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Kaninchengesundheit

Zahnprobleme wegen schlechter Ernährung

Kaninchen | Donnerstag, 28. August 2014, Interview: Heinz Schmid

Zahn- und Darmgesundheit sind eng verflochten. Nur wenn das Gebiss die Nahrung gut zerkleinert, kann der Darm die Nährstoffe optimal aufnehmen. Tierärztin und Autorin Estella Böhmer sagt, wie sich Zahn- und Verdauungsprobleme bei Kaninchen vermeiden lassen.

Estella Böhmer

Estella Böhmer.
Bild: zVg

Frau Böhmer, Sie stellen im Titel Ihres Buches gleich selber die Frage: Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen und wie hängt beides zusammen?
Gebiss- und Verdauungsprobleme können bei Kaninchen prinzipiell nicht getrennt betrachtet werden, da sie oft gleichzeitig auftreten. Die Zähne und der Magen-DarmTrakt gehören zu einer Einheit, der Verdauung. Kaninchen benötigen ein gesundes Gebiss und voll belastbare Zähne, damit sie sich normal ernähren können. Dann weisen sie ganz automatisch eine ungestörte Verdauung auf – vorausgesetzt der Halter bietet das richtige Futter an. 

Wie sind die Zähne beim Kaninchen überhaupt angeordnet? Gibt es nur Schneide- und Backen- oder auch Eckzähne?
Kaninchen haben ein besonderes Gebiss, da ihre bleibenden Zähne lebenslang wachsen. Insgesamt haben sie 28 Zähne. Im Oberkiefer sitzen vier Schneidezähne: zwei grosse Schneidezähne und dahinter die kleinen Stiftzähnchen, im Unterkiefer nur zwei Schneidezähne. Zwischen den Schneide- und den Backenzähnen liegt ein zahnloser Bereich, in dem bei anderen Tieren die bei Kaninchen fehlenden Eckzähne liegen. Zudem haben Kaninchen im Oberkiefer sechs und im Unterkiefer fünf Backenzähne. Während bei den meisten Tierarten (und beim Menschen) die Backenzähne das Futter zerquetschen und danach durch leicht seitliche Kieferbewegungen noch etwas zermahlen, zerschneiden Kaninchen ihre Nahrung zwischen den scharfkantigen Kau flächen der Backenzähne. Deshalb sind Getreidekörner oder andere harte Bestandteile von Futtermischungen (Johannisbrotstückchen, getrocknete Gemüseteilchen, Hagebutten etc.) als Futter nicht geeignet. Diese Nahrungsteilchen können Kaninchen nicht zerschneiden; sie müssen sie zerdrücken. Hieraus resultiert eine erhöhte Belastung der Zähne. Dies ist oft der Beginn einer Gebisserkrankung.

Wie steht es mit Milchzähnen?
Kaninchen haben in der Tat ein Milchgebiss. Es besteht aus insgesamt 16 Zähnchen. Der Wechsel zwischen Milch- und bleibenden Zähnen beginnt bereits vor der Geburt und ist im Alter von fünf bis sechs Wochen abgeschlossen. Obwohl die bleibenden Zähne der Kaninchen lebenslang nachwachsen, handelt es sich bei den Milchzähnchen um ganz normale Zähne, die nicht nachwachsen. Die Milchzähnchen der Kaninchen sind sehr klein und werden von den durchbrechenden, bleibenden Zähnen aus dem Kiefer herausgedrückt, wobei sich deren Wurzelbereich zum Teil auch auflöst. Normalerweise werden sie von den Tieren zusammen mit der aufgenommenen Nahrung verschluckt. Man kann sie also nicht im Stall finden. Besonders wichtig ist während des Zahnwechsels eine optimale Versorgung der Tiere mit Kalzium, Phosphor sowie Vitamin D. So ist gewährleistet, dass die Kaninchen voll belastbare Zähne ausbilden können, die auch fest im gesunden Kieferknochen verankert sind. 

Inwiefern tragen die Zähne zu Verdauungsproblemen bei?
Die Schneide- und vor allem die Backenzähne sind so wichtig, weil sie das für Kaninchen so wichtige Raufutter entsprechend zerkleinern. Denn wir füttern eigentlich nicht die Kaninchen, sondern die komplex zusammengesetzte Mikroflora im Blinddarm der Tiere, die das Futter erst in die nutzbaren Energiestoffe zersetzt. Leiden Kaninchen an Zahn- oder Gebissproblemen, die es ihnen verunmöglichen Rohfaser in adäquaten Mengen aufzunehmen und zu zerkleinern, so sterben die wichtigen Darmbakterien ab und andere Keime vermehren sich. Als Folge entwickeln sich Magen-Darm-Erkrankungen, die mit chronischem Durchfall, Koliken, reduzierter oder gar völlig eingestellter Blinddarmaufnahme einhergehen. 

