Tipps
› Zurück

Jungkaninchen

Gesunde Jungtiere dank Fachwissen

Kaninchen | Donnerstag, 10. April 2014, Ursula Glauser

Kein Züchter hat gerne tote Jungtiere in seinem Stall. Ganz zu verhindern sind Probleme bei der Aufzucht zwar nicht. Doch wer weiss, wie Kaninchenmütter ticken, kann einige Stolpersteine aus dem Weg räumen.

Der Frühling ist die Zeit der Jungtiere – auch im Kaninchenstall. Nicht immer laufen Geburt und Aufzucht rund; die Enttäuschung über Jungtierverluste ist stets gross. Doch die Natur ist verschwen derisch. Es ist normal, dass nicht alle Nestlinge überleben. Probleme rund ums «Wochenbett» können aber teilweise vermieden werden, wenn man versteht, wie Kanin chenmütter ticken. Dazu wirft man am besten zuerst einen Blick in die Kinderstube des Wildkaninchens: Die trächtige Zibbe gräbt eine Setzröhre (das ist eine separater kurzer Tunnel abseits des Wohnbaus), baut darin ein Nest aus trockenem Pflanzenmaterial und polstert dieses zusätzlich mit wärmender Unterwolle, die sie sich an Brust und Bauch auszupft. Nach der Geburt verlässt sie das Nest, verschliesst die Setzröhre mit Erde und markiert die Stelle mit Urin. Sie sucht das Nest nur einmal pro Tag kurz auf, um die Jungen zu säugen. Dadurch bleibt das Risiko klein, dass die Kinderstube von einem Räuber entdeckt wird.

Die Geburt ist schnell vorbei
Hauskaninchen verhalten sich ähnlich. Sie bauen ein Nest aus Heu und Stroh in einer dunklen Stallecke und polstern es mit Haaren. Auch sie säugen die Jungen nur einmal am Tag. Für normales Verhalten ist es wichtig, dass die Kaninchenmutter genügend Abstand zum Nest halten kann. Hat sie in einer kleinen Stallbox immer den Geruch der Jungen in der Nase, führt dies zu Fehlverhalten, denn es ist im Kaninchen-Verhaltensrepertoire nicht vorgesehen, so nahe bei den Jungen zu sein. Die Zibbe sucht dann immer wieder das Nest auf; die dauernde Störung der Neugeborenen veranlasst diese zum Herumkrabbeln, Verluste sind programmiert. Viel besser ist ein Doppelstall: In einem Abteil baut die trächtige Zibbe das Nest, im anderen hält sie sich auf.

Die Geburt findet meist in der Dämmerung statt und dauert nur kurz; innert einer Viertelstunde sind die Jungen da. Die Nabelschnur reisst oft bereits im Geburtskanal, die Jungen müssen deshalb rasch ausgestossen werden, damit sie nicht ersticken. Für diese schnelle Geburt ist eine starke Oxytocin-Ausschüttung verantwortlich (Oxytocin ist ein Hormon, das unter anderem Gebärmutterkontraktionen auslöst). Die Zibbe leckt die Kleinen und frisst die Nachgeburten, doch können sich die Neugeborenen im Notfall sogar aus eigener Kraft aus den Geburtshüllen befreien. Sie suchen sogleich nach den Zitzen und trinken die wichtige erste Milch.

Bitte nicht stören
Obschon Kaninchenmütter schnell und leicht gebären, können Probleme auftauchen. Störungen während der Geburt sind unbedingt zu unterlassen! Stress vermindert nämlich den Oxytocin-Ausstoss, der für eine zügige Geburt so wichtig ist. Ein verzögerter Geburtsverlauf führt zu Totgeburten und lebensschwachen Jungtieren. Die Tragzeit von Kaninchen beträgt rund 31 Tage. Übertragen birgt ein Risiko, da die Föten stetig wachsen und die Geburt dadurch schwieriger wird. Himbeerblätter stärken die Gebärmutter, es ist sinnvoll, in der zweiten Trächtigkeitshälfte täglich ein Blatt zu reichen. Hat die Geburt am 33. Tag noch nicht stattgefunden, reicht man zusätzlich Rosmarin oder Beifuss zur Anregung der Gebärmutter.

