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Pferdegesundheit

«Gute Futterverwerter sind gefährdet»

Pferde | Donnerstag, 29. Januar 2015, Interview: Ruth Müller

In der Pferdefütterung sind Fruktane allgegenwärtig. Im Übermass verzehrt, macht dieser in Pflanzen vorkommende Zucker die Pferde krank. Die Agronomin Annik Gmel vom Nationalgestüt in Avenches schafft Klarheit mit neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

In Grashalmen, Kräutern, Wurzeln und Blättern dienen Fruktane als kurzfristige Energiezwischenspeicher. Die Photosynthese der Pflanzen und damit die Produktion von Energie ist abhängig von Sonneneinstrahlung, Wärme und dem Vorhandensein von Wasser. Wenn bei speziellen Wetterbedingungen mehr Energie gebildet wird, als für das Wachstum verwendet werden kann, beginnt die Pflanze, die überschüssige Energie als Fruktan zu speichern. Dieses Zuckerdepot wird zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgebaut.

Annik Gmel
Annik Gmel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Schweizerischen Nationalgestüt Avenches.

Bild: zVg

Annik Gmel, wann sind die Fruktanwerte im Gras am höchsten?
In Stresssituationen wird das Wachstum eingestellt und Fruktane als Notreserven eingelagert. Je mehr Wachstum, desto weniger Fruktan. Je mehr Stress, desto mehr Fruktan. Schwankungen während des Tages hängen oft mit der Sonneneinstrahlung zusammen: Morgens sind die Energiespeicher von der Nacht etwas leerer. Im Laufe des Tages laden sich die Energiespeicher auf, wie bei einer Solarzelle. Allerdings werden Pflanzen auch besonders durch Frost angeregt, die Energiereserven zu erhalten oder sogar zu speichern, weshalb morgens nach einem Nachtfrost die Fruktanwerte extrem hoch sein können.

Wie erkennt man, ob ein Pferd gefährdet ist?
Besonders übergewichtige Pferde oder solche mit einem gestörten Stoffwechsel sind betroffen. Dazu gehören das Cushingsyndrom, Insulinresistenz und das Equine Metabolische Syndrom. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass leichtfuttrige Pferde, Ponys und Esel, also gute Futterverwerter, am stärksten gefährdet sind.

Weshalb gerade diese Tiere?
Diese Rassen stammen ursprünglich aus kargen Landschaften. Bei uns, auf Weiden mit energiereichen Gräsern, nehmen Pferde viel mehr Kohlenhydrate auf, als sie verwerten können. Gleichzeitig bewegen sie sich weniger. Dadurch bringen sie ihren Energiehaushalt und ihren Darm ins Ungleichgewicht.

Was empfehlen Sie für den Weidegang?
Es kommt auf das Pferd an. Leichtfuttrige Tiere, solche mit wiederkehrenden Darmerkrankungen oder Hufrehe müssen sorgsam beobachtet werden, wenn sie auf die Weide sollen. In solchen Fällen würde ich eher raten, einen Paddock einzurichten und mit energiearmem Heu zu füttern. Bei allen Pferden sollte man darauf achten, sie nach einer Frostnacht oder einer langen Trockenperiode erst mal nicht grasen zu lassen und sie wieder langsam an den Weidegang zu gewöhnen.

Gibt es noch andere Tricks?
Ein Maulkorb, zeitliche oder räumliche Restriktionen der Grasaufnahme sollten in Erwägung gezogen werden, soweit die Pferde kooperieren. Eine Heu-Zufütterung während des Weidegangs könnte die Pferde dazu anregen, langsam auf Gras umzusteigen, indem sie abwechselnd sowohl Heu und Gras fressen. So entsteht kein plötzlicher Futterwechsel.

Warum können Fruktane beim Pferd Hufrehe verursachen?
Fruktane sind Mehrfachzucker wie zum Beispiel Stärke in Weizen, bloss dass sich Fruk­tane nicht im Dünndarm aufspalten und verwerten lassen. Sie wandern unverdaut vom Dünndarm in den Blinddarm/Dickdarm, wo sie von Bakterien vergärt werden. Dies produziert Milchsäure, die den meisten Darmbakterien schadet oder sie gar sterben lässt. Dadurch kann es zu Koliken, Durchfall und Enddarm-Azidose kommen. Es werden zudem Giftstoffe im Blinddarm und Dickdarm produziert, die, wenn sie in die Blutbahn gelangen, Hufrehe auslösen können. Man könnte also sagen, ernährungsbedingte Hufrehe ist eine Darmverstimmung in den Hufen.

