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Pferdeparasiten

«Resistente Würmer sind weit verbreitet»

Pferde | Mittwoch, 16. Oktober 2019, Interview: Martina Frei

Um wirksam gegen Parasiten vorzugehen, müssen eine ganze Reihe von Faktoren berücksichtigt werden. Wichtig sind dabei Kenntnisse in der Biologie der Würmer, wie der Tierarzt und Parasitenexperte Hubertus Hertzberg erklärt. 

Herr Hertzberg, weltweit entstehen immer mehr resistente Bakterien. Auch Pferde sind von solchen Infektionen betroffen. Wie ist die Situation bei den Darmparasiten?
Resistente Würmer sind bei Pferden heute leider weit verbreitet. Die meisten Probleme bereiten uns die Spulwürmer bei den Fohlen und Jährlingen und die sogenannten kleinen Strongyliden, die bei allen Altersgruppen vorkommen.

Wie ist die aktuelle Situation in der Schweiz?
Es gibt drei verschiedene Wirkstofftypen zum Entwurmen. Einer dieser drei wirkte schon vor 20 Jahren in rund der Hälfte der untersuchten Schweizer Pferdebestände nur noch ungenügend gegen die kleinen Strongyliden. Inzwischen finden wir Strongyliden, die bereits gegen zwei der drei Wirkstoffklassen resistent sind. 

Früher waren die grossen Strongyliden gefürchtet, die bei Pferden Koliken verursachen können. Spielen sie heute keine Rolle mehr?
In der Schweiz kommen sie glücklicherweise kaum noch vor. Verbreitet sind heute dagegen die für erwachsene Pferde weitgehend harmlosen kleinen Strongyliden, von denen es etwa 60 Arten gibt, sowie – bei Fohlen und Jährlingen – die Spulwürmer.

Wie kam es zu dieser Veränderung?
Die grossen Strongyliden haben einen langen Lebenszyklus. Von der Aufnahme der infektiösen Larven mit dem Weidegras bis zum Moment, wo das Pferd wieder Wurmeier ausscheidet, vergehen bei ihnen bis zu elf Monate. Beim früher üblichen Entwurmen im Drei-Monats-Rhythmus sind diese Würmer abgestorben, bevor sie sich vermehren konnten. 

Eine sehr wirksame Strategie also?
Ja und nein. Sicher ist es positiv, dass die gros­sen Strongyliden so deutlich zurückgedrängt wurden. Das wäre aber auch mit weniger intensivem Wirkstoffeinsatz erreichbar gewesen. Die negative Seite ist, dass das regelmäs-sige, pauschale Entwurmen aller Pferde dazu geführt hat, dass sich die damals ebenfalls vorhandenen kleinen Strongyliden an die Wirkstoffe gewöhnen konnten. Sie haben kürzere Lebenszyklen als die grossen Strongy-liden. Bei manchen dauert die Entwicklung im Pferd nur gerade sechs Wochen.

Was hat das mit dem Entwurmen zu tun?
Bei einer Entwurmung kommt es zu einer Selektion, bei der nur die gegen das eingesetzte Medikament resistenten Würmer überleben und sich weiter vermehren. Je mehr Generationen die kleinen Strongyliden während der Weidesaison produzieren, umso grösser ist ihr Potenzial, resistente Popula-tionen zu bilden. Dasselbe kann auch bei den Spulwürmern passieren.

Wie kann man vorbeugen, damit Würmer nicht resistent werden?
Indem man sie so wenig wie möglich in Kontakt bringt mit den Entwurmungsmitteln. Die wichtigste Massnahme bei erwachsenen Pferden ist, dass nicht pauschal alle Pferde eines Bestandes standardmässig entwurmt werden, sondern nur, wenn die Kotuntersuchung und / oder das klinische Bild des Pferdes die Notwendigkeit anzeigen. 

Lohnt sich der Aufwand?
Definitiv. Wenn man dieses Behandlungskonzept konsequent umsetzt, verbessert sich die Situation im Bestand in Bezug auf die Parasiten – und man braucht erst noch weniger Entwurmungsmittel. Am Health Balance Tier-gesundheitszentrum in Niederuzwil führen wir das Monitoring seit 2013 mit nunmehr über 1100 Pferden durch. Wir haben keinerlei Hinweise, dass beim selektiven Entwurmen erwachsener Pferde Erkrankungen zunehmen. Und die Rückmeldungen der Pferdehalter sind sehr erfreulich, da sie deutlich weniger entwurmen müssen als zuvor. 

