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Tierwelt 41/2013

Die Sprache der Kaninchen lernen

1 Kommentare Kaninchen, Kleintierzucht | Donnerstag, 10. Oktober 2013 07:30, Ursula Glauser

Kaninchen signalisieren ihr Befinden mit ihren Ohren, der Körperhaltung, mit Lauten und mit Düften. Die Welt der Geruchskommunikation bleibt uns verschlossen, doch die anderen Signale können wir lernen zu verstehen. 

Tierhaltung hat viele Facetten. Eine der faszinierendsten ist, die Sprache der Tiere zu verstehen. Kaninchen sind leise Tiere, sie sprechen weit mehr über Ohren- und Körperhaltung als über Laute. Wer die wichtigsten «Vokabeln» ihrer Sprache kennt, kommt seinen Tieren näher. Zur Kommunikation braucht das Kaninchen natürlich ein Gegenüber. Man beobachtet also eine Kaninchengruppe oder beginnt selber mit seinem Lieblingskaninchen einen «Schwatz».

Allein schon die Körperstellung des Lang­ohrs drückt einiges aus. Sitzen oder Liegen ist eine Frage der Sicherheit. Aus dem Sitzen kann ein Kaninchen sehr schnell fliehen, nicht jedoch aus liegender Stellung. Ein Kaninchen liegt deshalb nur, wenn es sich sicher fühlt. Deshalb sitzen rangtiefe Tiere in Gruppenhaltung meistens.

Die Beinstellung verrät Freundlichkeit oder Aggression: Ein freundliches Kaninchen hält die Vorderläufe nahe beisammen, ein kampflustiges Langohr steht hingegen breitbeinig da. Zur Besänftigung angriffslustiger Artgenossen setzen defensive Kaninchen auf die Fellpflege: Ein Tier, das sich intensiv putzt, signalisiert damit, dass es nicht in Kampfstimmung ist.

Die Ohren des Kaninchens sind auch ein aussagekräftiges Stimmungsbarometer
Die Löffel (Ohren) sind nicht nur Markenzeichen der Kaninchen, sondern auch ein wichtiges Stimmungsbarometer. Zur richtigen Interpretation müssen jedoch alle Körpersignale beachtet werden. Angelegte Ohren etwa bedeuten je nach Kontext etwas völlig anderes: Augen halb geschlossen und Löffel entspannt auf den Rücken gelegt; das kennzeichnet ein gemütlich dösendes Kaninchen. Ein angstvolles Tier legt die Ohren ebenfalls auf den Rücken, doch seine Augen sind weit aufgerissen und es drückt sich flach auf den Boden. Nach hinten gelegte Ohren signalisieren Aggression, wenn der Körper angespannt ist, das Hinterteil erhoben und die Blume (Schwänzchen) steif aufgerichtet. Und schliesslich verlangt ein Kaninchen ebenfalls mit angelegten Ohren nach Streicheleinheiten: Es stupst mit der Schnauze gegen die Hand, senkt Kopf und Brust zu Boden und schiebt seinen Kopf der Hand entgegen. Diese Geste beherrschen übrigens bereits Nestlinge. Die meisten Kaninchen mögen es, an der Ohrbasis und an den Wangen gestreichelt zu werden. Ihr Wohlbefinden drücken sie durch aufgerichtete, eng aneinandergelegte Ohren aus. Wenn sich dann die Ohrspitzen noch überkreuzen, fühlt sich das Kaninchen nahezu im Paradies. 

Ein lustiges Bild gibt ein Langohr ab, das sich neugierig und vorsichtig zugleich etwas Unbekanntem nähert: Es reckt den Hals dem Objekt des Interesses entgegen, bleibt aber mit den Läufen schön auf Distanz, damit es bei Gefahr sofort Fersengeld geben kann. Die Ohren sind dauernd in Bewegung, sie zeigen deutlich den inneren Zwiespalt und nehmen als feine Antennen gleichzeitig alle Geräusche wahr.

Auch Kaninchen könnten gekränkt, eingeschnappt oder beleidigt sein
Möchte ein Kaninchen nett zu seinem Menschen sein, schleckt es dessen Hand. Temperamentvollere Tiere knabbern manchmal auch ein wenig, wie dies unter Langohren bei der sozialen Fellpflege so Brauch ist. Das kann von einem ungeübten Halter als Beissen fehlgedeutet werden. Reagiert er jetzt abwehrend, ist dies für das Kaninchen eine Beleidigung. 

