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Vom Mensch gemachte Erkrankung

Osteochondrose bei Pferden

Pferde | Mittwoch, 16. Januar 2019, Martina Frei

Zu wenig Bewegung, rutschige Böden, Kraftfutter und Frohwüchsigkeit werden vielen Pferden zum Verhängnis. Ihre Gelenke nehmen dadurch Schaden.

Jedes Jahr werden in Europa über 20 000 Fohlen geboren, die Osteochondrose (OC) bekommen. Wenn sie Glück haben, wird diese Gelenkerkrankung ihre spätere Leistung nicht gross schmälern. Haben sie Pech, bedeutet sie ihr Ende. «Etwa zehn Prozent der Pferde, die ich sehe, sind davon betroffen», schätzt Hansjakob Leuenberger, Cheftierarzt der Tierklinik 24 im aargauischen Staffelbach. In der Schweiz würden jährlich etwa 150 Fohlen an OC erkranken. Dabei kommt es zu Veränderungen an der Knochen-Knorpelschicht im Gelenk (siehe Box).

Im Jahr 1947 beschrieb ein schwedischer Tierarzt das Problem erstmals. «Bis zu den 1960er-Jahren sprach aber niemand davon. Das lag nicht daran, dass man diese Erkrankung nicht hätte diagnostizieren können. Sie kam einfach nicht vor», sagt René van Weeren, Pferdetierarzt und Forscher an der niederländischen Universität Utrecht. Er ist ein international bekannter Experte für Osteochondrose. «Diese Erkrankung ist vom Menschen gemacht», sagt er. «Wir sollten bei der Aufzucht der Pferde einige Dinge ändern.» 

Osteochondrose (OC)

Beim Embryo besteht das Skelett aus Knorpel, der nach und nach verknöchert. Dieser Verknöcherungsprozess ist bei OC mangelhaft. Je nach Studie sind zwischen 6 und 68 Prozent der Pferde betroffen. Typisch ist eine plötzliche Gelenkschwellung beim Jährling (meist ohne Lahmheit). Die OC kann in fast allen Gelenken vorkommen, am häufigsten ist sie im Sprunggelenk. Oft sind beide Seiten befallen.

Die Diagnose erfolgt mit Röntgen oder Ultraschall. Wie häufig OC erkannt wird, hängt auch davon ab, wie viele Gelenke untersucht werden – wobei selbst grössere, auf dem Röntgenbild sichtbare Defekte bis zum Alter von etwa zwölf Monaten spontan wieder verschwinden können.

Weshalb plötzlich so viele – insbesondere Warmblüter – daran litten, wird seit Langem erforscht. In einer aktuellen Studie beobachteten holländische Forscher Fohlen auf fünf Höfen. Am meisten interessierte sie, ob die Tiere beim Aufstehen ausglitten. Je nach Bodenbeschaffenheit passierte dies auf dem Hof Nummer 1 gar nicht, auf Hof Nummer 3 jedoch in über 30 Prozent der Fälle. Mit zwölf Monaten hatten von den Fohlen auf Hof 1 weniger als zehn Prozent Osteochodrose, unter denen auf Hof 3 waren es fast 15 Prozent. Das kann Zufall sein – oder auf Umstände hinweisen, die zur OC beitragen. 

«Dieser Erkrankung liegen mehrere Faktoren zugrunde», sagt Leuenberger. Einer sei das Gelände. «Wenn die Fohlen etwa in unebenem, womöglich noch steinigem Gelände bergab galoppieren und dann am Zaun jäh stoppen, ist das eine Belastung für den Knorpel. So etwas begünstigt Mikroverletzungen.» 

Ähnlich schädlich ist zu wenig Bewegung. Auf Hof 3 kamen die Fohlen täglich nur ein bis zwei Stunden auf eine kleine Weide, im Stall hatte jedes acht Quadratmeter Platz. Auf Hof 1 konnten sich die Tiere immer auf der Weide oder einer 1250 Quadratmeter grossen Fläche bewegen. 

Komplexe Vererbungsmuster
Der zweite, wichtige Umweltfaktor ist das Futter. «Leicht verdauliches Kraftfutter begünstigt die Entwicklung der Osteochondrose», sagt van Weeren. Die Kohlenhydrate darin lassen das Hormon Insulin stark ansteigen. Dies wirkt sich negativ auf die Knorpelreifung aus. 

Die Pferde wachsen mit energiereichem Futter auch rascher. Besonders betroffen von der OC sind grosse Pferde. Ponys und Wildpferde, deren Widerristhöhe kaum je 1,60 Meter übersteigt, sind praktisch nie befallen. Sowohl Grösse als auch schnelles Wachstum begünstigen also die Knorpelschäden. 

Das wirft Probleme auf, denn «Frohwüchsigkeit» ist in der Zucht erwünscht. Und dazu tragen die ererbten Gene erheblich bei. Hier sind die Züchter gefordert. «In der Schweiz ist in dieser Hinsicht schon viel gegangen», sagt Leuenberger. «Die Pferdezüchter haben das Problem erkannt. Wir sehen heute weniger Fohlen mit Osteochondrose als noch vor 25 Jahren.» 

Je nach Rasse wird die OC mehr oder minder stark vererbt. Im Durchschnitt sind die Gene zu knapp einem Drittel schuld an der Erkrankung, aufs Konto der Umweltfaktoren gehen laut van Weeren etwa zwei Drittel. Betroffene Tiere konsequent von der Zucht auszuschliessen, hält er für keine gute Idee: «Bei vielen Pferden ist die Erkrankung kein grosses Thema, weil sie bei ihnen nicht zur Leistungseinbusse führt. Sie von der Zucht auszuschliessen, bedeutet, dass man viel wertvolles genetisches Potenzial verliert.»

Einen OC-Gentest werde es kaum je geben. Denn die betroffenen Gene seien auf mindestens 24 von 33 Chromosomen verteilt – zu viele, um alle durch Selektion ausmerzen zu können, argumentiert van Weeren und nennt als Beispiel den Zuchtverband der holländischen Warmblüter. Seit 1984 werden dort keine Hengste mit OC im Sprunggelenk mehr gekört, seit 1992 auch keine mit OC im Knie. «Trotzdem hat die Häufigkeit der OC bis etwa Mitte 2015 nicht wesentlich abgenommen.» 

Spontanheilung oder Operation
Vom Kauf eines Pferds mit OC würde er nicht generell abraten. «Erstens kommt es sehr darauf an, welches Gelenk wie schwer betroffen ist. Zweitens verschwinden viele leichte Gelenkschäden bei der OC wieder.» Mit etwa zwölf Monaten ist jedoch meist der «point of no return» erreicht: Gelenkdefekte, die sich bis dahin nicht von selbst repariert haben, bleiben bestehen. 

Die Spontanheilung ist ein Grund, weshalb sehr junge Tiere oder solche mit nur leichten Gelenkschäden mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln und Schonung behandelt werden. Bei grösseren Gelenkdefekten hilft nur ein arthroskopischer Eingriff. Die Chance, dass das Pferd danach im Sport einsetzbar ist, liegt meist zwischen 60 und 85 Prozent. 

Nach erfolgreicher Operation gelte das Pferd juristisch nicht mehr als «mangelhaft», sagt Leuenberger. «Das perfekte Pferd, das gar nichts hat, gibt es sowieso nicht.»

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