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Nutztiere

Gesund und munter ohne Nuckeleimer

Andere Haustiere | Donnerstag, 10. Juli 2014, Yvonne Vogel

Kühe melken und die Kälber dennoch bei der Kuh saugen lassen – wie das geht, zeigt die Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht. Das Pioniermodell findet wachsendes Interesse bei den Landwirten.

Die Beziehung einer Kuh zu ihrem Kalb ist natürlicherweise eine innige. Kurz nach der Geburt leckt die Kuh ihr Kleines, bis es trocken ist. Nach 10 bis 30 Minuten steht das Kalb auf, innerhalb von zwei Stunden trinkt es erstmals am Euter. Die erste Milch, die Kolostralmilch, ist sehr nahrhaft und notwendig für die Immunabwehr des Jungtiers. In dieser Zeit findet die Prägung statt, danach kennt die Mutterkuh ihr Kalb. Durch Saugen und Lecken wird die Beziehung in den weiteren Tagen und Wochen gefestigt. Nach etwa drei Tagen erkennen sie sich gegenseitig an der Stimme, und die Kuh erkennt das Kalb am Geruch. Am Aussehen erkennen sie sich hingegen nicht immer.

Wenn man das Kalb von der Kuh wegnehmen will, um die Kuh zu melken und die Milch zu verkaufen, so muss man das tun, bevor sich eine starke Bindung ausgebildet hat. Genauer: innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt. So wird das auf einem Milchwirtschaftsbetrieb in der Regel gehandhabt. Die Kuh wird weiter gemolken, das Kalb wird, zusammen mit anderen Jungtieren, in einem separaten Stallabteil untergebracht. Dort werden sie mit Kuhmilch aus Nuckel­eimern (Eimer mit Zitzenersatz aus Gummi) oder auch nur mit Ersatzmilch auf Milchpulver­basis gefüttert. Nun sind einige Milchviehhalter dazu übergegangen, die Kälber bei den Kühen saugen zu lassen, gleichzeitig aber die Kühe auch weiterhin zu melken. Diese Kombination zwischen Saugen und Melken nennt sich Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht (MAgKa).

Gesündere Tiere, aber weniger Milch
Christan und Christina Meier vom Sonnenhof in Kleinwangen LU gehören zu den Pionieren – in der Schweiz sind es erst 20 bis 30 Bauern, die dieses System betreiben. «Als ich 2006 den Stall zum Laufstall umgebaut habe, habe ich gemerkt, dass es eigentlich noch cool wäre, wenn die Kälber bei der Kuh saugen könnten», erzählt Christian Meier. «Es ist wichtig, dass Kälber vier bis fünf Monate lang Muttermilch trinken, das macht sie widerstandsfähiger und gesünder.»

Meier hat im Sommer, wenn die Heuernte ansteht, weniger Zeit. So kommt es ihm gelegen, wenn er die Kälber nicht mittels Nuckeleimer füttern muss. Das könne recht aufwendig sein, sagt Meier. Da bei einer Rohrmelkanlage die Milch bereits kalt ist, wenn sie im Tank ankommt, muss sie für die Eimertränke wieder erwärmt werden. Die Temperatur sei wichtig, erklärt Meier. Sie müsse exakt derjenigen der frischen Kuhmilch entsprechen. Ausserdem benötigen die Tiere, wenn sie bei der Mutter trinken, kein Kraftfutter mehr, die Muttermilch, die sie in grösseren Mengen trinken als bei der Eimertränke, ersetzt dieses vollauf.

Der grösste Vorteil der MAgKa ist die Tiergesundheit – und diese hat für Christian Meier oberste Priorität. Kälber, die à discrétion Muttermilch trinken können, seien fitter und weniger krankheitsanfällig. «Auch das soziale Gefüge, in welchem die Kälber aufwachsen, stützt sie gesundheitlich», beobachtet der 42-Jährige. Allerdings kann es vorkommen, dass sie wegen der grossen Milchmenge, die sie zu sich nehmen, Durchfall bekommen. Aber «Dünnschiss» wegen Überfütterung sei nicht weiter schlimm, sagt Meier.

Der grösste Nachteil der MAgKa: Zur Vermarktung steht weniger Milch zur Verfügung. Für Meier halten sich der verringerte Arbeitsaufwand – so muss er keine zusätzliche Arbeiter einstellen – und die geringere Milchmenge unter dem Strich etwa die Waage.

Meier hat zunächst verschiedene MAgKa-Systeme (siehe Kasten) ausprobiert: Kälber vor dem Melken trinken lassen. Oder nach dem Melken. Nun hat er sich für die Aufzucht in dauerhaften Ammengruppen entschieden. Das heisst: Zwei bis drei Kühe lässt er bei den Kälbern. An jeder Kuh können nun mehrere Kälber trinken, eines davon ist das eigene.
Die restlichen zwölf Kühe melkt er. Diese Konstellation behält er eine Saison lang bei, es sei denn, eine Kuh akzeptiere kein fremdes Kalb. Fremde Kälber werden von einer Ammenkuh am besten angenommen, wenn sie gleich nach der Geburt des eigenen Kalbes zugesetzt werden. Und die Mutterkuh lässt fremde Tiere meist problemlos ans Euter, wenn gleichzeitig das eigene Kalb saugt.

Rechtlicher Graubereich
Im Winter sind die Ammenkühe auf dem Sonnenhof von den «Milchkühen» räumlich getrennt untergebracht. Im Sommer werden die Kälber während rund zehn Tagen von der Kuhmutter getrennt und bei der Ammenkuh untergebracht. Danach darf dann die gesamte Herde – Kühe, Kälber und auch der Stier – auf die Weide. Da bestehe allerdings die Gefahr, dass eine Kuhmutter ihr eigenes Kalb sucht, sagt Meier. Das kommt aber zum Glück relativ selten vor. «Und es ist toll für die Tiere, wenn sie zusammen in ihrem natürlichen Umfeld aufwachsen»

Ein Problem, das im Merkblatt «Muttergebundene Kälberaufzucht» angesprochen wird, ist das Absetzen des Kalbes: «Die Trennung von Mutter und Kalb ist bei beiden Tieren mit Verlustgefühlen verbunden.» Und weil die Tiere ihre Bindung gefestigt haben, ist der Absetzstress grösser, als wenn die beiden gleich nach der Geburt separiert werden.

Meier hat auch seine Erfahrungen gemacht: Als er alle Kälber gleichzeitig von der Ammenkuh wegnahm, gabs ein Riesengebrüll. «Wochenlang! Wir sind fast durchgedreht.» Nun hat er daraus gelernt und nimmt die Kälber einzeln weg, und auch erst nach vier bis fünf Monaten, wenn die Kuh allmählich «gust geht» (kaum mehr Milch gibt) und sich sowieso auf eine neue Phase, die Geburt des nächsten Kalbes, vorbereitet. Dann kann sich das Muttertier leichter vom fast halbjährigen Kalb trennen.

Die Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht befindet sich streng genommen in einem rechtlichen Graubereich. In der Verordnung des EDI über Lebensmittel tierischer Herkunft, Art. 26, steht: «Milch ist das ganze Gemelk einer Kuh oder mehrerer Kühe, die regelmässig gemolken werden.» Für Christian Meier stellt dieser Paragraf kein Problem dar, weil er die Milch der Ammenkühe nicht vermarktet. Aber MAgKa-Betriebe, welche die Kälber saugen lassen und die Kuh melken, dürften die Milch eigentlich nicht abgeben, weil sie de jure keine mehr ist.

Experimentierfreude ist gefragt
In der Praxis wird aber wegen des Gesetzesartikels kein Aufhebens gemacht. Nur bei der Milchkontrolle besteht der Zuchtverband darauf, dass das Kalb vor dem Melken nicht bei der Kuh saugen darf. «Wenn die Kuh aber bereits gewohnt ist, dass das Kalb kommt, kann es vorkommen, dass sie die Milch für das Kleine spart und nicht geben will», erzählt Anet Spengler vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL).

Die Mutter- und Ammengebundene Kälberaufzucht sei nicht so einfach zu handhaben. Es brauche Freude am Experimentieren und am Tierebeobachten. Spengler: «Es ist nicht weniger Arbeit, es ist andere Arbeit. Mehr beobachten als Eimer waschen. Alle Bauern, die die MAgKa praktizieren, sagen: Es ist die schönere Arbeit.» 

Infos: «Mutterkuhgebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung»; herausgegeben vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). www.shop.fibl.org

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