Tipps
› Zurück

Pferde

Ende gut, Training gut

Pferde | Mittwoch, 10. Oktober 2018, Angelika Nido Wälty

War die Arbeit mit dem Pferd im Gelände oder auf dem Reitplatz erfolgreich? Die Antwort darauf kann nicht nur der Reitlehrer geben, sondern auch das Pferd selber. Vorausgesetzt, man deutet die Hinweise seines Körpers und sein Verhalten richtig. 

Ein Happy End sollte nicht romantischen Romanen und Hollywood-Filmen vorbehalten sein: Auch jede Trainingseinheit mit dem Pferd verdient ein glückliches Ende. Dabei sollte nicht nur der Reiter freudestrahlend aus dem Sattel steigen, sondern auch das Pferd Zufriedenheit zeigen. Denn wie das Pferd nach dem Beenden des Trainings oder der Reitstunde aussieht und sich verhält, sagt viel über deren Qualität aus.

Während eines Trainings passiert eine Menge im Pferdekörper. Er wird ständigen Reizen ausgesetzt, die ihn überfordern und aus dem Gleichgewicht bringen. Das klingt zwar unangenehm, ist aber der Sinn des Trainings. Denn der Organismus des Pferdes reagiert auf die Reize, indem er sich anpasst. Er merkt, dass er den momentanen Anforderungen nicht genügt, und erhöht seine Leistungsfähigkeit, um das nächste Mal besser darauf vorbereitet zu sein. Das geschieht in verschiedenen körperlichen Bereichen: Herz und Lunge verbessern ihre Kapazität, die Muskeln werden grösser und stärker, die Gelenke geschmeidiger und die Stoffwechselvorgänge effizienter. 

Atmung und Puls als Indikatoren
Wird mit dem Pferd zu wenig intensiv gearbeitet, werden keine Trainingsreize gesetzt und es findet keine körperliche Verbesserung statt. Wird es hingegen zu stark gefordert oder sogar überfordert, kann der Organismus Schaden nehmen. Die richtige Intensität zu finden, ist eine Herausforderung – doch wer sein Pferd gut beobachtet, erhält durch verschiedene körperliche Merkmale und sein Verhalten wertvolle Hinweise auf die eigene Trainingsqualität. Die besten Indikatoren am Trainingsende sind Atmung und Puls des Pferdes. Eine kurzzeitig erhöhte Atem- und Pulsfrequenz nach der Arbeit ist normal. Beim Training sind Atmung und Herz-Kreislauf-System eng verbunden und arbeiten zusammen, um den höheren Sauerstoffbedarf von Herz und arbeitenden Muskeln zu decken. Beim Pferd ist es wie beim Menschen: Wer weniger gut trainiert ist, der schnauft mehr. 

Nach jedem Training sollte das Pferd so lange Schritt gehen, bis sich seine Atemfrequenz normalisiert hat. Entscheidend ist, wie lange dies dauert. Die Erholungszeit ist von Pferd zu Pferd verschieden und hängt nicht nur ab vom Trainingsstand sondern auch von Rasse, Alter, Gesundheit, Ernährung und Motivation. Spätestens 15 bis 20 Minuten nach Trainingsende sollte das Pferd wieder normal atmen. In der Ruhe atmet es zwischen acht und 16 Mal pro Minute, bei mittlerer Arbeit steigt die Frequenz auf bis zu 70 Atemzüge.

Der Ruhepuls des Pferdes liegt bei 28 bis 40 Schlägen pro Minute. Im Schritt steigt er auf 80, im Trab auf 120 und im Galopp je nach Geschwindigkeit auf 160 bis 250 Schläge pro Minute. Wie bei der Atmung gibt auch der Puls grossen Aufschluss über den Zustand des Pferdes: Lag der Pulswert nach der Anstrengung bei 80 Schlägen pro Minute und sinkt er nach fünf Minuten auf 64 Schläge, ist das Pferd gut trainiert. 

Bei Spitzensportpferden wird über diese Trainingswerte akribisch Buch geführt. Doch auch Amateursportler und Freizeitreiter sollten sie von Zeit zu Zeit messen, um die Qualität des Trainings und die Fortschritte zu kontrollieren. Den Puls kann man einfach messen, indem man zwei Finger an den unteren Rand des Unterkiefers legt.