Nach der Geburt graben sich die Kleinen im Nest nach unten und warten aneinandergekuschelt auf die nächste Mahlzeit. Säugezeit ist meist der frühe Morgen. Die Häsin kündigt ihr Kommen an, indem sie mit den Hinterläufen klopft. Die Kleinen arbeiten sich an die Oberfläche des Nestes empor und befinden sich so in bester Startposition, wenn Mutters Milchbar auftaucht. Die Zibbe stellt sich über das Nest und verharrt reglos, während die Jungen trinken. Nach wenigen Minuten verlässt sie das Nest und die Jungen graben sich wieder nach unten. Einige Zibben verschliessen den Nesteingang mit Stroh, ähnlich dem Zugraben der Setzröhre ihrer frei lebenden Ahnen. Bleiben Nestlinge an den Zitzen hängen, werden sie aus dem Nest gezogen und sind in Gefahr auszukühlen, wenn sie nicht zurückfinden. Kaninchenmütter haben kein Verhalten einprogrammiert, das sie verloren gegangene Jungtiere zurück ins Nest legen lässt. So ist es am Züchter, Vorkehrungen zu treffen. Eine Nestbox mit einem hohen Rand kann helfen.

Am einfachsten ist es jedoch, für genügend Milch zu sorgen, damit die Jungen rasch satt werden und die Zitzen rechtzeitig loslassen. Schüssler Salz Nr. 2 (Calcium phosphoricum) ins Trinkwasser gegeben, verhilft zu einem raschen Milcheinschuss und regt die Milchproduktion an. Gleichzeitig beugt es dem Milchfieber vor, einer lebensbedrohlichen Unterversorgung der Häsin mit Kalzium. Man gibt sechs Tropfen der alkoholischen Schüssler-Salz-Lösung auf die Wassermenge, die das Tier pro Tag etwa trinkt. Milchfieber lässt die Zibbe apathisch werden, sie frisst nicht mehr, liegt sogar auf dem Nest, um sich zu wärmen. Dies ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der einen sofortigen Tierarztbesuch nötig macht.

Notfälle erkennen und richtig reagieren
Zibben werden kurz nach der Geburt wieder rammlig und können den ganzen Stall und das Nest durchwühlen. Auch hier bewährt sich der Doppelstall, um stark rammlige Zibben vom Nest fernzuhalten. Am Morgen öffnet man den Durchgang, lässt sie die Jungen säugen und schliesst dann wieder. Nach zwei Tagen ist der Zustand vorbei und man kann die Verbindungstüre wieder offen lassen. In der zweiten oder dritten Woche deponiert die Zibbe Blinddarmkot im Nest, den die Jungtiere fressen und so ihren bis dahin sterilen Darm mit der mütterlichen Darmflora bevölkern. Gleichzeitig beginnen sie an Heu zu knabbern. Das ist wichtig, damit die Darmflora ihrerseits Nahrung bekommt und sich gut entwickeln kann. Täglich ein wenig frisches Heu im Nest, regt die Kleinen zum Fressen an.

Obschon Kaninchenmütter im Allgemeinen problemlos und zuverlässig ihre Jungen gebären und aufziehen, ist es wichtig, im Notfall rasch zu reagieren. Sind die Jungen nach der Geburt zerstreut oder im Nest ungenügend zugedeckt, kühlen sie rasch aus und sterben, wenn man sie nicht einsammelt und an die Wärme bringt. Am Körper, unter einer Wärmelampe oder zugedeckt auf einer handwarmen Heizung oder Bettflasche können die Kleinen aufgewärmt werden. Dann legt man sie zurück ins Nest und deckt sie gut zu.

Die Jungen werden täglich kurz kontrolliert. Beim ersten Mal zählt man sie und entfernt etwaige Tote oder Nachgeburtsresten. Bei weiteren Kontrollen genügt es mit der Hand zu spüren, ob alle da sind. Liegen sie ruhig, ist alles bestens. Springen sie aber stets hungrig der Hand entgegen, muss man genauer hinschauen. Faltige Jungtiere können auf einen Milchstau hinweisen. Verhärtete Zitzen lassen sich einfach ertasten, wobei die Häsin mit energischer Abwehr zeigt, wie schmerzhaft das ist. Die sanfteste Abhilfe schafft eine rot leuchtende Taschenlampe; rotes Licht erweitert die Milchkanäle. Zwei bis drei Minuten die Verhärtungen bestrahlen, dann streicht man sanft Richtung Zitze aus. Die Milch sprudelt heraus und der Spuk ist damit meist vorbei. Geht der Milchstau jedoch mit einem schlechten Allgemeinzustand des Muttertiers einher, gehört der Tierarzt konsultiert, da eine Infektion der Milchdrüsen befürchtet werden muss.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen