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Pferd

Begleitet bis zum letzten Atemzug

Pferde, Nutztiere | Donnerstag, 8. Januar 2015 07:30, Daniela Ebinger

Das Einschläfern eines Pferdes ist für den Tierarzt Christian Haas eine alltägliche Arbeit. Ihm ist bewusst, wie schwer es für die Besitzer ist. Gute Vorinformation, eine ruhige Atmosphäre und genug Zeit für den Abschied sind dabei wichtig.

Die letzten Nebelschwaden verziehen sich und machen der Herbstsonne Platz. Hufgeklapper durchtrennt die Stille und verstummt, als das Schweizer Warmblut mit seiner Besitzerin zur Begrüssung des Tierarztes innehält. Die Stimmung ist bedrückt – aber trotzdem herrscht Ruhe. Der Schmerz ist dem Pferd nicht auf Anhieb anzusehen. «Aber sie hat täglich Schmerzen und es werden immer mehr», sagt die Besitzerin. Untersuchungen und Therapien hätten nichts gebracht. Der bevorstehende Schritt fällt ihr nicht leicht. Sie weiss sich aber in guten Händen und ist genau informiert, was auf sie zukommt. 

Nach dem Setzen des Katheters ein letzter wacher Blick – ein liebes leises Wort der Besitzerin und alles geht ganz schnell. Christian Haas spritzt das Medikament. Die Stute sinkt innert Kürze mit den Hinterbeinen voran auf die Wiese. Ein kurzer dumpfer Aufprall. Ein letzter Atemzug und sie ist von ihren qualvollen Schmerzen erlöst – erlöst für immer und ewig.

Euthanasie bedeutet auf griechisch guter Tod. Das Einschläfern ist heute auch bei Gross­tieren vermehrt verbreitet. «Mit der Euthanasie gewähren wir dem Pferd einen würdevollen Tod», sagt Christian Haas. Er ist Tierarzt in der Klinik Stockrüti in Berg TG. Die Begleitung bis zum letzten Atemzug gehört für ihn zum Arbeitsalltag. Er erlebt kaum eine Woche ohne Euthanasie. Im Jahr schläfern die vier Pferdespezialisten der Klinik Stockrüti zusammen über 100 Pferde ein – manchmal mehr und manchmal weniger. 

Umfassende Aufklärung ist wichtig
Die Euthanasie wird immer wieder mit Mythen von unschönen Bildern in Verbindung gebracht, die mit einem qualvollen und unruhigen Tod einhergehen. Diese stammen nach Ansicht von Haas von seltenen unglücklichen Fällen. Er weiss, dass im Internet sowie unter «ferner gesagt» viele Horrorgeschichten kursieren. «Wenn ein Tierarzt die Vene nicht sauber erwischt, kann es schon unschön zu und her gehen», sagt Haas und betont, dass das nur ganz selten der Fall ist. Bereits in der Ausbildung nehmen die Tierärzte das Thema Eu­thanasie vertieft durch. Dabei wird grosser Wert auf die Begleitung der Besitzer gelegt. «Es ist von zentraler Bedeutung, vorgängig die Pferdehalter genau über die Vorgehensweise aufzuklären», erklärt Haas. Für ihn muss jeder Handgriff perfekt sitzen und der ganze Ablauf in einer würdevollen ruhigen Atmosphäre vor sich gehen. Daher ist es ihm wichtig, vorgängig den Ablauf zu besprechen und auch den Ort des Geschehens festzusetzen.

 Christian Haas spritzt dem Pferd das Mittel zum Einschläfern.
 Bild: Daniela Ebinger

Es gibt zwei Arten, ein Pferd einzuschläfern. Bei der ersten spritzt der Tierarzt zuerst ein Narkosemittel. Dabei gleitet das Pferd zu Boden und das eigentliche Mittel zum Einschläfern, ein hochdosiertes Barbiturat, erfolgt danach über einen Katheter. In den meisten Fällen setzt Haas aber den Katheter und verabreicht das Schlafmittel direkt. Aus einer Notlage bei einem verunfallten Pferd in Hanglage wendete er vor Jahren diese Methode das erste Mal an. «Es funktionierte gut und erwies sich für mich als meist idealer Vorgang.» Wenn ein Tier jedoch Unruhe zeigt, lege auch er dem Tier vorgängig eine Nadel mit etwas Sedierendem zum Beruhigen. Dies entscheidet er je nach Situation vor Ort. Er findet es beachtlich, wie schnell bei den meisten Pferden das Herz abstellt. Einige würden bereits wenige Sekunden nach dem Einspritzen des Medikaments zu Boden sinken. Doch beobachtet er immer wieder, wie Pferde, die unter starken Schmerzen leiden, das Leben schwerer loslassen können.

