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Schweine

Mit Stroh gegen Langeweile

Andere Haustiere | Donnerstag, 28. August 2014, Claudia Frick

Schweine brauchen Stroh, Heu oder Nageholz, mit dem sie sich beschäftigen können. Abwechslung ist wichtig, die klugen Tiere verlieren sonst rasch das Interesse – und werden aggressiv.

Genüsslich in der Erde nach Insektenlarven und Wurzeln wühlen, dann wieder Äste beknabbern und Gras fressen: Damit sind Schweine in der freien Natur täglich viele Stunden beschäftigt. Schweine jedoch, die für die Mast in herkömmlichen Verschlägen (Buchten) gehalten werden, haben keine Möglichkeit, dieses Verhalten auszuleben.

Die Haltung von Mastschweinen wird darum von Tierschützern immer wieder kritisiert. Erst vor wenigen Tagen präsentierte die Organisation «Tier im Fokus» Bilder von vernachlässigten, unbeschäftigten Tieren. Dabei wären Beschäftigungsmöglichkeiten gesetzlich vorgeschrieben. Damit auch Mastschweine wenigstens einen Teil ihres natürlichen Verhaltens ausleben können, müssen sie sich gemäss der im Jahr 2008 revidierten Tierschutzverordnung «jederzeit mit Stroh, Raufutter oder anderem gleichwertigem Material beschäftigen können». Die Übergangsfrist für die Umsetzung dieser Bestimmung lief im Sommer 2013 aus.

Dabei kann der Tierhalter wählen, welches Beschäftigungsmaterial er seinen Schweinen anbietet: Nebst offen angebotenem Stroh oder Heu sind auch andere Materialien einsetzbar, wenn sie kaubar, benagbar, fressbar und nicht giftig sind. Auch ein sogenannter Nagebalken – ein in der Bucht aufgehängtes Weichholzstück – kann die Schweine beschäftigen.

Doch welche Materialien beschäftigen die Mastschweine am besten und über einen möglichst langen Zeitraum? Das untersuchten Wissenschaftler des Zentrums für tiergerechte Haltung der Forschungsanstalt Agroscope. Dazu boten sie verschiedenen Gruppen von Schweinen je eine Beschäftigungsmöglichkeit an, beispielsweise geschnittenes Stroh oder Stroh mit darin eingestreuten Maiskörnern, Strohpresswürfel und Stroh in einer Raufe. Zusätzlich teilten die Forschenden die so unterschiedlich beschäftigten Schweinegruppen nochmals auf in Untergruppen: Die einen Gruppen hatten dauernd Futter zur Verfügung, die anderen erhielten zweimal täglich eine Futtersuppe.

Stroh mit Mais ist besonders interessant
Die Wissenschaftler beobachteten am zweiten und achtzehnten Tag, wie häufig sich die Schweine mit dem Material beschäftigten. Die Auswertung zeigte grosse Unterschiede: Die Schweine, die immer Futter hatten, beschäftigten sich deutlich weniger mit den Materialien als die Schweine, die zweimal täglich gefüttert wurden. Studienautor Roland Weber vom Zentrum für tiergerechte Haltung erklärt dies so: «Diese Schweine sind den ganzen Tag über mehr oder weniger satt, sodass sie eine geringere Motivation haben, nach Futter zu suchen.» Die Schweine, die zweimal täglich gefüttert wurden, beschäftigen sich am zweiten Beobachtungstag mit fast alle Materialien relativ stark – einzig der Strohpresswürfel animierte sie weniger, sich damit zu beschäftigen. Am achtzehnten Tag beschäftigten sich die Schweine deutlich weniger mit allen Materialien als am zweiten Tag.

In den Versuchen zeigte sich, dass das Stroh mit den Maiskörnern die Schweine am häufigsten beschäftigt. «Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Schweine im Stroh wühlen, die Maiskörner suchen und sie dann fressen können», erklärt Weber. Dies komme dem natürlichen Verhalten in der Natur relativ nahe. Auch in einer Raufe angebotenes Stroh beschäftigt die Schweine gut: Sie konnten das Stroh aus der Raufe zupfen, beschäftigten sich dann aber auch noch längere Zeit mit den auf dem Boden liegenden Halmen. Den Strohpresswürfel hingegen können die Schweine nur beknabbern und verlieren dann relativ schnell das Interesse daran.

