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Genetik

Inzucht kann die Entwicklung gefährden

Kaninchen | Donnerstag, 17. April 2014, Heinz Schmid

Wenn Kaninchen über Generationen in kleinen, geschlossenen Populationen gezüchtet werden, führt dies zu mehr Inzucht. Das hat unerwünschte Folgen.

Verminderte Fruchtbarkeit, schlechtere Entwicklung, sinkende Lebenskraft oder Erbfehler, die sich in Krankheiten oder Missbildungen zeigen: Das sind die Folgen eines Inzuchtanstiegs. Wer sich damit befasst und weiss, welche Paarungen in seinem Bestand noch möglich sind, der wird über Jahre erfolgreich sein. Linienzucht ist kombiniert mit Inzucht; jedoch muss der Inzuchtgrad immer so tief wie möglich liegen. 

Bei der Inzucht geht es primär darum, die Qualitäten und die Eigenschaften eines Tieres so zu festigen, dass sie sicher weitervererbt werden. Wenn ein Kaninchen relativ eng gezüchtet wird, kann es seine Eigenschaften stärker an seine Nachkommen vererben. Zu hohe Inzuchtgrade können auch die Gesundheit der Nachkommen gefährden. So dürfen wir nicht mit einer ausgeprägten Zucht auf Schönheit das Wohl der Tiere gefährden. 

Mehr Männchen, weniger Inzucht
Es gilt auch zu überlegen, dass der Anteil der Gene, die sich auf das Erscheinungsbild oder die Schönheit eines Kaninchens beziehen (womit sich die Züchter tagtäglich befassen), nur einen verschwindend kleinen Anteil der gesamten Gene ausmacht. Das Beispiel mit dem Vergleich Mensch und Schimpanse kann dies verdeutlichen. Der Mensch stimmt zu 98 Prozent genetisch mit dem Schimpansen überein; lediglich 2 Prozent weichen davon ab und zeigen die Differenz zu unserem engsten Verwandten im Tierbereich.

Der relative Inzuchtanstieg ist abhängig vom Geschlechtsverhältnis. Die Natur prägt ein Verhältnis (männlich zu weiblich) von 50:50. Der Mensch aber will die Natur überlisten und setzt meist männliche Spitzentiere stärker in der Zucht ein. Doch nicht immer vererben Spitzentiere die gewollten Eigenschaften. Je weniger männliche Tiere eingesetzt werden, desto schneller steigt der Inzuchtgrad besonders in kleinen Populationen. Die Formel dazu lautet: Relativer Inzuchtanstieg pro Generation: (18 × Anzahl Rammler) + (18 × Anzahl Zibben).

Ein Beispiel verdeutlicht dies: Es werden zwei Rammler auf 20 Zibben gehalten: ?(18 × 2) + (18 × 20) = 0,06875 = 6,88%. Das bedeutet, dass dieser Bestand mit einem Inzuchtgrad von 6,88 Prozent pro Generation rechnen muss. Je nachdem, wie viele Rammler und Zibben für eine Zucht verwendet werden, steigt der relative Inzuchtgrad pro Generation unterschiedlich stark an. In erster Linie hängt der Anstieg von der Zahl der Rammler ab, weil deren Anzahl in einem Zuchtbestand meist geringer ist. Bleibt der Inzuchtanstieg bei alleiniger Zunahme der Zahl der Zibben mehr oder weniger gleich, reduziert er sich mit steigender Rammleranzahl doch deutlich.

Besteht ein Farbenschlag einer Rasse zum Beispiel aus 50 Zibben und 10 Rammlern, heisst das, dass der Inzuchtanstieg pro Generation 1,5 Prozent beträgt. Wenn die Populationsgrösse in 20 Jahren nicht ausgeweitet werden kann, dann kommt es in einem solch geschlossenen System zu einem Inzuchtanstieg von 30 Prozent. Eine andere Art, diese Probleme zu veranschaulichen, ist die Ermittlung der effektiven Zuchtpopulation. Diese ist fiktiv, entspricht aber dem Umfang einer theoretischen Population (mit ausgeglichenem Geschlechterverhältnis) mit der gleichen genetischen Vielfalt wie bei der tatsächlichen Population. Der Wert davon lässt sich ebenfalls aus der Zahl der weiblichen und männlichen Zuchttiere berechnen nach folgender Formel: Effektive Zuchtpopulation: (4 × Anzahl Rammler × Anzahl Zibben) / (Anzahl Rammler + Anzahl Zibben).

Nehmen wir ein Beispiel von 10 Rammlern und 50 Zibben. Der Wert 33 besagt, dass die genetische Vielfalt, die der Nachkommengeneration zur Verfügung steht, nicht dem tatsächlichen Populationsumfang von 60 Zuchttieren entspricht, sondern nur einem theoretischen Wert von 33 Zuchttieren. Auch hier lässt sich zeigen, dass die Werte sehr stark von der Anzahl Rammler abhängen. 

Fruchtbarkeit wird nicht gefördert
Ein höherer Inzuchtgrad macht keine bessere Zucht. Es gibt Merkmale, die in reinerbiger Form zu einer schlechteren Leistung führen als in mischerbiger Form. Inzuchttiere weisen einen sehr hohen Anteil reinerbiger Allelpaare auf, was sich in einer Abnahme der Leistung zeigt. Je mehr ein Tier «ingezüchtet» ist, desto häufiger zeigen sich Inzuchtdepressionen. Besonders betroffen sind Merkmale mit tiefer Erblichkeit wie zum Beispiel Fruchtbarkeit und Entwicklung der Jungtiere. Mag die Schönheit die Kaninchen über Inzucht erhalten oder gar gefördert werden, die Fruchtbarkeit wird es bestimmt nicht. Unzählige Versuche bei Mäusen über mehrere Generationen bestätigen diesen Sachverhalt. Eine Inzuchtdepression ist demzufolge eine Minderleistung gegenüber dem Rassendurchschnitt. 

Allein der Fakt, dass eine Eltern-Kind-Paarung zu einem Inzuchtgrad von 25 Prozent führt, lässt Fragen offen, weil bei der Rasse oder bei jedem Farbenschlag noch der Populationsinzuchtgrad addiert werden muss. Daraus liesse sich schliessen, dass mit abnehmender Züchteranzahl auch die Zahl der Rassen (Farbenschläge) entsprechend reduziert werden müsste. Die Faszination des Züchtens aber lässt kaum solche Gedanken zu.

Inzucht ist ein steter Gefahrenherd für Erbfehler
Eine Vater-Tochter-Paarung und eine Mutter- Sohn-Paarung weisen einen Inzuchtkoeffizienten von 25 Prozent auf. Mehrheitlich werden Erbfehler rezessiv vererbt, das heisst, dass ein Erbfehler erst in Erscheinung tritt, wenn von beiden Elternteilen das Erbfehler-Gen weitergegeben wird. Sind Vater und Mutter noch verwandt miteinander und haben sie damit einen erhöhten Anteil an gleichem Erbgut, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass beide Elterntiere Träger des Erbfehlers sind. Geben sowohl der Vater wie auch die Mutter das Erbfehler-Gen an ihre Nachkommen weiter, wird der Erbfehler sichtbar. Inzucht ist nicht die Ursache von Erbfehlern, aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese zum Ausdruck kommen.

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