsführer ist vollzogen, die Tiere haben sich organisiert. Neue Dynamik kommt spätestens wieder auf, wenn die heranreifenden jungen Männchen ihren Anspruch auf einen eigenen Harem umzusetzen versuchen. Einen kleinen Vorgeschmack gab es schon: Erst kürzlich haben die beiden Männchen aus Frankreich den Haremsführer Dula gemeinsam durch die Anlage gehetzt.

Gebirgsbewohner
Dscheladas oder Blutbrustpaviane sind im äthiopischen Hochland in Höhenlagen von 1400 bis gegen 5000 Meter über Meer heimisch. Ein markanter Geschlechtsdimorphismus prägt die Art: Die Männchen sind deutlich grösser als die Weibchen und weisen als besonderes Merkmal eine imposante, etwa vierzig Zentimeter lange «Schultermähne» auf. Auffallend ist zudem bei beiden Geschlechtern der sanduhrförmige nackte und rot gefärbte Kehl- und Brustbereich. Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm EEP für Dscheladas schliesst insgesamt 29 Institutionen mit rund 370 Tieren ein. Teil des Programmes sind auch 3 Institutionen in den USA mit 19 Tieren. Koordiniert wird das Programm vom Tierpark Rheine (D), der mit über 50 Tieren auch die grösste Gruppe betreut.  

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