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Kaninchen-Verhalten

Hoppeln, Nasenblinzeln und andere Kapriolen

Kaninchen | Dienstag, 17. Juli 2018, Ursula Glauser

Kaninchen sind weit verbreitet und man glaubt, fast alles über sie zu wissen. Ein näherer Blick lohnt sich aber – denn die Hoppler weisen überraschende und interessante Besonderheiten aus. Ein Blick durch die Zoologenlupe. 

Kaninchen haben diesen Jöö-Effekt, selbst wenn sie nicht mehr den Jungtier-Bonus haben. Ihre rundliche Gestalt und die grossen Augen entsprechen dem Kindchenschema und lösen fürsorgliche Gefühle in uns aus. Kaninchen sind ausserdem regelrechte Fellknäuel; das weiche Haar bedeckt die Tiere von der Nasenspitze bis zum Schwanz, selbst die Sohlen sind dicht behaart. Das Fell ist besonders weich, es lädt geradezu zum Streicheln ein. Dazu kommen Schlackerohren und das Nasenblinzeln sowie das Hoppeln als Fortbewegung, das auf uns lustig wirkt. 

Damit sind wir bereits mitten in den Besonderheiten, die das Kaninchen und viele seiner Kollegen aus der zoologischen Ordnung der Hasentiere auszeichnen. Die Hinterbeine sind viel länger als die Vorderläufe und mit kräftigen Muskeln versehen. Diese können besonders viel Energie speichern und wieder freisetzen.

Hoppeln wie Kängurus
Die dicht behaarten Sohlen sind nicht einfach Polsterung, sondern erhöhen die Traktion, das heisst, sie verbessern die Kraftübertragung auf den Boden. Damit und mithilfe der Beinmuskeln schaffen Kaninchen und Hasen die hohen und weiten Sprünge und das Hakenschlagen, das Fressfeinde verwirrt, und so manchem Langohr das Leben rettet. 

Das ist auch bitter nötig, denn die Langohren gehören zu den bevorzugten Beutetieren vieler gefiederter und bepelzter Räuber. Auf Schnelligkeit und Wendigkeit ist denn auch ihr Skelett ausgerichtet, das besonders leicht gebaut ist: Höchstens 8 Prozent des Körpergewichtes gehen beim Kaninchen auf Kosten der Knochen. Zum Vergleich: Bei der etwa gleich grossen Katze sind es 12 Prozent, beim Menschen gar 18 Prozent. 

Auf der unterschiedlichen Länge der Vorder- und Hinterläufe basiert das Hoppeln, eine Fortbewegungsart, die bei Säugetieren nur noch bei Kängurus und Springmäusen vorkommt. Besonders lustig an­zusehen sind dabei die Luftsprünge mit gleichzeitigem Schlenkern der Läufe. Diese Kapriolen zeigen Kaninchen, wenn sie sich in einem grossen Freigehege austoben dürfen. 

Ohren sind wichtig
Die Vorderläufe sind für die Kaninchen wichtige Werkzeuge. Sie können aber keine Nahrung ergreifen, wie dies viele Nagetiere tun, sondern graben damit ihre Höhlen. Graben ist ein Verhalten, das noch tief in unseren domestizierten Kaninchen steckt und das sie gern in einem Freigehege mit Naturboden ausleben. Das Krallenwachstum der Kaninchen ist auf die starke Abnützung des Grabens ausgerichtet, das heisst, dass man bei reinen Stallbewohnern die Krallen regelmässig schneiden muss. 

Das Markenzeichen der Kaninchen, die Ohren, sind nicht nur hochempfindliche Sinnesorgane, sondern dienen auch, wie bei vielen anderen Säugetieren, der Kommunikation. Je nach Stellung der Ohren und der Ohröffnung signalisiert das Tier Interesse, Entspannung, aber auch Angriffslust. Kaninchen hören übrigens bis weit in den Ultraschallbereich hinein; Marder- und Katzenschreckgeräte in Hörweite der Ställe stressen die Kaninchen extrem und sind deshalb zu vermeiden.

