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Ernährung

Der Tod lauert im Heu

Kaninchen | Donnerstag, 29. Mai 2014, Ursula Glauser

Pflanzen können heilen, aber auch töten. Das musste eine Züchterin bitter erfahren, als sie mit Herbstzeitlosen durchsetztes Heu fütterte. Denn nicht alle Pflanzen verlieren ihre Giftwirkung, wenn sie getrocknet sind.

Für die Zwergwidderzüchterin aus der Ostschweiz (*) wurden die schlimmsten Albträume wahr: Als das erste tote Tier im Gehege lag, vermutete sie noch nichts Böses, sondern dachte an einen Herzschlag. Doch andere Tiere wurden plötzlich seltsam schlaff, einige zeigten Durchfall, der wie Eiweiss aussah vermischt mit Blut, Jungtiere öffneten ihre Augen nicht, irrten im Stall umher, starben. Ausgewachsene Tiere verloren büschelweise Haare, fielen in kurzer Zeit so stark ein, dass die Wirbel hervortraten, tranken ungewohnt viel Wasser, starben.

Die Züchterin vermutete einen Zusammenhang mit dem Heu, denn das dramatische Geschehen fiel zeitlich mit dem Verfüttern der neuen Heuballen zusammen. Sie untersuchte das Heu und konnte als gelernte Floristin die seltsamen braunen Blätter und Samenkapseln richtig zuordnen: Herbstzeitlose! Vom Lieferanten erhielt sie die Auskunft, dass Herbstzeitlose im Heu nicht mehr giftig sei. Ein tödlicher Irrtum! Denn dieses Gift bleibt erhalten, egal ob die Pflanze getrocknet oder erhitzt wird. Herbstzeitlose gehört zu den gefährlichsten Giftpflanzen, die man bei uns findet. Wiederkäuer reagieren etwas weniger empfindlich, doch für Pferde, Schweine und Kaninchen ist die Pflanze eine tödliche Gefahr. Sie enthält mehrere Alkaloide; das bekannteste ist das Colchicin.

Es hemmt die Zellteilung, lokal reizt es die Schleimhäute des Verdauungstraktes und führt zu Entzündungen, Durst, Übelkeit, Koliken. Es stört das Elektrolyt-Gleichgewicht, lähmt die Muskeln und kann sogar die Blut-Hirn-Schranke durchbrechen; Bewusstseinsstörungen, Hirnödem und Störungen des Atemzentrums sind die Folgen; der Tod tritt meist durch Atemlähmung ein. Colchicin stört als Zellteilungshemmer die Embryonalentwicklung. Es wird über die Milch ausgeschieden und vergiftet auf diese Weise saugende Jungtiere. Beim Menschen sind Vergiftungen nach Konsum von Schaf- oder Ziegenmilch bekannt; Kühe scheinen die Pflanze zu meiden, solange sie nicht Überhand nimmt.

Als starkes Kapillargift zerstört Colchicin die kleinsten Blutgefässe. Damit hat es so grosse Ähnlichkeit mit Arsen, dass es auch pflanzliches Arsenik genannt wird. Zur Behandlung einer Herbstzeitlosenvergiftung setzt die Homöopathie nach dem Grundsatz «Gleiches mit Gleichem heilen» denn auch Arsenicum album ein.

Verseuchtes Gras unbedingt entsorgen
In der Pflanzenzüchtung wurde Colchicin verwendet, um Pflanzen mit mehreren Chromosomensätzen (tetraploide Pflanzen) zu erzeugen; medizinisch diente es lange Zeit als Mittel bei akuten Gichtanfällen. Herbstzeitlose kann auch Kaninchenleben retten: in homöopathischer Form als Colchicum D12 und kombiniert mit Nux vomica D30 und Carbo vegetabilis D30 hilft es bei Trommelsucht. Wie schon der berühmte Arzt Paracelsus schrieb, es ist die Dosis, die das Gift macht.

Herbstzeitlose ist aber so stark giftig, dass es nur in homöopathischer Form sicher ist; bereits kleinste Krümel im Heu sind gefährlich. Heuballen, die Teile der Giftpflanze enthalten, sind deshalb als Ganzes zu entsorgen. Kommt es doch zu einer Vergiftung, kann als Erste Hilfe eine Aufschlämmung von Medizinalkohle eingegeben werden, danach ist ein Tierarzt zuzuziehen.

