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Pferdehaltung

Den Pferde-Alltag spannend gestalten

Pferde | Freitag, 27. März 2015, Angelika Nido Wälty

Es steht in seiner Box, döst und frisst – doch was macht ein Pferd sonst noch so innerhalb von 24 Stunden? Oft ist der Pferde-Alltag von Langeweile geprägt. Was kann man dagegen tun?

Die Haltungsform bestimmt den Tagesablauf eines Pferdes: In freier Wildbahn lebt es anders als das Hauspferd in einem Gruppenauslaufstall oder einer Einzelbox. Letztere ist die häufigste Haltungsform in der Schweiz: Über 80 Prozent der rund 100 000 Equiden in unserem Land leben alleine in einer Box, die meisten davon ohne permanenten Auslauf.

Bei Pferden, die weitgehend in Freiheit leben, prägt die Futteraufnahme den Tagesablauf. Sie sind zwischen 16 und 18 Stunden täglich auf der Suche nach Wasser und den besten Weidegründen. Dabei bewegt sich die Herde langsam aber kontinuierlich fort und kommt auf eine tägliche Wegstrecke von bis zu 30 Kilometern, bei spärlichem Graswuchs oder Wassermangel können es sogar noch mehr sein. Das klingt anstrengend, doch der Organismus des Pferdes hat sich diesen Bedingungen angepasst. Er braucht bis heute die ständige Bewegung, damit Muskeln, Sehnen und Bänder stark und geschmeidig bleiben sowie frische Luft für eine gesunde, leistungsfähige Lunge.

Der Mensch bestimmt den Rhythmus
Im Herdenverband bestehen enge soziale Bindungen zwischen den Pferden: Sie betreiben Fellpflege oder übernehmen die Wache, damit andere Tiere ungestört schlafen können. Lebt das Pferd als Haustier, bestimmt der Mensch den Tagesablauf. Meist geht in Schweizer Ställen zwischen sechs und sieben Uhr morgens das Licht an und das Pferd erhält Heu und Kraftfutter. Entweder hat es dann Glück und darf ein paar Stunden auf die Weide oder es bleibt den ganzen Tag sich selber überlassen, bis irgendwann nach Feierabend sein Reiter auftaucht und es eine Stunde lang bewegt.

In den restlichen 23 Stunden, die das Pferd alleine und ohne Beschäftigung in seiner oft nur zwölf Quadratmeter grossen Box verbringt, ist ihm langweilig. Denn sein Ruhebedürfnis wird in der Regel stark überschätzt. Ähnlich wie wir, benötigt ein Pferd nur zwischen einem Viertel und einem Drittel des Tages, also sechs bis acht Stunden, zum Ausruhen und Schlafen. Nur Fohlen und Jung­pferde brauchen mehr Schlaf: Sie ruhen bis zu zehn Stunden und liegen deutlich öfter.

Den grössten Teil der Ruhezeit verbringen Pferde dösend im Stehen. Dieser Zustand zwischen Wach- und Schlafphase trägt beim Pferd wesentlich mehr zur Regeneration bei als beim Menschen. Richtig tief schlafen aber auch Pferde nur im Liegen. Dafür kennen sie zwei Positionen: die Brustlage und die ausgestreckte Seitenlage, die sie aber nur einnehmen, wenn sie genügend Platz haben und sich sicher fühlen.

Studien zum Schlafverhalten von Hauspferden haben gezeigt, dass Pferde in Gruppenhaltung die höchste Liegezeit aufweisen, wobei diese wiederum von der Hierarchie abhängig ist: Je ranghöher ein Pferd ist, desto mehr Zeit verbringt es im Liegen. Pferde in Einzelboxen liegen nur rund halb so lange wie Gruppenpferde und Pferde in Anbindehaltung, wie sie in der Schweiz verboten ist, legen sich gar nicht hin oder nur sehr kurz. Mangelnder oder sogar ganz fehlender Tiefschlaf hat für das Pferd weitreichende Folgen, die von Leistungseinbussen über gesundheitliche Probleme bis hin zu Verhaltensstörungen reichen.