Wie viel Fruktan verträgt ein Pferd oder Pony pro Tag?
In kontrollierten Laborstudien können schon 3 Gramm Fruktan pro Kilogramm Körpermasse beim Pferd Azidose auslösen. 5 Gramm können bereits zu Hufrehe führen. Und 7,5 bis 12,5 Gramm Fruktan lösten in allen wissenschaftlichen Studien Hufrehe aus. Es hängt in der Praxis vom Weidebestand und dem Wetter ab, wie viel Fruktan in den Gräsern enthalten ist und wie viel das Pferd aufnehmen kann. Zusätzlich sind noch andere Zuckerarten im Gras, etwa Stärke, die bei hoher Aufnahme ebenfalls in den Dickdarm gelangen und Hufrehe auslösen könnten.

Was kann der Stallbesitzer tun punkto Weidepflege, um die Fruktanwerte zu senken?
Für Pferde geeignetere Gräser aussäen, die Weide etwas schattiger gestalten, angemessen düngen – und es wird empfohlen, bei Trockenstress zu bewässern. Allerdings ist der Arbeits- und Wasseraufwand hoch.

Welche Gräser sind fruktanreich/-arm?
Je nach Quelle findet man unterschiedliche Angaben. Als eher fruktanreich gelten: Deutsches Weidelgras, Wiesenschwingel-Arten, Kräuter wie Disteln, Löwenzahn, Wegwarte und Kriech-Quecke. Ärmer an Fruktan sind Knaulgras, Lieschgras, Kammgras, Rispengras, Wiesenfuchsschwanz und Wolliges Honiggras.

Wie sieht es mit Fruktanen im Heu aus?
Die Fruktanwerte im Heu hängen von der botanischen Zusammensetzung (Grasart und  Alter der Pflanzen) sowie von den meteorologischen Bedingungen kurz vor dem Schnitt ab. Gräser mit natürlich geringeren Fruktangehalten geben auch fruktanärmeres Heu. Begünstigen die Wetterverhältnisse vor dem Schnitt die Fruktanspeicherung, wird das Heu vergleichsweise mehr Fruktane enthalten.

Verringern sich die Fruktane im Heu während der Lagerung?
Im Heu werden Fruktane normalerweise nicht abgebaut. Das würde nur geschehen, wenn das Heu mikrobiell zersetzt würde, etwa bei ungünstigen Lagerverhältnissen.

Wie kann der Pferdehalter die Fruktane im Heu vermindern?
Man kann das Heu vor dem Füttern in viel Wasser tauchen, eine halbe Stunde reicht, da Fruktane wasserlöslich sind. Steamer reduzieren zwar den Staub im Heu, aber viele Nährstoffe bleiben erhalten, auch die Fruktane.

Welches sind Ihre Haylage-Erkenntnisse?
Haylage enthält weniger Fruktane als Heu aus demselben Schnitt, ist aber für die hufrehgefährdeten, übergewichtigen oder insulinresistenten Pferde nicht unbedingt geeignet. Viele Pferde haben eine Vorliebe für Haylage gegenüber Heu, weswegen die Pferde mehr davon fressen, wenn sie es frei zur Verfügung haben – und so auch wieder mehr Fruktane aufnehmen würden. In der Praxis sollte man Haylage aus diesem Grund nie nach Belieben  geben.

Das Wetter und die Fruktanwerte
Kaltes oder frostiges Wetter und strahlender Sonnenschein Sehr hohe Energieproduktion und massive Speicherung von Fruktan, da kein entsprechendes Wachstum Sehr hohe Rehegefahr
Kaltes Wetter oder Nachtfrost Kein Wachstum, aber gesteigerte Fruktanspeicherung Rehegefahr
Warmes Wetter und Trockenheit Kein Wachstum, aber gesteigerte Fruktanspeicherung Rehegefahr
Warmes Wetter und genügend Feuchtigkeit Energieproduktion, aber Wachstum und Abbau der Fruktanspeicher Mittelmässige Rehegefahr
Bedeckter Himmel und warmes Wetter Wenig Energieproduktion, aber Wachstum Geringe Rehegefahr
Sonniges und warmes Wetter Hohe Energieproduktion, aber hohes Wachstum Geringe Rehegefahr
Quelle: www.quivetinfo.de
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