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Ruhepause

Die perfekten Winterferien

Pferde | Mittwoch, 4. Januar 2017, Angelika Nido Wälty

Früher war es üblich, Pferden in der kalten Jahreszeit Erholung von der Arbeit oder von Turnieren zu gönnen. Sind solche Winterpausen heute noch zeitgemäss und was bringt dem Pferd eine Auszeit vom Alltag?

Unter dem Schnee ruht die Natur und dementsprechend hatten früher die Arbeitspferde auf den Bauernhöfen im Winter weniger zu tun als in den übrigen Monaten und erhielten eine wohlverdiente Pause. Diese wurde selbst mit dem Aufkommen der Sportreiterei noch lange Zeit beibehalten: In der kalten Jahreszeit gab es nur wenige Turniere und viele Pferdebesitzer entliessen ihre Pferde zwischen Oktober und März für ein paar Wochen oder Monate auf die Winterweiden.

Heute finden in den technischen Disziplinen das ganze Jahr über Pferdesportanlässe statt: Spring- und Dressurreiten geht auch in Reithallen, die Schutz vor jeder Witterung bieten. Mit den grossen CSI in Genf,  Zürich und Basel werden gleich drei pferdesportliche Höhepunkte der Schweiz, bei denen es um viel Preisgeld geht, im Dezember und Januar ausgetragen. Die teilnehmenden Pferde sind dann topfit und alles andere als im Pausenmodus.

Doch auch diese vierbeinigen Spitzensportler erhalten regelmässig Auszeiten vom Trainings- und Turnieralltag. Nur sind diese nicht zwangsläufig im Winter, sondern verteilen sich je nach Einsatz eines Pferdes über das Jahr. Olympiasieger Steve Guerdat zum Beispiel plant den Turnierkalender seiner Grand-Prix-Pferde penibel und gönnt ihnen nach Titelkämpfen oder anderen wichtigen Turnieren zur Regeneration jeweils mehrere Wochen Pause mit viel Weidegang und entspannenden Ausritten in der Natur.  

In anderen Pferdesport-Disziplinen, die vorwiegend im Freien ausgetragen werden, kennt man die traditionelle Winterpause heute noch. Renn- oder Polo-Pferde, die nicht an den Rennen und Turnieren auf Schnee teilnehmen, geniessen im Winter eine zwei- bis dreimonatige Auszeit auf der Weide. Diese ist auch in vielen Ställen mit Vielseitigkeits- und Distanzpferden üblich.

Der Fellwechsel braucht Energie
Bei den Islandpferden hat die Auszeit in der kalten Jahreszeit ebenfalls Tradition. In Island selber findet diese mittlerweile eher im Herbst statt, da Anfang Jahr auf der Insel bereits wieder wichtige Turniere im Kalender stehen. Die Turnierpferde vom Islandpferdehof Weierholz von Doris Schoch Albrecht und Markus Albrecht im thurgauischen Eschenz, deren Spitzenpferd Kóngur frá Lækjamóti in Passrennen zu den Schnellsten der Welt gehört, erhalten eine zweimonatige Auszeit auf der Weide. «Das tut ihnen gut. Sie erholen sich dabei sowohl körperlich als auch mental und kommen frisch aus der Pause zurück», erklärt Doris Schoch Albrecht.

Diesen Effekt nutzen auch viele Amateur- und Freizeitreiter und verordnen ihrem Vierbeiner in der Winterszeit eine ruhigere Phase. Diese Jahreszeit bietet sich aufgrund des natürlichen Biorhythmus des Pferdes an. Manch ein Reiter verspürt im Herbst einen Leistungsabfall bei seinem Vierbeiner: Er spart Energie für den Fellwechsel und stellt sich seiner Natur gemäss auf eine Zeit mit tiefen Temperaturen und knappem Futterangebot ein. Bei wild lebenden Pferden haben Wissenschaftler festgestellt, dass sie ihren Stoffwechsel in der kalten und nahrungsarmen Zeit um fast die Hälfe drosseln. Ihr Herzschlag verringert sich und sie bewegen sich nur noch halb so viel wie im Sommer, um Energie zu sparen.

Beim Sport- und Freizeitpferd hilft die winterliche Trainingspause, das natürliche Leistungstief zu überwinden. Ausserdem kann sich der Körper regenerieren, nicht sichtbare, kleinste Verletzungen in den Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken erholen sich und heilen vollständig aus. Aber auch die Psyche des Pferdes kann sich in dieser Zeit vom Turnierstress erholen.