Die Ohren haben zudem eine wichtige Funktion als Klimaanlage inne. Kaninchen können nicht schwitzen, bei Hitze werden die Ohren stärker durchblutet, um auf diese Weise überschüssige Wärme abzugeben. Dieser Mechanismus ist aber nicht so effektiv; natürlicherweise verbringen Wildkaninchen ja die heissesten Stunden im kühlen Bau. Kaninchenställe dürfen deshalb keinesfalls in der brennend heissen Sonne stehen, ihre Bewohner könnten einen Hitzschlag erleiden.   

Nasenblinzeln verrät Stimmung
Kaninchen nagen gerne und müssen ihre fortwährend wachsenden Zähne abnutzen können. Nebst rohfaserreicher Nahrung, die den Zahnabrieb fördert, sollten Kaninchen Äste, aber auch Leisten oder Bretter aus unbehandeltem Weichholz benagen können. Kaninchen sind jedoch keine Nagetiere, wie das oft fälschlicherweise angenommen wird.

Hasenartige und Nagetiere hatten wohl gemeinsame Vorfahren, doch die Wege der beiden zoologischen Ordnungen trennten sich vor 80 Millionen Jahren. Charakteristische Merkmale, die alle Hasenartigen auszeichnen und sie von den Nagetieren abgrenzen, sind zwei kleine, hinter den oberen Nagezähnen sitzende Stiftzähnchen, die dicht behaarten Fusssohlen und die Fellfalte, die die Nase bedeckt und durch das rhythmische Zurückziehen zum typischen Nasenblinzeln führt. 

Das Nasenblinzeln ist ein Stimmungsbarometer, seine Frequenz ist unabhängig vom Atemrhythmus: Ist ein Kaninchen entspannt, bleibt die Nase völlig ruhig, obschon es natürlich atmet. Liegen interessante Gerüche in der Luft, die das Kaninchen analysieren will, beginnt das Nasenblinzeln. Je aufgeregter oder ängstlicher ein Kaninchen ist, desto schneller wackelt die Nase auf und ab. 

Kaninchen leben überwiegend in einer Geruchswelt; auch ein Grossteil der Kommunikation läuft über Geruchsmarkierungen. Dabei bildet der Geruch der Leistendrüsen den eigentlichen Individualgeruch. Duftmarken setzen Kaninchen mit ihrer Kinndrüse, mit Markierkötteln oder Urin.

Nicht dieselbe Gattung
Zum Schluss soll auch erwähnt werden, dass Kaninchen keineswegs Hasen sind, selbst wenn sie oft so genannt werden. Sie unterscheiden sich in vielem: Kaninchen leben in selbst gegrabenen Höhlen, bringen nach 31 Tagen Tragzeit nackte und blinde Jungtiere zu Welt. Hasen sind viel grösser als Wildkaninchen und mit einer Spitzengeschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde rund doppelt so schnell. Sie graben keine Höhlen, sondern scharren kleine Mulden, Sassen genannt, als Ruheplatz. Die jungen Hasen sind Nestflüchter, sie kommen nach einer Tragzeit von 42 Tagen behaart und sehend zur Welt. 

Auch die Chromosomenzahlen von Hase und Kaninchen unterscheiden sich: 48 sind es beim Hasen und 44 beim Kaninchen. Kreuzungen zwischen Hase und Kaninchen sind nicht möglich, aber nicht wegen der unterschiedlichen Chromosomenzahl, denn das klappt ja bei Pferd (64 Chromosomen) und Esel (62 Chromosomen), wie ihr Kreuzungsprodukt, das Maultier, beweist. 

Hase und Kaninchen sind jedoch verwandtschaftlich zu weit voneinander entfernt; sie gehören – im Gegensatz zu Pferd und Esel – verschiedenen zoologischen Gattungen an: Feldhase und Schneehase gehören zur Gattung Lepus, das Wildkaninchen und damit auch seine zahmen Verwandten, die Hauskaninchen, sind die einzigen Vertreter der Gattung Oryctolagus.

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