Manche Tierärzte empfehlen Sammelkotproben. Es spart auch Geld, wenn der Kot mehrerer Pferde vermengt und dann gemeinsam untersucht wird.
Davon rate ich ab. Um Resistenzbildungen vorzubeugen, sollten gezielt nur die Pferde entwurmt werden, bei denen es nötig ist. Dazu muss man aber erst einmal feststellen, welche Pferde vermehrt Parasiteneier ausscheiden. Das funktioniert mit Sammelproben nicht.

Was ist für eine erfolgreiche Wurmbekämpfung noch nötig?
Ein Pauschalrezept, das für alle Ställe und Pferde gleichermassen gilt, gibt es nicht. Wir arbeiten nach einem Konzept, das an den beiden kantonalen Tierspitälern Bern und Zürich entwickelt wurde. Das genaue Vorgehen sollte aber immer an die spezifische Situation im Betrieb angepasst werden. Sehr wichtig ist eine Stall- und Umfeldanalyse vor Ort durch einen Tierarzt, der idealerweise für die Entwurmungsstrategie des ganzen Bestands verantwortlich ist.

Was fliesst in diese Analyse auf dem Betrieb ein?
Das Alter der Pferde, die Fütterung, die Grös­se der Weiden, wie intensiv und von welchen Tierarten sie genutzt werden, die Hygiene auf der Weide und im Stall sowie die Fluktuationsrate. Für das parasitologische Monitoring ist es wichtig, den Pferdebestand genau zu kennen. Daher wird jeder Stall im ersten Jahr des Monitorings von uns besucht. Vor Ort besprechen wir mit den Verantwortlichen alle Punkte, die in puncto Parasitensituation von Bedeutung sind.

Welche Rolle spielt das Alter der Pferde?
Pferde sind ab einem Alter von etwa vier Jahren in der Lage, den Befall mit den kleinen Strongyliden zu kontrollieren. Danach benötigen sie gewöhnlich nur noch sehr wenige Entwurmungsbehandlungen. Gegen die Spulwürmer wird der Immunschutz noch früher wirksam. Hier sind vor allem Pferde in den ersten beiden Lebensjahren betroffen. In den Kotproben erwachsener Pferden finden wir bei weniger als einem Prozent Spulwurmeier. 

Und was trägt die Haltungsform bei?
Zur Infektion mit Spulwürmern kommt es vor allem im Stallbereich. Tiefstreubereiche beispielsweise sind eine ideale Ansteckungsquelle. Auf der Weide dagegen werden viele im Kot vorhandene Eier mit dem Regen in den Boden gespült. Diese Eier nehmen die Pferde praktisch nur dann wieder auf, wenn die Weide extrem abgefressen ist und sie die Grasmatte mit herausreissen. Die Larven der kleinen Strongyliden dagegen klettern aktiv an Grashalmen empor und werden so viel eher aufgenommen. Für das Monitoring braucht es deshalb auch gute Kenntnisse in der Biologie der Parasiten.

Welche Faktoren machen Würmern das Leben schwer?
Zum Beispiel, wenn die Weide abwechselnd von verschiedenen Tierarten genutzt wird, denn die allermeisten Parasiten sind nicht von einer Tierart auf die andere übertragbar. Auch bei vorwiegender Fütterung von Heu oder Haylage ist das Risiko der Ansteckung mit Strongyliden gering, weil sowohl das Trocknen als auch das Silieren die meisten Strongylidenlarven abtöten.

Wie häufig sollte man die Rossbollen auf der Weide einsammeln?
Mindestens einmal pro Woche. So lange brauchen die Infektionslarven der Strongyliden für ihre Entwicklung im Kot, bevor sie auf die Futterpflanzen übergehen. 

Kann man Pferde mit Kräutern anstelle von Medikamenten entwurmen?
Wir überprüfen das auf Wunsch der Besitzer im Rahmen unseres Monitorings. Bezogen auf die Parasiteneiausscheidung im Kot war das Entwurmen mit Kräutern bisher aber nicht Erfolg versprechend. Das heisst aber nicht, dass die eingesetzten Pflanzenpräparate keine positiven Effekte im Hinblick auf eine Stärkung des Organismus haben können. Aber an der Überlebensfähigkeit der Würmer änderten die bisher eingesetzten Präparate unseren Analysen zufolge nichts.

Hubertus Hertzberg ist Privatdozent an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Sein Spezialgebiet sind Parasiten beim Pferd. Ausserdem arbeitet Hertzberg als Tierarzt am Health Balance Tier-gesundheitszentrum in Niederuzwil SG. Unter seiner Leitung wurde dort 2013 erstmals in der Schweiz ein Parasiten-Monitoring für Pferdebestände initiiert, an dem mittlerweile rund 1100 Pferde teilnehmen. Stallbesitzer und Pferdehalter, die sich für eine Teilnahme interessieren, erhalten weitere Informationen per E-Mail: hubertus.hertzberg@healthbalance.ch

 

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