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Kaninchenhaltung

Stress kann auch belebend sein

Kaninchen | Freitag, 27. März 2015, Ursula Glauser

Stress ist nicht allein dem Menschen vorbehalten. Als physiologische Vorbereitung auf Flucht oder Kampf ist er auch bei Tieren weitverbreitet. Eine völlige Vermeidung von Stress ist weder machbar noch wünschenswert.

Ein Kaninchen sitzt im Dämmerlicht auf der Wiese und knabbert am Gras. Doch die Idylle trügt. Im Unterholz hat sich ein Fuchs angepirscht, langsam und leise. Nun ist er seiner Beute so nahe, dass er sie in wenigen Sätzen erreichen kann. Mit kaum merkbaren Bewegungen bringt er sich in eine gute Absprungposition – und schiesst aus dem Unterholz hervor.

Auf einen Schlag verändert sich der Stoffwechsel des Kaninchens dramatisch! Der Thalamus, jener Teil des Gehirns, der einkommende Informationen daraufhin bewertet, ob sie an die Hirnrinde weitergeleitet werden sollen, kommt zum Schluss, dass eine akute Gefahrensituation vorliegt und keine Zeit zum Überlegen bleibt. Er umgeht die Hirnrinde und alarmiert die Amygdala, die Hirnregion, die für die Gefahrenanalsye zuständig ist. Sie löst nun die eigentliche Stressreaktion aus: Ihre Nervenzellen setzen grosse Mengen des Botenstoffs Glutamat frei und versetzen damit das Stresszentrum im Hirnstamm in Alarmbereitschaft. Dieses schüttet den Nervenbotenstoff Noradrenalin aus und aktiviert damit den Sympathikus, einen Nervenstrang, der die wichtigen Organe und Gefässe versorgt. Auch im Sympathikus wird Noradre­nalin ausgeschüttet und damit Atmung und Kreislauf angeregt. Von den Nebennieren wird zusätzlich Adrenalin ausgeschüttet, das Kreislauf, Puls und Atmung hochtreibt, die Muskelspannung erhöht und Energie bereitstellt; es gilt, den Körper auf Höchstleistung zu bringen.

Diese ganze Stresskaskade läuft in Sekundenbruchteilen ab und resultiert darin, dass das Kaninchen davonrast und im rettenden Bau verschwindet.

Marderschreckanlage macht aggressiv
Obschon die Situation für das Kaninchen lebensbedrohend war, ist der dabei durchgemachte Stress für das Tier nicht schädlich. Es ist der Gefahr entronnen, das Adrenalin wird abgebaut, der Alarm verebbt, der Körper beruhigt und entspannt sich. Schädlich wird Stress erst, wenn die Stresskaskade dauernd ausgelöst wird und sich nicht in Flucht oder Kampf auflösen kann. Ein extremes Beispiel dafür war vor einigen Jahren ein Kaninchenstall, der im Bereich zweier Marder- oder Katzenschreckanlagen stand. Immer wieder schreckten die Tiere durch den Ultraschall auf, der durch Bewegungsmelder ausgelöst wurde. Sie wurden dadurch so aggressiv, dass die Mütter ihren Nachwuchs töteten, etliche Tiere den Züchter angriffen; ein Tier zerbiss sich sogar selber den Schwanz – Selbstverstümmelung als Ausdruck von unerträglichem Stress. Die Tiere konnten dem Lärm nicht ausweichen und befanden sich dadurch in einem nicht endenden Stresszustand. Das macht nicht nur aggressiv, sondern belastet das Herz-Kreislauf-System, schwächt das Immunsystem, führt zu Verdauungsstörungen und Erschöpfung. Solcher Dauerstress ist ganz klar schädlich und krank machend und muss vermieden werden.

Es gibt guten und schlechten Stress
Daneben gibt es viele Situationen, die ein Kaninchen in kleinere oder grössere Aufregung versetzen. Solange sich der Stress in kurzer Zeit wieder auflöst, schadet er dem Tier nicht, ja er wirkt sogar belebend. Nicht ohne Grund unterscheidet man zwischen Disstress (krank machendem Stress) und Eustress (gutem Stress), der gewissermassen die Würze des Lebens ist.