Den Schweinen regelmässig loses Stroh anzubieten, ist allerdings nicht für alle Aufstallungssysteme gleich gut möglich. Insbesondere bei den noch bis maximal im Jahr 2018 erlaubten Vollspaltenböden für die Mast stört loses Stroh, da es durch die Spalten in die Güllekanäle gelangt und diese verstopfen kann. Strohpresswürfel mit klein geschnittenem Stroh sind für solche Systeme eine effiziente und einfache Lösung.  «Für die Schweine nimmt das Interesse daran aber auf die Dauer ab», sagt Roland Weber.

Nicht alle Schweine in der Schweiz werden auf Vollspaltenböden gehalten. Im letzten Jahr wurden 65 Prozent aller Schweine in sogenannten BTS-Ställen gehalten, das heisst besonders tierfreundlichen Stallhaltungssystemen. In diesen Ställen darf der Liegebereich keine Löcher oder Spalten aufweisen und muss ausreichend mit Langstroh oder China­schilf eingestreut sein. So gehaltene Mastschweine können sich jederzeit mit Stroh beschäftigen.

Beschäftigte Schweine sind friedlicher
Die Versuchsresultate zeigen, dass unabhängig vom Aufstallungssystem das Beschäftigungsmaterial für Mastschweine regelmässig gewechselt werden oder mehrere Materialien gleichzeitig angeboten werden sollten. So können die Schweine wühlen, suchen oder knabbern und bleiben an den Materialien interessiert.

Wenn Schweine ihr Bedürfnis nach Wühlen und Knabbern auch in der Mast ausleben können, kann dies Verhaltensstörungen wie das gefürchtete Schwanzbeissen verhindern. Dieses führt in schlimmen Fällen zu schweren Entzündungen bis ins Rückenmark. Besonders problematisch dabei ist, dass sich die Schweine das Schwanzbeissen voneinander abschauen und sich die ganze Mastgruppe so gegenseitig verletzt. Auslöser für das Schwanz-
beissen können allerdings nebst der fehlenden Beschäftigung auch ein ungünstiges Stallklima oder Fütterungsfehler sein.

Wie gut die Schweizer Schweine beschäftigt werden, wird von Kontrolldiensten überprüft. Und mit der Revision der Tierschutzverordnung hat sich deren Aufgabe vereinfacht: Weil die Tiere nun immer eine Beschäftigungsmöglichkeit haben müssen – und nicht mehr bloss «über längere Zeit» wie früher –, sind fehlende oder falsch angebrachte Beschäftigungsmöglichkeiten gut erkennbar. So können Verstösse gegen die Tierschutzverordnung sofort sanktioniert werden.

Regeln der Schweinehaltung

– Höchstens 1500 Mastschweine pro Betrieb.
– In der Schweiz müssen die Vollspaltenböden in der Schweinehaltung bis Ende August 2018 umgebaut werden; mindestens zwei Drittel Liegefläche mit maximal zwei Prozent Perforation bei Neubauten sowie fünf Prozent bei Umbauten und maximal ein Drittel Teilspaltenfläche.
– Mastschweine erreichen ihr Schlachtgewicht von 85 bis 90 Kilogramm in knapp vier Monaten.
– In Ställen, die vor dem 1. September 2018 eingerichtet wurden, müssen Schweine von 85 bis 110 Kilogramm Lebendgewicht mindestens 0,65 Quadratmeter Gesamtfläche haben. In ab 1. September 2008 neu eingerichteten Ställen und in allen Ställen ab 1. September 2018 müssen für jedes Mastschwein 0,9 Quadratmeter zur Verfügung stehen.
– Seit 2010 ist die Ferkelkastration nur unter Narkose und Schmerzausschaltung erlaubt.
– Bei Schweinen verboten ist: Kupieren des Schwanzes, Abklemmen der Zähne bei Ferkeln sowie Einsetzen von Nasenringen sowie Klammern und Drähten in die Rüsselscheibe.

 

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