Pause bedeutet nicht Stillstand
Wie sich die Winterpause für das Pferd sinnvoll gestaltet, ist von mehreren Faktoren abhängig. Wo keine Reithalle vorhanden und der Aussenplatz aufgrund der Witterung nicht bereitbar ist, fällt das Training zwangsläufig aus. Und nicht jeder Pferdebesitzer hat die Möglichkeit, sein Pferd für mehrere Wochen auf eine grosse Winterweide zu stellen. Neben Infrastruktur und örtlichen Gegebenheiten entscheiden in erster Linie die Bedürfnisse des Pferdes. Es gibt Pferde, die sowohl mental als auch körperlich von einer längeren Auszeit profitieren und solche, die sich schnell langweilen und kribbelig werden, wenn «nichts läuft».

Der eine Vierbeiner fühlt sich bei jeder Witterung im Freien auf der Weide mit Artgenossen pudelwohl, während der andere eine Krise bekommt, wenn er seine heimische Box verlassen muss. Je besser der Pferdebesitzer seinen vierbeinigen Partner kennt, desto leichter fällt es ihm, die Winterpause sinnvoll zu planen.

Wird das Pferd für ein paar Wochen in die grosse Freiheit auf die Weide entlassen und nicht geritten, heisst das für den Reiter allerdings nicht, dass es nun für ihn nichts mehr zu tun gibt. Er hat nun Zeit, sich um seine eigene körperliche Fitness zu kümmern und vielleicht den Ausgleichssport zu betreiben, der beim täglichen Reiten in der warmen Jahreszeit oft zu kurz kommt. Ausserdem braucht das Pferd auch Betreuung, wenn es «nur» auf der Weide steht: Regelmässige, am besten tägliche Kontrollen, vor allem der Beine und der Hufe sind unerlässlich.

Die Winterweide sollte gross genug sein und nicht zu feucht, sonst stehen die Pferde nach wenigen Tagen im Matsch. Ein Unterstand bietet Schutz gegen Wind und Wetter. Pferde, die auf die Weide gehen, sollten nicht geschoren werden und müssen dann bei trockenem Wetter auch nicht eingedeckt werden. Bei Nässe und Wind schützt eine wetterfeste Weidedecke. Die Hufeisen zu entfernen ergibt nur dann Sinn, wenn die Auszeit mehr als drei Monate dauert. Pferde, die nicht geritten werden, stillen ihren Bewegungsdrang auf der Weide und bauen deshalb nicht so schnell Muskelmasse und Kondition ab, wie oft befürchtet wird. Trotzdem sollten sie nach mehreren Wochen ohne Sattel wieder gezielt aufgebaut und auf grössere Leistungen vorbereitet werden.

Gemütlichkeit statt Leistung
Man kann seinem Pferd auch eine Winterpause gönnen, ohne ganz auf das Reiten zu verzichten. Dabei steht die «aktive Erholung» im Vordergrund: Die Intensität des Trainings wird reduziert und damit die Anforderungen an den Pferdekörper. Der Leistungsgedanke macht Vergnügen Platz, zum Beispiel auf langen, gemütlichen Ausritten durch die verschneite Landschaft, auf denen Pferd und Reiter die Seele baumeln lassen können. Ausserdem sollte viel Abwechslung auf dem Plan stehen: An die Stelle kräftezehrender Trainingseinheiten und der immer gleichen Lektionen in der Reithalle treten neben Ausritten zum Beispiel Bodenarbeit, leichte Gymnastik über Stangen und Cavalettis, das Einüben von Zirkuslektionen, Longieren, Spaziergänge an der Hand und stundenweise Weidegang, also alle Aktivitäten, bei denen sich das Pferd bewegt, aber trotzdem entspannen kann. Das Wohlbefinden des Pferdes, seine Pflege und das Gesundheitsmanagement  stehen in dieser Periode im Vordergrund, so ist sie optimal, um etwa den jährlichen Zahnarzt-Termin wahrzunehmen oder das Pferd zu impfen.

Ist es nach seinen Winterferien körperlich und geistig erholt, wird das Pferd bei Trainingsbeginn freudiger und motivierter mitarbeiten und gerne wieder bereit sein, unter dem Sattel für seinen Reiter alles zu geben.

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