Kaninchenausstellungen beispielsweise dürften weitgehend auf der Seite von gutem Stress liegen. Sie sind zeitlich begrenzt und bieten dem Tier eine Abwechslung vom ruhigeren Alltag. Die neue Umgebung, die anderen Kaninchen, all die ungewohnten Gerüche und die Besucher sind aufregend, aber auch interessant. Die besucherfreie ruhige Nachtzeit sorgt für eine ausreichende Erholung. Positiv ist sicher, dass Ausstellungsboxen neu mit einer Sichtblende als Rückzug ausgerüstet werden. Interessant ist aber die Beobachtung, dass bereits das Gitter den Kaninchen Sicherheit verleiht. Es bildet eine klare Grenze, kein Besucher durchbricht sie. Die Tiere verhalten sich in ihren Boxen völlig ungezwungen, putzen sich, dösen, spielen nicht selten mit dem Futternapf oder der Dekoration. Es ist aber fast unmöglich, sie dabei zu fotografieren. Sobald man das Boxentürchen öffnet und so die Grenze durchbricht, merken sie auf und unterbrechen ihr Tun.

Bedrohlich wirken vor allem plötzliche Geräusche oder rasche Bewegungen. An Ausstellungen treten solche Situationen kaum auf. Ganz anders bei Aussenställen: Vögel fliegen vorbei, Katzen tauchen unerwartet auf, ein Fuchs schleicht herum. Da hat der vorgeschriebene Rückzug in Form einer erhöhten Ebene oder Sichtblende den Tieren eine bessere Lebensqualität gebracht. Bei Beunruhigung tauchen sie unter das Sitzbrett oder hinter die Blende, die Stresskaskade verebbt, das Tier findet rasch zur Ruhe zurück.

Eine besondere Herausforderung sind Gruppenhaltungen. Der Halter muss seine Tiere gut beobachten und abschätzen, ob das Zusammenleben harmonisch ist, oder ob ein Tier unter die Räder kommt. Ein entspanntes Kaninchen liegt ausgestreckt; dauerndes Sitzen deutet auf Stress hin. Ein gut strukturiertes Gehege mit vielen Versteck- und Ausweichmöglichkeiten ist wichtig, ebenso genügend Trink- und Fressplätze an verschiedenen Stellen, damit auch die schwächsten Tiere Zugang haben. Ewige Störenfriede oder besonders schwache Tiere, die im Dauerstress leben, sollten umquartiert werden.

Freilaufgehege
In diesem gut strukturierten Freilaufgehege kann sich das
Kaninchen bei Stress zurückziehen.
Bild: Ursula Glauser

Stress bereitet den Körper auf Flucht oder Kampf vor. Alle Lebensfunktionen, die dazu nicht nötig sind, werden gedrosselt. Das geschieht über den Sympathikus, jenen Teil des vegetativen Nervensystems, der für hohe Leistungsbereitschaft zuständig ist. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus, ist der gemütliche Teil des vegetativen Nervensystems. Er steuert die Verdauung und den Aufbau von körpereigenen Reserven, er ist zuständig für Ruhe und Erholung.

In Stressphasen wird die Verdauung heruntergefahren, da sie in diesem Moment nicht wichtig ist. Ein Kaninchen, das immer wieder Stress erfährt ohne Erholungsphasen, kann in der Folge unter Verdauungsstörungen leiden. Pflanzliche Hilfe bieten Melisse und Breitwegerich. Sie stärken das vegetative Nervensystem, beruhigen und verbessern die Verdauung. Ein- bis zweimal in der Woche ein paar Blätter genügen. Für eine dauerhafte Verbesserung muss aber der auslösende Stress verringert oder eliminiert werden.

Stress lösende Behandlungen
Kaninchen geniessen es, wenn man sie zwischen Wange und Ohr und rund ums Ohr streichelt. Dort verlaufen mehrere Energieleitbahnen: Magen-Meridian und Dünndarm-Meridian, an der Ohrenbasis Blasen-Meridian und Dreifach-Erwärmer-Meridian. Das gezielte Behandeln dieser Zonen hilft, Stress zu lösen. Besonders wirksam sind kreisende Bewegungen nach der Methode von Linda Tellington-Jones. Mit den Fingerspitzen (ohne Einsatz der Fingernägel) werden winzige 1¼-Kreise beschrieben. Viele Kaninchen lieben auch eine Nackenbehandlung, entweder in Form von kreisenden Tellington-Touches oder indem man den Nacken sanft Richtung Ohren ausstreicht.

Der Bauchheber hilft bei Verkrampfungen und Verdauungsstörungen: Die Hände gleiten von beiden Seiten unter den Bauch des Tieres, bis sie sich berühren. Langsam und sanft wird der Bauch einige Millimeter angehoben, ein paar Sekunden gehalten und schliesslich langsam wieder in die Ausgangsstellung zurückbegleitet. Man beginnt hinter den Vorderläufen und rutscht mit den Händen für den nächsten Heber jeweils einen Fingerbreit weiter bis zu den Hinterläufen. Das Wichtigste am Bauchheber ist das Loslassen in Zeitlupentempo, was zu einer tiefen Entspannung der Bauchmuskeln führt.

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