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Beinschoner

Der beste Schutz für Pferdebeine

Pferde | Freitag, 11. September 2015, Angelika Nido Wälty

Um die empfindlichen Pferdebeine zu schützen, wird gewickelt, geschnallt und geklettet, was das Zeug hält. Doch was nützen Beinschoner – und womit richtet man mehr Schaden an?   

Was haben Pferde und Fotomodels gemeinsam? Ihre Beine sind ihr Kapital! Als Fluchttier, das auf Schnelligkeit angewiesen war, besitzt das Pferd einen hochspezialisierten Bewegungsapparat mit langen, schlanken Beinen. Die Muskeln sitzen hoch oben an den Beinen und geben ihre Kraft über lange Sehnen weiter. Der untere Abschnitt besteht nur aus Knochen, Sehnen, Nerven, Blutgefässen und Haut. Das macht Pferdebeine leicht und schnell, aber es fehlt die Polsterung durch Muskeln, Binde- und Fettgewebe, die zum Beispiel das menschliche Bein vor Verletzungen schützen.

In freier Wildbahn sicherte diese «Konstruktion» dem Pferd das Überleben, doch unsere Freizeit- und Sportpferde sind veränderten Belastungen ausgesetzt: Sie werden weniger bewegt, dafür intensiver. Sie springen über hohe Hindernisse, drehen Pirouetten, machen Sliding Stops – und tragen dabei erst noch ein Reitergewicht. Verletzungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates sind deshalb häufig: Kaum einem Pferdebesitzer bleibt es erspart, dass sein Pferd einmal lahmt. Ein Fehltritt im Gelände, eine missglückte Landung nach dem Sprung oder einem übermütigen Bocksprung sind rasch passiert. Es ist daher verständlich, dass Pferdebesitzer die Beine ihre Lieblinge so gut wie möglich schützen wollen.

Passender Beinschutz für jede Situation
Der Reitsport-Fachhandel reagiert darauf mit einem grossen Sortiment an Gamaschen, Sehnenschonern, Bandagen, Streifkappen und Hufglocken. Es gibt diese Hilfsmittel in diversen Ausführungen, aus Materialien wie Leder oder Kunststoff, gepolstert mit Lammfell, Neopren oder Gelpads und in jeder erdenklichen Modefarbe. Für das Gros der Pferde­sportler gehört das Anlegen eines Beinschutzes ganz selbstverständlich zur Ausrüstung – oft ohne über deren Zweck sowie die Vor- und Nachteile nachzudenken.   

Der Hauptnutzen eines Beinschutzes liegt unumstritten im Schutz vor äusseren, mechanischen Verletzungen. «Tritt sich das Pferd beim Galoppieren im Gelände oder beim Springen in die Sehnen oder Ballen der Vorderbeine, kann das zu schlimmen Verletzungen führen», sagt Stéphane Montavon, Pferdetierarzt und Chef Technik der Disziplin Springen im Pferdesportverband. Doch nicht nur Sportpferde sind diesem Risiko ausgesetzt. Auch Pferde mit Fehlstellungen, junge Pferde, die unter dem Reiter noch Mühe mit der Balance haben, oder solche, die einfach nur ungeschickt sind, schlagen sich schon mal aus Versehen gegen die eigenen Beine. Das kann tiefe Wunden und langwierige Sehnen- oder Knochenhautverletzungen zur Folge haben.

Kein Schutz vor inneren Verletzungen
Ein Beinschutz empfiehlt sich also immer dann, wenn bei der Arbeit mit dem Pferd ein ruhiger, flüssiger Bewegungsablauf nicht gewährleistet ist – bei einem schreckhaften oder stürmischen Tier kann das schon beim Ausreiten der Fall sein. Auch beim Transport, wo ein abruptes Bremsmanöver genügt, um das Pferd aus dem Gleichgewicht zu bringen, rät Tierarzt Montavon zum Schutz der empfindlichen Beine. Dafür gibt es spezielle, gepolsterte Transportgamaschen, die das ganze untere Pferdbein meist inklusive Sprunggelenk umfassen.

Eine gut sitzende Gamasche oder eine fachgerecht gewickelte Bandage gibt Sehnen, Bändern und dem Fesselgelenk einen gewissen Halt – sie schützen allerdings nicht, wie häufig angenommen wird, vor Überbelastungen oder inneren Verletzungen wie Überdehnungen, Zerrungen und Brüchen. Auch ihre Stützfunktion ist umstritten. «Gamaschen, die nicht zu fest sitzen dürfen, stützen das Pferdebein kaum bis gar nicht», sagt Stéphane Montavon. Mit korrekt angelegten Bandagen hingegen könne man den Sehnenapparat des Pferdes bis zu einem gewissen Grad unterstützen.

Gamaschen haben gegenüber Bandagen den Vorteil, dass man – eine gute Passform und Sauberkeit vorausgesetzt – beim Anlegen kaum etwas falsch machen kann. Ausserdem sind sie schnell an- und ausgezogen und dank der heute verwendeten Materialien pflegeleicht, was sie zum beliebtesten Beinschutz macht. Mit den bunten Bandagen, die viele Pferdebesitzer auch aus optischen Gründen ums Pferdebein wickeln, kann hingegen einiges schief laufen. Die meterlangen Stoffbinden, die es aus Baumwolle, Fleece, Wolle und elastischem Material gibt, werden meist mit integrierten oder separaten Unterlagen dem Pferdebein angelegt. Das Bandagieren ist zeitaufwendig und wird nur von den wenigsten Reitern perfekt beherrscht. Dabei müssen Bandagen absolut faltenlos, nicht zu stramm und nicht zu lose sitzen. Falsch gewickelt, entstehen Druck- und Scheuerstellen, die Blutzufuhr wird beeinträchtig und gehen die Bandagen beim Reiten auf, droht Sturzgefahr.

Auch der präventive Einsatz von Stall- oder Ruhebandagen im Dauereinsatz ist umstritten. Pferdebesitzer, die damit das «Anlaufen» also Aufschwellen der Beine vermeiden wollen, riskieren einen Teufelskreis: Die ständige Kompression schwächt das Gewebe, der Lymphfluss wird beeinträchtigt, die Pferdebeine neigen erst recht zum Anschwellen. Die Ursache von «dicken Beinen» sollte vom Tierarzt abgeklärt und fachgerecht behandelt werden. Ohnehin legt man den Grundstein für gesunde, kräftige und widerstandsfähige Pferdebeine nicht mit teuren Gamaschen oder perfekt gewickelten Bandagen, sondern mit einem sorgfältigen, überlegten Trainingsaufbau und dem Vermeiden von Überlastungen.

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