Jeder Bauer, der Wiesen mit Herbstzeitlosen pflegt, tut gut daran, das kontaminierte Mähgut zu kompostieren. Die Pflanze wächst auf feuchten Wiesen; sie blüht im Herbst und bildet erst im Frühling dunkelgrüne, etwas fleischige Blätter, die Tulpenblättern ähneln. Zwischen den Blättern erscheint die dreifächerige Frucht, die den Winter im Boden ruhend verbracht hat. Sie reift bis Juni zu einer trockenen braunen Kapsel aus. Die Samen sind kugelig und schwarzbraun. Giftig sind alle Pflanzenteile!

Noch ist das Kaninchendrama bei der Zwergwidderzüchterin nicht ausgestanden. Mehrere Tiere zeigen noch immer Symptome und es ist unklar, ob sie die Vergiftung überleben.

Name Gift und Besonderheiten
Eibe (Taxus baccata) Alkaloide Taxine und Taxol. Alle Teile sind giftig mit Ausnahme des roten Samenmantels. Zwei Nadeln sind für Kaninchen bereits tödlich!
Fingerhut (Digitalis) Herzglykoside; auch getrocknet hochgiftig.
Goldregen (Laburnum anagyroides) Alkaloide: Cytisin, Laburnin, u. a.; auch getrocknet stark giftig.
Glyzinie, Blauregen (Wisteria) Glykosid, Lektine; alle Teile sind giftig.
Gummibaum und Echte Feige(Ficus spec.) Milchsaft; drei bis vier Blätter können für Kaninchen tödlich sein.
Gundermann (Glechoma hederacea) Toxisches Prinzip noch unklar; können Grünausläufe überwuchern, da die Blätter von Kaninchen gemieden werden.
Hahnenfussverwandte (Ranunculus spec.) Protoanemonin; Frisch giftig, im Heu problemlos. In der Silage ist das Gift nach einigen Monaten abgebaut. Blühend ist der Giftgehalt am höchsten.
Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) und Geissblattarten (Lonicera spec.) Bitterstoff Xylostein, Saponin, Spuren von Alkaloiden und cyanogenen Glycosiden; Toxizität stark schwankend, kann aber tödlich für Kaninchen sein.
Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) Alkaloid Colchicin, Colchicosid, Demecolcin; auch getrocknet giftig, kleinste Mengen reichen für eine tödliche Vergiftung!
Kartoffel (Solanum tuberosum) Solanin und andere Alkaloide; Kartoffeln dunkel lagern und nur gekocht verfüttern. Keimlinge entfernen, da sie am meisten Solanin enthalten. Solanin wird durch Kochen nicht zerstört, tritt aber ins Kochwasser über.
Knoblauch, Zwiebel, Schnittlauch Alliin; Denaturierung des Hämoglobins, führt zu Anämie.
Kreuzkraut (Senecio-Arten) Mehrere Pyrrolizidinalkaloide, die leberschädigend wirken. Frisch und im Heu für die meisten Tiere stark giftig! Kaninchen hingegen sind unempfindlich gegenüber Kreuzkraut.
Liguster (Ligustrum vulgare) Iridoid-Bitterstoffe Ligustrosid, Oleuropein; mässig giftig.
Maiglöckchen (Convallaria majalis) Herzaktive Glykoside; auch im Heu tödlich giftig!
Oleander (Nerium oleander) Herzaktive Glykoside: Oleandrin, Neriosid.; auch trocken giftig. 0,1 Gramm getrocknete Blätter reichen als tödliche Dosis für ein Kaninchen.
Rittersporn (Delphinium-Arten) Alkaloide; tödlich giftig.
Robinie (Rinde oder Schnitzel als Einstreu) Toxalbumine Robin und Phasin, Glycosid Robinin; stark giftig.
Rosskastanie Saponine; giftig, schleimhautreizend.
Wolliger und Gemeiner Schneeball (Viburnum spec.) Viburnin; mässig giftig.
Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) Alkaloide; mässig giftig.
Schöllkraut (Chelidonium majus) Alkaloide im Milchsaft: Chelidonin, Berberin und Coptisin; ungiftig in getrocknetem Zustand.
Teebaum Ätherisches Öl; widersprüchliche Angaben zur Toxizität bei Kaninchen.
Wolfsmilch (Euphorbien) Triterpensaponine und Diterpenester, Euphorbon, weitere unbekannte Wirkstoffe; frisch und im Heu giftig!
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