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Pferdegesundheit

Flower Power im Futtertrog

Pferde | Freitag, 20. Januar 2017, Heidi van Elderen

Sie sollen das Immunsystem der Pferde stärken und diverse Wehwechen lindern: Heilpflanzen wie Schwarzkümmel oder Hagebutten. Damit der Griff in die Naturapotheke wirklich hilft und nicht sogar Schaden anrichtet, gilt es einiges zu beachten.

Kräuterheilkunde hat eine uralte Tradition. Auch die Wirkstoffe vieler moderner Medikamente stammen ursprünglich aus der Pflanzenwelt, so kommt zum Beispiel Chinin, Bestandteil einiger Malariamittel, aus dem Chinarindenbaum. In den letzten Jahren wächst das Ansehen von Kraut und Knolle auch in der modernen Medizin zusehends, ihre Heilkraft wurde inzwischen durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Auch Reiter wollen ihren Pferden mit Pflanzen im Trog Gutes tun. Das ist naheliegend. Schliesslich sind Kräuter Bestandteil des natürlichen Speiseplans der Weidetiere. Doch nur noch die wenigsten Pferde kommen in den Genuss von weitläufigen kräuterreichen Weiden.

Gutes Kräuter-Wiesenheu ist in den meisten Regionen ebenfalls Mangelware. Da das Pferd also nicht mehr instinktiv selber wählen kann, welche Kräuter es gerade braucht, übernimmt dies der Mensch. Und muss sich dabei vor allem auf Erfahrungswerte verlassen. «Da neuere wissenschaftliche Studien zu erwünschten und unerwünschten Wirkungen vieler Heilpflanzen im Veterinär- und besonders im Pferdebereich fehlen, beruhen tiermedizinische Kenntnisse vorwiegend auf traditionell überliefertem Erfahrungswissen, auf klinischen Studien der Humanmedizin oder auf Anwendungsbeobachtungen beim Tier», sagt Fabiola Hülsen, Biologin und Pferdefütterungsexpertin aus Hunzenschwil AG.

Oft würden Erkenntnisse aus der Humanmedizin einfach auf die Pferde übertragen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass unter anderem Verdauungstrakt und Metabolismus bei Pferden anders funktionieren als bei uns. «Auch vor diesem Hintergrund rate ich immer dazu, Kräuter oder Gewürze mit Vorsicht und am besten nach Absprache mit einem Fütterungsexperten, Heilpraktiker oder einem in der Thematik erfahrenen Tierarzt einzusetzen», empfiehlt Hülsen, die Pferdehalter in Fütterungsfragen berät. «Kräuter sind Phytopharmaka und können bei falscher Anwendung sogar zu Problemen wie Leber- oder Magenschäden führen. Und in akuten Krankheitsfällen dürfen sie natürlich nie den Tierarzt ersetzen.»

Mehr Schaden als Nutzen?
Turnierreiter sollten zudem daran denken, dass einige Substanzen wie Teufelskralle, Weiderinde, Baldrian, Süssholzwurzel und Spitzwegerich zu einem positiven Dopingtestergebnis führen können. Die Liste mit erlaubten Substanzen und ihren Absetzfristen vor dem Wettkampf kann man bei den Pferdesportverbänden einsehen.

Bei fachgerechter Anwendung spricht nichts dagegen, mit Kräutern und Gewürzen Krankheiten vorzubeugen oder eine Behandlung zu unterstützen. Zur allgemeinen Stärkung des Immunsystems eignen sich zum Beispiel Schwarzkümmel, Bockshornklee, Hagebutten, Bierhefe und Sonnenhut (Echinacea). «Letzteres darf allerdings nicht über einen längeren Zeitraum gegeben werden, da sich seine Wirkung sonst ins Gegenteil verkehrt», warnt Fabiola Hülsen.

Es gibt noch andere Kräuter und Gewürze, von denen man inzwischen weiss, dass sie bei zu hoher Dosierung oder zu langer Einnahme mehr Schaden als Nutzen anrichten. So schlägt Teufelskralle, die gerne und erfolgreich bei Gelenkproblemen eingesetzt wird, langfristig auf den Magen. Zu viel Rosmarin, bekannt für seinen vitalisierenden Effekt, greift die Darmflora an. Und Pfefferminze mindert die Wirkung von homöopathischen Mitteln.  

