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Pferdelaufband

Tierischer Leerlauf oder sinnvolle Bewegung?

Pferde | Dienstag, 9. Oktober 2018, Peter Jäggi

Gehen und Traben, ohne einen einzigen Schritt vorwärtszukommen, unter den Hufen Plastik statt Gras: Manche Pferdehalter stellen ihre Tiere auf ein Laufband. Wie sinnvoll ist das? 

Jana Krätzigs* Leidenschaft für Pferde scheint grenzenlos. «Sie sind meine Familie», sagt die Hobbyhalterin über ihre drei Tiere im Luzerner Hinterland. Hilfen hat sie keine. Auch aus finanziellen Gründen. Deshalb fehlt ihr die Zeit, ihre Dressurpferde genügend zu bewegen. So schafft sie sich ein teures Pferdelaufband an.

Die Pferde auf den Wiesen in der Umgebung der Boxen laufen und grasen zu lassen, ist für sie keine Option. Auf Anfrage zweifelt Krätzig in einer E-Mail den freien Weidegang an und fragt, «ob es Sinn macht, ein so hoch gezüchtetes Gangwunder herumrennen zu lassen, mit dem Risiko, dass es sich schwer verletzt?» Ihre Tiere seien derart teuer, dass sie keine Verletzungen riskieren könne. So bietet das Laufband aus ihrer Sicht eine sichere und sinnvolle Bewegung.

«Pferde ausschliesslich auf dem Laufband zu bewegen, halte ich für äusserst fragwürdig», sagt hingegen Petra Ohnemus, Leiterin der Pferdeklinik an der Rennbahn im deutschen Iffezheim am Oberrhein. «Das Gehen auf dem Laufband entspricht in keiner Weise der natürlichen Bewegung eines Pferdes.» Ist das Laufband neben dem Reiten die einzige Bewegung, sei dies mit dem Tierwohl nicht vereinbar. Hingegen könne das Laufband, so die Tierärztin, therapeutisch und in der Forschung sehr nützlich sein.

Wertvoll in der Pferdetherapie
Auch im Schweizer Nationalgestüt in Avenches VD sind Laufbänder primär Heilbänder. Die dort eingebettete Klinik des Schweizerischen Institutes für Pferdemedizin braucht die Maschinen vor allem als Forschungs-, Therapie- und Rehabilitationshilfen. Tierärztin und Pferdeforscherin Alessandra Ramseyer nennt als Beispiel Verletzungen von Sehnen und Bändern der Extremitäten, wie etwa der Beugesehne. Um die volle Funktionsfähigkeit wieder zu erreichen, müsse das Tier während Monaten regelmässig in einer bestimmten Weise bewegt werden. Zudem spiele das Band in der Pferdesportmedizin eine wichtige Rolle. Zeige ein Pferd ein Leistungstief, könne dies auf eine mangelnde Sauerstoffversorgung des Organismus hindeuten. Lungen- und Herzfunktion werden dann auf einem Laufband mit variabler Geschwindigkeit sowie veränderbarer Steigung kontrolliert.

Christa Wyss ist Agrar-Ingenieurin ETH und arbeitet beim Nationalgestüt als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Wenn jemand sein Pferd täglich eine Stunde aufs Laufband stelle, sagt sie, sei die Frage erlaubt: «Was geschieht in den übrigen 23 Stunden? Gewährt man dem Tier darüber hinaus auch die so wichtige freie Bewegung?» Denn Bewegung auf dem Laufband sei gezielt gesteuert, das Tier könne nicht wählen, in welcher Geschwindigkeit es sich fortbewege.

Pferdehaltung braucht viel Zeit
Natürlicherweise bewegten sich Pferde vor allem im Schritt-Tempo, um Futter aufzunehmen, sagt Wyss. Wenn ein Pferd überwiegend in einer Box gehalten werde, dann zwei Stunden lang Auslauf in einer Koppel bekomme und ergänzend eine Laufband-Stunde, entspräche dies zwar den Minimalanforderungen der schweizerischen Tierschutzverordnung. «Doch ich würde dies nicht als speziell pferdegerecht beurteilen.»

