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Stauden

Vom Winde gesät

Garten | Donnerstag, 16. August 2018, Helen Weiss

Im Garten gibt es immer viel zu tun. Umso besser ist es, wenn die Natur einen Teil der Arbeit übernimmt. Bei vielen Stauden kann man sich etwa das Aussäen sparen – das machen sie nämlich selbst.

Die geflügelten Samen des Ahorns drehen sich wie kleine Helikopter zu Boden, während jene des Löwenzahns wie zarte Fallschirmchen durch die Luft schweben. Die Samen der Kastanien sind hingegen so schwer, dass sie sogar Dellen auf Autodächern hinterlassen, wenn sie zu Boden plumpsen. Blumen- und Pflanzensamen gibt es in allen Formen und Grössen. Sie bergen nicht nur neues Leben in sich – die Natur weiss sie auch als begabte Gestaltungskünstler zu schätzen. Denn die Rabatten kann man noch so ausgeklügelt planen – die Natur malt meist ihre eigenen Pflanzenbilder. 

Hobbygärtnerinnen und -gärtner wissen denn auch, dass es Pflanzen gibt, die man zwar in den Garten setzen kann, die aber nur selten auf dem Platz verharren, der ihnen ursprünglich zugewiesen wurde. Akelei, Mohn und Kamille sind typische Beispiele dafür, wie Konrad Hilpert, Inhaber der biologischen Staudengärtnerei Eulenhof in Möhlin AG, weiss. «Diese Stauden zählen zu den Pionierpflanzen, die als Erste brachliegende Erde besiedeln.» Sobald sich die Umstände verändern und sie Konkurrenz bekommen, sind sie aber auch schnell wieder weg. «Man muss sie also geniessen, solange sie im Garten wuchern.» 

Wechselspiel der Natur
Wer den mutigen Verbreitungsdrang der Selbstversamer unterstützen möchte, muss sich also auf Abwechslung gefasst machen. Vom Winde verweht und gesät, wandern sie als Sämlinge durchs grüne Reich, bezaubern mit romantischen Zufallskombinationen, erobern im Sturm geordnete Rabatten und sorgen dafür, dass es im Garten niemals langweilig wird. 

«Es ist ein Wechselspiel von Wachsen und Vergehen, das eine natürliche Eigendynamik im Garten entwickelt», sagt Hilpert. Und dies nicht nur mit saisonalen Unterschieden, sondern auch über die Jahre hinweg. Königskerze (Verbascum phlomoides) oder Kalifornischer Mohn (Eschscholzia californica) etwa können über mehrere Jahre wuchern und verschwinden dann plötzlich gänzlich, da sich die Wachstumsbedingungen verändert haben.

Wer Freude an dieser Abwechslung hat, pflanzt sich möglichst viele selbst versamende Stauden in den Garten. Diese sind zwar zum Teil kurzlebig, dafür ersparen sie viel Arbeit. Die Herumtreiber lassen sich nämlich nur dort nieder, wo sie sich am wohlsten fühlen und wo alle Bedingungen um sie herum stimmen. «Das sind somit die besten Voraussetzungen für eine gelungene Kultur», erklärt Hilpert.

Neben Johanniskraut (Hypericum perforatum) zählen auch Wilde Möhre (Daucus carota subsp. carota), Ackerveilchen (Viola tricolor), Natternkopf (Echium vulgare) und der bienenfreundliche goldgelbe Honigklee (Meliotus officinale) zu den unzähmbaren Schönheiten. Dankbar und zuverlässig füllen sie entstandene Lücken im Staudenbeet. Oftmals samen sie dabei so reichlich ab, dass sogar einzelne Sämlinge versetzt oder verschenkt werden können. Breitet sich eine Art zu stark aus, wie es etwa die Nachtkerze (Oenothera biennis) oder die Akelei (Aquilegia) gerne tun, darf man durchaus eingreifen und die «Wucherer» dezimieren.

Es braucht Geduld und Gelassenheit
Auch die Sprösslinge von Mariendistel (Silybum marianum) und Kardendistel (Dipsacus fullonum) sollte man im Auge behalten. «Da diese Stauden sehr gross werden und viel Platz einnehmen, muss man sie allenfalls verpflanzen. Am besten, wenn sie noch nicht allzu gross sind», rät Hilpert.

Damit die Vagabunden sesshaft werden, braucht es neben etwas Geduld auch Gelassenheit. Wer Samenstände im Fleiss zu früh abschneidet, wartet vergeblich auf eine natürliche Verbreitung. Man darf durchaus mal fünf gerade sein lassen und sich in die Sonne legen, statt Beete zu präparieren: Wer zu viel hackt, arbeitet die Samen nämlich zu tief in den Boden ein, sodass sie nicht mehr keimen. Daneben steht ständiges Beobachten auf dem Programm. «Erst wenn man sieht, was sich aus den kleinen Sprösslingen entwickelt, kann man beim Jäten die schönen Selbstversamer stehen lassen», sagt Hilpert.

Literaturtipp:
Jonas Reif und Christian Kress: «Blackbox-Gardening. Mit versamenden Pflanzen Gärten gestalten», Eugen Ulmer Verlag, ISBN: 978-3-8001-7538-3, ca. Fr. 42.–

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