Gibt man einen ständigen Futterzusatz, zum Beispiel bei chronischen Krankheiten, sollte man gelegentlich Pausen einlegen, auch damit sich der Körper nicht an den Wirkstoff gewöhnt. In den meisten Fällen ist es aber sowieso sinnvoller, die Kräuter kurweise über einen Zeitraum von vier bis acht Wochen zu verabreichen.

Mit so einer sechswöchigen Kräuterkur, die zwei Wochen vor der Sonnenwende beginnen sollte, kann man jetzt schon den Fellwechsel im Frühling unterstützen. Es sei ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Fellwechsel erst anfange, wenn die Pferde ihre Haare im Frühjahr beziehungsweise Herbst verlieren, erklärt Fabiola Hülsen. Dann werde nur das tote Fell abgeworfen. Der Fellwechsel beginne schon zur Sonnenwende mit der hormonellen Umstellung der Tag-Nacht-Gleiche, er sei abhängig von Tageslicht, Temperatur und auch dem Ernährungszustand des Pferdes.

Wer etwas tun will, damit das Pferd leichter durch den Fellwechsel kommt, sollte dies also im Dezember/Januar oder im Juni/Juli tun. Geeignet sind die tägliche Gabe von einer Handvoll Leinsamen oder Sonnenblumenkerne sowie Bierhefe als gute Lieferanten von Vitaminen und Spurenelementen. Bei Pferden, die mit dem Fellwechsel wirklich Probleme haben, kann man noch die Durchblutung mit Gingko und Weissdorn ankurbeln», sagt Hülsen.

Es sei wichtig, dass das Pferd generell gut mit Spurenelementen (Kupfer, Zink, Selen), Vitaminen (A + E; B1, 2, 6, 12), aber auch mit Eiweissen/Aminosäuren (Cystein, Methionin) und Fettsäuren versorgt sei. Sie spielen eine zentrale Rolle in Zeiten des Fellwechsels.

Kleine Mengen, grosse Wirkung
Die Dosierung hängt vom einzelnen Kraut, aber vor allem davon ab, ob es frisch, getrocknet, als Teeaufguss oder als hochkonzentrierte Essenz verfüttert wird. Weit verbreitet sind getrocknete Kräuter. «Bei einer Kur gibt man 30 bis 40 Gramm pro Tag, idealerweise auf zwei Portionen am Tag verteilt», rät Hülsen. Für eine Dauergabe würde man die Menge auf 10 bis 15 Gramm pro Tag reduzieren. Diese Werte gelten für ein Pferd mit rund 500 Kilogramm Körpergewicht, man muss sie also entsprechend anpassen, falls das Pferd schwerer oder leichter ist.

Für gezielte Behandlungen empfiehlt die Fachfrau die Gabe von Einzelkräutern. Reicht ein Kraut nicht aus, nimmt man eine Kräutermischung, in der bis zu drei Hauptkräuter mit ähnlicher Wirkung, aber unterschiedlichen Wirkschwerpunkten, mit diversen Ergänzungskräutern für eine erweiterte Heilwirkung oder einen verbesserten Geschmack, kombiniert werden.

Mehr als fünf bis sieben Kräuter sollte die Mischung nicht enthalten, da sich sonst die einzelnen Substanzen in ihrer Wirkung oftmals behindern. «Leider sind auch die Kräutermischungen, die im Futterhandel angeboten werden, nicht immer sinnvoll zusammengestellt. Auch hier gilt es also, gut hinzuschauen und sich von einem Experten beraten zu lassen», sagt Hülsen.  

Doch egal, wie sorgfältig Kräuter ausgesucht und zusammengestellt wurden: Längst nicht jedes Kraut schmeckt jedem Pferd. Manchmal kann man den Vierbeiner überlisten, indem man etwa Kräuter im Heucob versteckt. Zum Kräuteressen zwingen würde die Fütterungsexpertin Pferde aber nicht. «Ist die Gabe therapeutisch begründet, sollte man es erst einmal mit einem anderen Kraut versuchen. Denn bei den meisten Indikationen hilft nicht nur ein Kraut.»

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