Bei welchen Zahnproblemen ist ein chirurgischer Eingriff nötig?
Bei Zahnerkrankungen unterscheidet man zwischen einem einfachen unzureichenden Abrieb der Backenzähne, den man mit einem einmaligen Kürzen der Zähne in Vollnarkose und einer nachfolgenden Ernährungsberatung langfristig beheben kann, und schwerwiegenderen Gebissveränderungen. Zu Letzteren zählen die häufig vorkommenden eitrigen Zahnwurzelentzündungen mit zum Teil sehr grossen Abszessen im Kopfbereich. Hier ist es oft schwierig zu entscheiden, was gemacht werden kann und sollte. Der Tierarzt muss zunächst Röntgenaufnahmen anfertigen, denn 80 Prozent der Veränderungen sind von aussen nicht erkennbar. 

Gehört das Kürzen der Schneidezähne in die Fachhände des Tierarztes oder kann ein Tierhalter selbst Zähne abschleifen?
Entscheidet sich der Tierhalter zum regelmässigen Einkürzen der Schneidezähne – aus Kostengründen oder weil er meist unbegründete Angst vor der Vollnarkose hat –, so sollte diese stets vom Tierarzt durchgeführt werden. Dabei dürfen nur spezielle Fräser oder sogenannte Trennscheiben verwendet werden. Keinesfalls dürfen die Zähne mit Zangen abgezwickt werden. Dies führt zu Splitterungen der Zahnsubstanz. Dabei kann der Zahnnerv freigelegt werden, was langfristig in einer Zahnwurzelentzündung resultiert.

Wie merkt der Tierhalter rasch, dass etwas mit den Zähnen und mit der Verdauung nicht stimmt?
Jeder Kaninchenhalter sollte sich einmal pro Woche die Schneidezähne seines Tieres genauer anschauen. Gesunde Zähnchen sind weiss und haben eine glatte Oberfläche, mit Ausnahme einer Längsrille im mittleren Bereich der oberen Schneidezähne, die normal ist. Fallen auf der Zahnoberfläche Querrillen auf (siehe Bild), sollte man den Tierarzt aufsuchen. Verdauungsprobleme machen sich häufig durch Bauchweh, also Koliken bemerkbar. Das Tier wirkt krank, zieht sich vermehrt zurück, frisst weniger oder gar nicht mehr, hat einen gekrümmten Rücken und nimmt auch seinen Nachtkot nicht mehr (vollständig) auf. Dieser bleibt dann häufig im Fell des Analbereiches kleben, sodass man versehentlich meint, das Tier habe Durchfall, obwohl der über den ganzen Tag verteilt abgesetzte Hartkot eine normale Konsistenz aufweist.

Haben einige Rassen häufiger Gebissprobleme? Wie stark werden Zahnfehler vererbt?
Kongenitale, also angeborene Gebisserkrankungen sind besonders häufig bei den kleineren Kaninchenrassen mit Hängeohren. Um die Tiere besser verkaufen zu können, züchtete man diese Zwergrassen – denn das sogenannte Kindchenschema kommt besonders gut an. Als Folge des Missverhältnisses der Kieferlänge leiden Zwergkaninchen vermehrt an angeborenen Schneidezahnveränderungen. Meines Erachtens sind Backenzahnprobleme jedoch überwiegend erworben, als Folge einer ungeeigneten Ernährung. Hier macht man es sich zu einfach, wenn behauptet wird, dass Hauskaninchen bereits ein in dieser Hinsicht schlechtes genetisches Material haben. 

Welches ist das beste Beschäftigungsmaterial, wenn es um die Gesunderhaltung der Zähne geht?
Um Schneide- und Backenzähne langfristig gesund zu erhalten, müssen Kaninchen so ernährt werden, dass sie das Futter primär durch seitliche Kieferbewegungen zerschneiden können. Dabei spielt die Abrasivität des Futters weniger eine Rolle als die Dauer des Abriebes. Somit darf das Futter nicht sehr energiereich sein, was auch für die Aufrechterhaltung einer gesunden Blinddarmflora von Vorteil ist.

Zusammenhänge zwischen Zähnen und Verdauung
In ihrem neuen Buch «Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen» stellt Estella Böhmer die Zusammenhänge der Ernährung und die Funktion der Zähne der Kaninchen für jeden Leser gut verständlich dar. Das Buch gehört in die Bibliothek eines jeden Kaninchenhalters, der mehr wissen will und der nach einer noch besseren Ernährung seiner Tiere sucht.

Estella Böhmer: «Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen?», 248 S., gebunden, Eigenverlag, ISBN: 978-3-00-045039-6, ca. 50 Fr.
Bestellungen unter www.curoxray.de

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