Die Ruhephasen sind auch beim Pferd in der Dunkelheit deutlich länger. Bei Tageslicht werden nur rund 20 Prozent der Zeit mit Dösen verbracht. Die restliche Zeit ist das Pferd hellwach und wartet darauf, dass etwas passiert. So sind die Mahlzeiten eine willkommene Abwechslung im Pferdealltag. Sie werden deshalb in vielen Ställen mit Wiehern und lautem Gepolter an die Boxenwände ungeduldig erwartet.

Mit mehr Fantasie füttern
Doch auch mit Fressen ist das Pferd nicht so lange beschäftigt, wie das seinem natürlichen Fressverhalten entsprechen würde. Ein Kilogramm Kraftfutter, egal ob Hafer, Müesli oder Pellets, schlingt das Pferd innerhalb von zehn Minuten herunter. An einem Kilogramm Heu hat es immerhin 30 bis 45 Minuten lang zu kauen. Das ist mit ein Grund weshalb Futter­experten die Bedeutung von qualitativ hochwertigem Raufutter immer wieder betonen. Dazu gehört auch das Stroh, das zwar in erster Linie als Einstreu dient, dem Pferd aber auch Beschäftigung bietet: Boxenpferde riechen und knabbern stundenlang an ihrem Stroh, wühlen darin und spielen mit den Halmen.

Wer aufgrund der Haltungsumstände keine Möglichkeit hat, sein Pferd tagsüber mit Weidegang oder zusätzlicher Bewegung zu beschäftigen, kann ihm über das Futter zumindest ein bisschen die Langweile nehmen. Dabei sollte nicht die Menge erhöht werden, sondern mit mehr Fantasie gefüttert werden. Steckt man zum Beispiel die Heuration in ein kleinmaschiges Heunetz, ist das Pferd lange mit Herauszupfen beschäftigt. Auch mit dem Knabbern an Ästen und Hölzern können sich Pferde stundenlang beschäftigen. Direkt an die Futtermenge gekoppelt ist das Ausscheideverhalten des Pferdes: Sie äpfeln ungefähr alle 30 bis 120 Minuten, wobei Pferde auf einer reichhaltigen Weide bis zu 50 Kilogramm Kot am Tag abgeben können. Bei Stallpferden, die mit Kraftfutter und Heu gefüttert werden, ist es deutlich weniger.    

Für Bewegung und Unterhaltung sorgen
Den abwechslungsreichsten und artgerechtesten Tagesablauf haben Hauspferde, die in einer Auslauf-Gruppenhaltung gehalten werden. Auf den verschiedenen Funktionsbereichen wie Fressplatz, Wasserstelle, Liegefläche, Wälz- und Aufenthaltsbereich und Weide können die Gruppenpferde ihre Bedürfnisse weitgehend stillen. Sie können sich frei bewegen, ihr Sozialverhalten pflegen, miteinander kommunizieren und spielen, aber sich auch aus dem Weg gehen.

Wo die Unterbringung in einem Gruppenstall nicht möglich ist, muss der Besitzer für mehr «Action» im Pferdeleben sorgen. Besser als die Innenbox ist eine Fensterbox und noch besser eine Box mit Auslauf, wo das Pferd den Aussenreizen ausgesetzt ist und zumindest zu seinen Nachbarn Sozialkontakt hat. Der regelmässige Weidegang respektive freie Auslauf ist mittlerweile sogar gesetzlich vorgeschrieben: Zweimal in der Woche müssen sich Pferde während mindestens zwei Stunden frei bewegen dürfen. Besser ist natürlich, wenn sie das jeden Tag tun können.

Wer selber nicht mehr Zeit für sein Pferd hat, sucht sich eine zuverlässige Reitbeteiligung, die Freude daran hat, ausgedehnte Ausritte in der Natur zu unternehmen und sich mit dem Pferd zu beschäftigen. Denn ein Pferd, das einen erfüllten Tagesablauf hat, ist gesünder, gelassener, motivierter und macht seinem Besitzer mehr Freude.

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