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Ruhige Gangart

Was der Schritt über das Pferd aussagt

Pferde | Dienstag, 15. Mai 2018, Angelika Nido Wälty

Bei der Ausbildung und im täglichen Training mit dem Pferd stehen Trab und Galopp oft im Zentrum – dabei ist der Schritt der wahre Prüfstein. Er ist die Gangart, die in Bezug auf Taktsicherheit am schwierigsten ist und deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient.

Pferde in freier Wildbahn haben es nicht eilig. Auf der Suche nach den besten Kräutern und Gräsern gehen sie jeden Tag viele Stunden im gemütlichen Schritt. Gelegentlich legen Pferdeherden längere Strecken, etwa zu einem Wasserloch, in langsamem Trab zurück. Der energieaufwendige Galopp kommt nur zum Einsatz, wenn eine vermeintliche oder reale Gefahr besteht. Bei Rangeleien unter Jungpferden, Rangkämpfen und Verfolgungsjagden spielen der Trab und der Galopp kurzfristig eine Rolle, doch sobald wieder Frieden herrscht, fallen die Pferde zurück in den Schritt und grasen weiter.

Auch unter menschlicher Obhut bewegt sich das Pferd vorwiegend im Schritt, sei es im Offenstall, in seiner Box oder auf der Weide. Beim Ausreiten im Gelände ist der Schritt ebenfalls die gebräuchlichste Gangart. Traben und galoppieren lässt sich nur dort, wo es die Bodengegebenheiten zulassen. Im Training, bei der Arbeit mit dem Pferd in der Reithalle oder auf dem Sandplatz ist der Schritt in der Aufwärm- und Abkühlphase die Gangart der Wahl – dazwischen wird er vielfach vernachlässigt. 

Zu Unrecht, ist der Schritt doch ein wichtiger Prüfstein für die Rittigkeit eines Pferdes. Anhand der Qualität des Schrittes lässt sich nicht nur der Ausbildungsstand des Pferdes beurteilen, sondern auch seine Gemütslage unter dem Reiter: Schreitet das Pferd willig, entspannt und losgelöst in Dehnungshaltung vorwärts oder ist es nervös?

Ein Viertakt zum Mitzählen
Der Schritt ist die Gangart mit der grössten «Störanfälligkeit», weshalb ihm auch in Dressurprüfungen eine besondere Bedeutung zukommt. In einigen Programmen haben Schritt-Lektionen den Koeffizienten 2, das heisst, seine Bewertung wird doppelt gewichtet. Doch was will der Richter sehen und was macht einen guten Schritt aus?    

Der Schritt ist eine ruhige Viertaktgangart in acht Phasen. Geht das Pferd auf einem harten Boden wie Asphalt, ist dieser rhythmische Viertakt deutlich zu hören und lässt sich leicht mitzählen: 1–2–3–4, 1–2–3–4. Nach dem Antreten, das ein Pferd, je nachdem wie es steht, mit dem Vorder- oder mit dem Hinterbein beginnen kann, geht der Schritt in eine gleichmässige Bewegung über. 

Die Hufe bewegen sich diagonal-lateral ohne Schwebephase: Beginnt das rechte Hinterbein, folgt das Vorderbein auf der gleichen Seite, anschliessend kommt das linke Hinterbein vor, dann das linke Vorderbein, wobei sich die Bewegungen ein wenig überschneiden. Kopf und Hals des Pferdes machen dabei eine leicht nickende Bewegung. Durch das regelmässige Auf- und Abfussen der Hinterbeine entsteht eine gleichmässige, schaukelnde Auf-und-Abwärts-Bewegung der Kruppe. Der Reiter spürt diese Bewegungen, die seine beiden Gesässhälften im rhythmischen Wechsel links und rechts anheben.