Die Stellung der Ohröffnung ist ebenfalls aussagekräftig: Offen nach vorn gerichtete Ohren zeigen freundliche Neugier. Dreht das Kaninchen die Ohröffnung seitwärts, haben wir uns in seinen Augen zweifelhaft benommen. Kaninchen sind in Gruppen lebende Individualisten mit strikten Regeln, die es einzuhalten gilt. Wer einen Fauxpas begeht, bekommt dies vom Langohr sogleich signalisiert. Je nach Schweregrad der Verfehlung reagiert das Kaninchen differenziert. Auf einen kleinen Tritt ins Fettnäpfchen hin fixiert das Kaninchen zuerst sein Gegenüber und beschnüffelt dann betont intensiv seine Umgebung: «Du bist nicht so wichtig», soll das wohl etwa heissen. 

Ein stärker gekränktes Kaninchen dreht seinen Körper seitwärts weg, schaut einen aber noch an. Die Ohren sind zurückgelegt, aber mit der Ohrenöffnung noch nach vorn gerichtet: «Das war nicht nett.» Der nächste Schritt auf der Beleidigtenskala ist noch deutlicher: Das Kaninchen hoppelt ein paar Schritte ausser Reichweite, schaut aber über die Schulter zurück, ob man sich vielleicht entschuldigen möchte. Falls man nicht reagiert, hoppelt es weiter, wobei es die Läufe auf besondere Art nach hinten schnellt, sodass ein schleifendes Geräusch entsteht: «Das ist inakzeptabel.» Dieses auffallende Weghoppeln lässt sich oft beobachten, nachdem man das Tier herumgetragen hat. Als letzte Stufe dreht einem das Langohr völlig den Rücken zu, legt die Ohren resigniert auf den Rücken und signalisiert damit, dass man ein hoffnungsloser Fall ist. 

Kaninchen drücken aber nicht nur Ärger und Enttäuschung bildhaft aus, sondern auch Freude und Übermut. Mit Freudensprüngen wird Glücklichsein gezeigt: Das Kaninchen springt hoch in die Luft, schlenkert die Hinterbeine übermütig auf eine Seite, Vorderläufe auf die andere. Davon gibt es auch eine abgekürzte Variante, das Kopfschnellen, bei dem nur Kopf und Schulterpartie rasch zur Seite gedreht und gleich wieder zurück in die Ausgangsposition zurückgebracht wird.

Geraten die Kaninchen in panische Situationen, kann es auch laut werden 
Bisher basierte die ganze Kommunikation ausschliesslich auf lautlosen Signalen. Doch Kaninchen können auch laut werden. Das bekannteste Geräusch ist das Klopfen mit den Hinterläufen, das in Ställen mit guter Akustik unüberhörbar ist. Mit Klopfen macht ein Kaninchen seine Artgenossen auf etwas aufmerksam. Meist warnt es vor einer drohenden Gefahr, etwa einen um die Ställe streichenden Fuchs. Die Kaninchenmutter kündet sich ebenfalls klopfenderweise ihren Jungen an, sozusagen als Gong, der zum Essen ruft. Die Nestlinge wachen aus ihrem Schläfchen auf und krabbeln ihrer Mutter entgegen. Hört man hingegen Nestlinge laut fiepen, stimmt etwas nicht, und es empfiehlt sich rasch nachzusehen.

Knurren ist auch bei Kaninchen eine Drohung. Rhythmisches Mahlen mit den Zähnen ein Zeichen grosser Behaglichkeit, ähnlich dem Schnurren einer Katze. Knirscht das Kaninchen hingegen mit den Zähnen, hat es starke Schmerzen. Auch hier bringt die Gesamtheit der Körpersignale Klarheit: Ein wohlig-gemütliches Kaninchen ist entspannt. Ein schmerzgeplagtes Kaninchen sitzt zusammengekauert oder unnatürlich aufrecht, die Augen angstvoll aufgerissen. In höchster Panik stossen Kaninchen einen gellenden Schrei aus. Dies geschieht, wenn sie von einem Raubtier oder auch ohne Vorwarnung von einer Hand gepackt werden. Möglicherweise ist der Räuber ja so verblüfft, dass er loslässt und das Langohr entkommen kann. Sicher aber sind in weitem Umkreis alle anderen Kaninchen gewarnt. 

Im Zusammenleben der Geschlechter gibt es ebenfalls einige spezielle Lautäusserungen: Ein Rammler, der sich bei einer Zibbe einschmeicheln will, umhoppelt sie leise brummelnd. Hat er mit seiner Werbung Erfolg, stösst er unmittelbar nach dem Deckakt einen knurrenden Laut aus und fällt ruckartig von der Häsin herunter. Tragende Zibben  stossen jammernde Quietsch-Laute aus, wenn ein Rammler sie bedrängt. 

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Kommentare (1)

Pac am 09.07.2015 um 20:22 Uhr
Danke für diesen interessanten Beitrag!

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