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Giftige Nahrung

Warum werden Aasfresser nicht krank?

Wildtiere | Donnerstag, 19. Oktober 2017 08:00, Meret Signer

Manche Tiere, wie beispielsweise Geier, ernähren sich fast ausschliesslich von Aas. Obwohl sie verdorbenes Fleisch essen, bleiben sie gesund.

Wenn ein Tier stirbt, nehmen die in ihm wohnhaften Bakterien ihre Arbeit auf. Nur Minuten nach dem Tod beginnt die Zersetzung. Während dieses Verwesungsprozesses geben viele Bakterien giftige Stoffe ab. Darunter ist beispielsweise das Botulinumtoxin, ein vom Bakterium Clostridium botulinum produziertes, starkes Nervengift, das schwere Lebensmittelvergiftungen hervorruft, die auch mit dem Tod enden können. Verwesendes Fleisch zu essen scheint daher eher keine gute Idee zu sein – und hört sich für uns auch ziemlich unappetitlich an. 

Viele Tiere sind da jedoch anderer Meinung. Fast kein Raubtier verschmäht einen frischen Kadaver, wenn es ihn findet. Unsere heimischen Füchse, Wölfe und Bären zum Beispiel freuen sich über einen solchen Leckerbissen. Im Schweizer Nationalpark wurden sie neulich von Kamerafallen dabei beobachtet, wie sie einen Hirschkadaver in ein wahres Festmahl verwandelten (sehen Sie sich hier die Bilder an). Diese Tiere können die bakteriellen Toxine im Aas bis zu einem gewissen Grad tolerieren. Wie genau sie das bewerkstelligen, versteht auch die Forschung noch nicht ganz. Schon im Jahr 1979 jedoch fand man jedoch heraus, dass Kojoten, Krähen und Truthahngeier Antikörper gegen das Botulinmumtoxin in sich tragen. Häufig tragen Aasfresser Bakterien aus dem Kadaver auf dem Gesicht mit sich herum. Es wird vermutet, dass sie diese bei sozialen Interaktionen an ihre Artgenossen weitergeben, was wiederum die Produktion von Antikörpern anregt und so schlussendlich das Immunsystem der ganzen Gruppe stärkt.

Eine Studie aus dem Jahr 2005 aus dem Bialowieza-Urwald in Polen hat ausserdem herausgefunden, dass sich  Raubtiere nicht wahllos über jeden Kadaver hermachen. So bevorzugen die Meisten Kadaver von Tieren, die von einem Wolf oder einem Luchs gerissen wurden gegenüber solchen, die eines natürlichen Todes starben. Denn neben Hunger und Kälte kommt als Todesursache auch Krankheit in Frage und diese gilt es zu vermeiden.  

Geier sind die Spezialisten
Schreitet die Verwesung voran, wird der Kadaver zunehmend giftiger. Katzen und Katzenverwandte rümpfen als erstes ihr Näschen. Für sie ist totes Fleisch nur kurze Zeit geniessbar, denn ihre Mägen und Verdauungssysteme sind empfindlicher als die von hundeartigen Raubtieren, welche eine höhere Toleranzgrenze haben. Wenn es schliesslich auch ihnen zu viel wird, wenn der Kadaver schon richtig vor sich hin modert und nach Verwesung riecht, dann kommen die Geier an die Reihe. Sie sind hochspezialisierte Aasfresser. Dies bringt ihnen einige Vorteile: Dank dem starken Geruch finden sie leicht zu ihrem Essen und da dieses nun von den meisten anderen Tieren verschmäht wird, ist es auch leichter zu verteidigen. Ausserdem müssen sie sich bei fortgeschrittenem Verwesungszustand nicht mehr die Mühe machen, einen Kadaver mühsam aufzubrechen, um an das Fleisch zu gelangen.

Ihr Speiseplan stellt sie aber auch vor grosse Herausforderungen. Sie müssen bakterielle Toxine in Dosen verarbeiten, die für andere Tiere tödlich sind. Dies scheinen sie zum einen mit extrem starker Magensäure zu schaffen, die die Mehrheit der Bakterien und Keime abtötet und unschädlich macht, wie Forscher in den 1970er-Jahren in Kenia anhand des heute vom Aussterben bedrohten Weissrückengeiers nachgewiesen haben. Ihre Untersuchungsobjekte seien im Rahmen einer anderen Studie abgeschossen worden, schrieben die Forscher damals. Genauer wissen wollten es im Jahr 2014 Forscher aus Kopenhagen mit ebenfalls sehr fragwürdigen Methoden. In Nashville in den USA fingen sie 26 Raben- und 24 Truthahngeier ein, die dann von Mitarbeitern des US-Landwirtschaftsministerium mit Kohlendioxid getötet wurden – mit Genehmigung der US Fish and Wildlife Services. Ihre Resultate zeigen, dass einige, bei andern Tieren oft tödliche Bakterien die Passage durch die Magensäure überleben und sich im Darm ansiedeln – unter ihnen auch Clostridium botulinum. Es bestehe, so mutmassen die Forscher, eine Beziehung zwischen Bakterien und Geier, von denen beide profitieren. Die Bakterien leben gut versorgt im Geierdarm und haben reichlich Nährstoffe zur Verfügung, während sie den Geiern helfen, Aas zu verdauen. Die Antikörper im Blut helfen den Geiern wohl dabei, die bakteriellen Giftstoffe zu tolerieren. 

Geier und andere Aasfresser übernehmen eine wichtige Rolle im Ökosystem. Sie halten es sauber und sorgen dafür, dass sich Krankheiten nicht über Tierkadaver ausbreiten können. Waren Aasfresser früher noch verpönt und gefürchtet, werden sie heute oft als «Gesundheitspolizei» oder «Putzequippe» bezeichnet und anerkannt. Trotzdem sind viele Geier bedroht. Dies unter anderem wegen dem Einsatz des Schmerzmittels Diclofenac bei Rindern, das in den 1990ern in Südasien zu einem katastrophalen Geiersterben führte. In Indien mittlerweile verboten, in Spanien dafür seit Kurzem erlaubt («Tierwelt Online» berichtete), nehmen die Geier dieses und andere Gifte über Tierkadaver auf. Tolerant wie gegen das Botulinumtoxin sind sie dagegen nicht. Um den Vögeln zu helfen, sind vielerorts Schutzmassnahmen in die Wege geleitet worden.

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