Überforderung sorgt für Stress 
Liegt die Atemfrequenz eine halbe Stunde nach dem Training noch immer über 40, hat man das Pferd überanstrengt. Für das Fluchttier bedeutet körperliche Überforderung psychischen Stress. Dieser zeigt sich sehr unterschiedlich. An Anfang wirkt das Pferd nur müde, zeigt weniger Leistungsbereitschaft und erholt sich schlechter nach dem Training. Hält die Überforderung an, wird es je nach Persönlichkeit ängstlich, nervös oder aggressiv und kündigt irgendwann die Zusammenarbeit völlig auf. 

Der Vierbeiner braucht dann unbedingt eine längere Trainingspause, um sich zu erholen, bevor er sorgfältig wieder aufgebaut werden kann. Ausserdem muss ein Tierarzt beigezogen werden, der Ursachen für den Leistungsabfall wie Rückenprobleme, Lahmheiten, Atemwegserkrankungen oder Magengeschwüre ausschliesst. 

Damit es nicht so weit kommt, sollte der Reiter das Verhalten seines Pferdes nach der Arbeit genau beobachten. Das «Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen» im Trab oder im Schritt ist nicht umsonst der klassische Abschluss einer Trainingseinheit. Denn diese Lektion gibt einen Hinweis auf deren Qualität. Kaut das Pferd die Zügel langsam und gleichmäs­sig aus der weichen nachgebenden Reiterhand, dehnt es sich dabei vorwärts-abwärts, geht es raumgreifend und entspannt und prustet dabei noch zufrieden ab, dann lief während der Reitstunde alles richtig. Zerrt es hingegen dem Reiter die Zügel ruckartig aus der Hand, streckt seinen Hals brettartig in die Höhe oder in die Tiefe und latscht auf der Vorhand, ist es höchste Zeit, das eigene Training zu überdenken und mit einem erfahrenen Ausbildner zu besprechen.

Auch Gesicht und Schweif sprechen Bände, wenn es die Zufriedenheit des Pferdes nach der Arbeit zu beurteilen gilt. Baumeln Ohren und Schweif entspannt, blicken die Augen ruhig und interessiert in die Gegend und kaut das Pferd gelassen auf der Trense, ist es mit sich und der Welt im Einklang. Steht es aber unter Anspannung, ist der Schweif eingeklemmt oder peitscht wild durch die Gegend, die Augen blicken starr, der Kopf schlägt in die Luft, der Kiefer ist entweder verkrampft oder kaut hektisch auf dem Gebiss herum. 

Schwitzen lässt sich trainieren
Gute Beobachter können sogar anhand der Muskulatur erkennen, ob das Pferd gut gearbeitet hat. Training ist ein kontinuierliches Wechselspiel aus Anspannung und Entspannung der Muskulatur, wodurch viel Blut und Sauerstoff ins Gewebe gepumpt wird. Hat das Pferd gut trainiert, sind vor allem die grossen Muskelstränge im Hals und über den Rücken und die Hinterhand prall gefüllt und das ganze Pferd wirkt optisch runder.

Und auch das Schwitzen lässt sich trainieren: Ausdauernde Athleten schwitzen meist schneller, aber dafür weniger stark als untrainierte. Nicht die Menge, sondern die Verteilung des Schweisses gibt einige Hinweise. Ist sie gleichmässig, ist alles in bester Ordnung. Schwitzt das Pferd stark am Unterhals, kann das ein Hinweis auf einen falschen Gebrauch von Hilfszügeln sein oder auf eine harte, starre Reiterhand deuten. Sind Brust und Schulter überdurchschnittlich nass, ist zu sehr auf der Vorhand gearbeitet worden. 

Ein gutes Training beginnt mit der richtigen Vorbereitung. Am besten legt man den Alltagsstress an der Stalltür ab und nimmt sich Zeit vor der Reitstunde. Das beginnt beim Putzen und Satteln und geht weiter mit dem sorgfältigen Aufwärmen vor dem Training. Gearbeitet wird dann nach einem gut durchdachten Plan – wobei nichts dagegenspricht, diesen auch einmal zu ändern. Haben Pferd oder Reiter einmal einen schlechten Tag, tankt man besser bei einem gemütlichen Ausritt in der Natur neue Kräfte.  

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen