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Tierwanderungen

Der Blick aus dem Weltall

Wildtiere | Dienstag, 16. Oktober 2018, Matthias Gräub

Eine neue Antenne auf der Raumstation ISS kreist um die Erde, um die Wanderungen von Tieren aller Art zu verfolgen. Das soll dem Naturschutz dienen – aber auch dem Menschen. 

Sergei Walerjewitsch Prokopjew und Oleg Germanowitsch Artemjew haben am 15. August Grosses für den Artenschutz getan. Die beiden russischen Astronauten haben eine Antenne auf der Internationalen Raumstation ISS montiert («Tierwelt Online» berichtete). Icarus heisst sie, und sie soll künftig vom Weltall aus Tierwanderungen aller Art aufzeichnen – in Echtzeit.

Das deutsch-russische Projekt ist ambitioniert: Rund 150 Projekte weltweit warten auf grünes Licht. Projekte, die zu grossen Teilen der Erforschung und damit auch dem Schutz von Tieren dienen. Mit Sendern ausgestattete Bärenwaisen, die in der russischen Wildnis freigelassen werden, werden dann etwa Signale an die Raumstation schicken, damit Wissenschaftler ihre Wanderungen miterleben und verfolgen können, ob die Auswilderungen erfolgreich verlaufen. Die Wanderrouten von Watvögeln auf ihrem Weg zwischen Osteuropa und Ostasien sollen aufgedeckt werden, damit ihre Sammelplätze dem Bauboom nicht zum Opfer fallen. Und im Golf von Mexiko sollen Baby-Meeresschildkröten mit grammleichten Sendern ausgestattet werden, damit die Forschung endlich nachvollziehen kann, welche Wege durch den Ozean sie während ihrer ersten Lebensjahre durchschwimmen.

Die Möglichkeiten der Icarus-Antenne scheinen endlos. Doch ausschliesslich aus gutem Willen und für Tier- und Naturschutz-Zwecke kommt so ein millionenteures Projekt nicht zustande. Die Wissenschaftler hinter dem Projekt erhoffen sich durchaus auch einen Nutzen für die Menschheit. Sie haben ein Interesse, von den Tieren zu lernen.

«In zehn Jahren werden wir wissen, welche Tiere Naturkatastrophen vorhersagen können», sagt Martin Wikelski, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie im Süddeutschen Radolfzell und Leiter der Icarus-Mission. Er spricht von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis, Naturereignisse, die für uns Menschen aus heiterem Himmel kommen und als kaum vorhersehbar gelten. 

Martin Wikelski über das Projekt Icarus und der Raketenstart (Video: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR):

Vierbeiniges Erdbeben-Warnsystem
Nicht so für Tiere. Schon aus alten Überlieferungen weiss man, dass sich Vögel vor Vulkanausbrüchen unruhig verhalten, dass Elefanten vor Springfluten ins Landesinnere fliehen oder Schlangen vor Erdbeben verfrüht aus ihrem Winterschlaf erwachen. Mithilfe der Icarus-Antenne soll es künftig möglich sein, dieses anekdotische Wissen auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen. Das Ziel: Das Verhalten von Tieren so gut kennenzulernen, dass es irgendwann als lebendiges Frühwarnsystem für den Menschen dient. Und unter Umständen zig Menschenleben rettet.

Ein weiterer Nutzen der Icarus-Antenne für den Menschen könnte die frühzeitige Bekämpfung von Zoonosen sein, also von Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragbar sind. Dazu sollen etwa die Wanderungen von Flughunden verfolgt werden. Ein Ausbruch des Ebola-Virus, wie er 2014  in Westafrika Tausende Todesopfer forderte, könnte mit dem zusätzlichen Wissen deutlich rascher bekämpft werden.

Auch die bereits zu biblischen Zeiten bekannte Plage von Wanderheuschrecken, die urplötzlich auftauchen, ganze Felder kahlfressen und dadurch so manch einen Bauern an sein Existenzlimit treiben, könnte künftig vorausgesagt werden. Nicht etwa, indem Wissenschaftler einzelne Heuschrecken besendern, nein, sie wollen Störche als Spürhunde verwenden. Diese treiben sich nämlich auf ihren Wanderungen in Afrika bevorzugt dort herum, wo die Wanderheuschrecken ihre Eier ablegen. Wer also weiss, wo sich die Störche verpflegen, hat auch eine gute Ahnung, wo künftig Insektenplagen drohen. Und kann reagieren, bevor sie ausbrechen. 

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