Pferdehaltung sei sehr zeitaufwendig, sagt Wyss. Sie verweist auf eine Studie der englischen Universität Bristol, die zeigt, dass Freizeitpferde durchschnittlich nur drei bis sechs Jahre bei ihren Besitzern bleiben. Aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch weil die Halter zeitlich überfordert sind oder aus mangelnder Empathie. «Bevor man ein Pferd kauft, sollte man gut darüber nachdenken», rät Wyss. «Es sollte wirklich täglich ein, zwei Stunden in irgendeiner Form genutzt, bewegt werden.» Wer das nicht leisten könne, dem empfehle sie eine Reitbeteiligung.

Natalie Niquille, eine Tierphysiotherapeutin und Pferdeverhaltenstherapeutin aus Zug mit langjähriger Erfahrung und eigener mobiler Praxis, ist eigentlich für das Pferdelaufband. Vor allem in der fachlichen Therapie. Manchmal sei das Band auch sinnvoll zum Aufwärmen vor und nach dem Reiten, sagt sie. Was hingegen auch sie nicht gut findet: das Laufband als Reitersatz. «Aufs Laufband und dann zurück in Stall oder in die Koppel ist ein No-Go. Das Pferd ist ein Bewegungstier. Deshalb bitte Pferde bewegen ohne Laufband!» Dazu reichten auch ausgedehnte Spaziergänge. Denn Bewegungsmangel mache krank. So nähmen Gaskoliken (Blähungen) zu. Auch für eine gute Verdauung brauche das Tier viel Bewegung und diese fehle zunehmend. Wenn ein Laufbandeinsatz, dann «nur mit fachlicher Betreuung, um einen korrekten Einsatz zu gewährleisten».

Auch der Schweizer Tierschutz (STS) steht dem Laufband «sehr kritisch» gegenüber. Solche Geräte seien, wenn überhaupt, nur ergänzend und kurzzeitig einzusetzen, mit Einfühlungsvermögen, Geduld und stets unter Aufsicht des Betreuers, schreibt die Organisation. «Sie können auf keinen Fall die vom STS geforderte freie tägliche Bewegung und die Weide ersetzen.»

Schaden Laufbänder den Gelenken?
Es braucht keine grosse Fantasie, um sich vorzustellen, dass Gehen auf einem sich permanent drehenden Untergrund unnatürlich ist. Das sieht auch Barbara Welter-Böller so. Sie leitet im deutschen Overath die Fachschule für osteopathische Pferdetherapie. Ein Laufband erzeuge im Bein des Tieres unnatürliche und somit schädliche Bewegungen, sagt sie. «Laufbänder können deshalb eher verschleissfördernd sein statt schonend.» Sie sollten nur gezielt zum Einsatz kommen, etwa wenn ein Pferd durch falsches Training oder verletzungsbedingt eine falsche Haltung einnimmt. «Bei gesunden Pferden ohne Stellungsprobleme rate ich vom Laufband ab.»

Dass Laufmaschinen im Sinne von Welter-Böller gesundheitliche Schäden verursachen könnten, sei wissenschaftlich nicht untermauert, sagt allerdings Alessandra Ramseyer vom Nationalgestüt. Meinungen zum Pferdelaufband sind deshalb teilweise eher Glaube denn Wissen. Klar scheint nur: In Therapie und Rehabilitation spielen sie eine wichtige Rolle – ein Laufband als Bewegungsersatz hingegen ist nicht pferdegerecht. 

Jana Krätzig stiess ihr Laufband nach einigen Monaten wieder ab. Nicht wegen des Tierwohls, sondern aus finanziellen Gründen und weil sie eine unangenehme Nebenwirkung nicht einkalkuliert hatte: Ihr Laufband produzierte Geräusche, die nicht allen Nachbarn gefielen. Schliesslich beendete ein handfester Streit die Karriere der Pferdetretmühle. Und am Ende der Geschichte zog die Besitzerin mit ihren Pferden aus.

*Name und geografische Angabe geändert.

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