Die Abfolge des Schritts im Video erklärt und in Zeitlupe gezeigt (Video: WesternRiding TV):

Kein passartiger Gang
Betrachtet man das Pferd von der Seite, ist zwischen den Vorder- und den Hinterbeinen ein gleichmässiges «V» zu erkennen. Ist das hintere «V» zu klein, ist die Hinterhand nicht aktiv genug und das Pferd tritt zu wenig unter den Schwerpunkt. Ein zu kleines vorderes «V» deutet auf eine Blockade in der Schulter: Das Pferd kann sich nicht frei bewegen, der Schritt kommt nicht aus der Schulter heraus und die Tritte der Vorderhand fallen dadurch kürzer aus als diejenigen der Hinterhand.

Greifen die Vorderbeine jedoch weit vor, und treten die Hinterbeine ein bis drei Hufbreiten über die Spur der Vorderbeine, spricht man von einem guten Raumgriff. Diesen sieht der Dressurrichter gerne, gilt er doch als eines der Merkmale für einen «guten Schritt». Das wichtigste Kriterium hingegen ist der Takt: Das Pferd muss in einem klaren Viertakt schreiten. Unregelmässigkeiten in der Fussfolge sind fehlerhaft. Das gilt insbesondere für den passartigen Gang, bei dem das Pferd ähnlich einem Kamel, einer Giraffe oder einem Elefanten die jeweils gleichen Beinpaare vor- und zurückschwingt. Das kann beim Gangpferd durchaus erwünscht sein, nicht aber in der Grundgangart Schritt. 

Es gibt Pferde, die von Natur aus passartig gehen, auch Pferde mit einem sehr grossen, langsamen Schritt können dazu neigen. Häufiger ist jedoch der Reiter schuld am Taktverlust des Pferdes. Starre, unnachgiebige Hände sind Gift für den Schritt: Wird die leichte Nickbewegung des Pferdehalses und -kopfes beim Schreiten von der Hand nicht zugelassen, kann der passartige Gang entstehen. Fällt die störende Reiterhand weg, zum Beispiel, wenn die Zügel am Anfang oder Ende des Trainings lang gelassen werden, entspannt sich das Pferd in der Regel wieder und geht in einem reinen Schritt.

Neben Raumgriff und Takt ist der Fleiss ein weiteres Kennzeichen für einen guten Schritt. Das ist der Fall, wenn der Reiter im Takt des Schrittes gut zum Treiben kommt, von der Bewegung des Pferdes mitgenommen wird und mit den Händen auf die Nickbewegung des Kopfes eingeht. Das Pferd wird dadurch quasi von den Hilfen des Reiters eingerahmt. Gleichzeitig akzeptiert das Pferd den Schenkel des Reiters, ohne davor wegzueilen, und dehnt sich willig an das Gebiss heran. Damit das Pferd gelöst und entspannt schreiten kann, muss auch der Reiter entspannt und im Gleichgewicht sein. Er sollte tief und gleichmässig atmen und die Bewegungen des Pferdes zulassen.

Es profitiert auch die Gesundheit 
Einen guten Schritt entwickelt das Pferd nicht dadurch, dass der Reiter diese Gangart immer wieder übt, sondern durch eine solide Grundausbildung und richtiges Training im Trab und Galopp. Hat das junge Reitpferd gelernt, sich sicher an die Hilfen des Reiters stellen zu lassen, und lässt es sich ausbalanciert und bei guter Dehnung im Trab und im Galopp reiten, zeigt sich das auch in der Schrittqualität. 

Optimal ergänzt werden kann das Basis­training im Gelände: Bergab- und Bergaufreiten, das Reiten auf verschiedenen, auch unebenen Böden veranlasst das Pferd zum Schreiten. Auch das Einbeziehen von Hindernissen hilft, die Takt- und Trittsicherheit sowie die Rückentätigkeit des Pferdes und sein Gleichgewicht im Schritt zu verbessern. Schliesslich profitiert von einem kultivierten Schritt auch die Pferdegesundheit: Gelenke, Muskeln und Sehnen werden geschont, die Bewegungskompetenz verbessert sich entscheidend und damit auch die Lebensqualität des Vierbeiners. 

Lesen Sie hier unsere Tipps zum Trab und zum Galopp.

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