Für Haas ist das Setzen des Katheters der heikelste Moment. «Ist der permanente Venenzugang gesichert, verläuft der ganze Ablauf für mich entspannt», sagt der langjährige Pferdetierarzt. Er weiss genau, wie er die Tiere stellen muss, damit es für den Begleiter so human wie möglich abläuft. Viele Besitzer wollen ihr Tier bis zum Schluss begleiten. Dem Tierarzt ist bewusst, dass die meisten einen grossen Respekt vor diesem Schritt mitbringen. «Es sind einige Kilogramm, die auf den Boden fallen. Das kann unter Umständen nicht geräuschlos ablaufen», sagt Haas.

Der Ort des Geschehens sollte für den Abtransport optimal gewählt werden. Daher führt Haas seine Arbeit mit Vorliebe auf einer Wiese mit guter Zufahrt aus. Erst nach dem Ableben nimmt die TMF Extraktionswerk AG in Bazenheid SG den Auftrag für den Abtransport entgegen. Damit sich die Besitzer in Ruhe verabschieden können, bietet Haas vorgängig an, den Anruf nach dem Sicherstellen des Todes zu übernehmen. Der ganze Vorgang kostet mit der Euthanasie bis zum Abtransport einen Pferdebesitzer rund 500 Franken.

Ein Ort der Stille und Dankbarkeit
Für Haas ist erfahrungsgemäss der schlimmste Akt für die Pferdebesitzer, wenn der Lastwagen den toten Körper auflädt. Doch die Chauffeure müssen beim Abholen um eine Unterschrift bitten. Haas empfiehlt den Betroffenen, dies vorgängig an jemanden Aussenstehenden zu delegieren. Unter der Woche ist die TMF bestrebt, die toten Tiere innert 24 Stunden abzuholen. Der Betrieb führt zudem ein Notfallpikett für extreme Situationen, wie bei Verkehrsunfällen oder Vorfällen an Springkonkurrenzen.

In Bazenheid werden jedes Jahr mehr als 9800 Grosstiere aus 16 Kantonen in der Schweiz verarbeitet. Dabei handelt es sich bei einem Grossteil um Kühe. Aus den Schlacht­abfällen verarbeitet der Betrieb Tiermehl und -fett. Die Zementindustrie verwendet das Tiermehl als Energieträger. Ebenso kommt das Tierfett zum Beispiel im Heizungsbereich effizient zum Einsatz. Ein Teil des gewonnenen Fettes gelangt als Grundstoff für die Biodieselherstellung in den Export. 

Die Besitzerin kniet auf der Wiese und nimmt von ihrer Stute Abschied. Es scheint ein Ort der Stille und Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Stunden. Nach einer Weile steht sie auf, bedankt sich bei Haas und macht sich auf den Heimweg. Der Tierarzt nimmt dem Tier die Hufeisen weg. Nur ohne nimmt die TMF die Tiere mit. Bis diese im Laufe des Tages das Tier abholt, deckt Haas das Pferd mit einer Blache zu und überlässt den regungslosen Körper ganz dem schönen herbstlichen Morgenlicht.

 

Nutz- oder Heimtier?

Früher führte der letzte Weg für ein Pferd meist zum Metzger oder in den Schlachthof und dabei war der Bolzenschuss ins Grosshirn gang und gäbe. «Damit wird das Tier zuerst bewusstlos gemacht und der eigentliche Tod tritt erst durch den Stich oder Schnitt in die Hauptarterie ein», sagt Tierarzt Christian Haas. Das Herz pumpt dann das Blut aus dem Körper. Dies darf heutzutage nur in einem vorgegebenen Raum stattfinden. Bei diesem Vorgehen kann unter Umständen das Fleisch weiterverwendet werden. Dafür muss das Tier beim Bund als Nutztier registriert sein. Ist es das nicht, läuft es automatisch als Heimtier. Für Letzteres lässt sich kaum ein Metzger auftreiben. Denn Kadaver von Heimtieren finden in der Lebensmittelkette keinen Gebrauch. Dies ist so im Nahrungsmittelgesetz festgehalten. Für eine Weiterverwendung muss ein Tier auf der Website www.agate.ch bei der Tierverkehrsdatenbank TVD als Nutztier registriert sein. Dafür muss sich der Besitzer bei einer medikamentösen Behandlung an genaue Vorschriften vom Bund halten und zusammen mit dem Tierarzt ein Behandlungsjournal führen. Der Eigentümer kann zu Beginn selbst entscheiden, ob sein Tier als Nutz- oder Heimtier in der Datenbank registriert ist. Ein Wechsel von Nutz- auf Heimtier funktioniert jederzeit. Sind Pferde, Esel oder andere Equiden einmal als Heimtier im Register festgehalten, kann dies nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie bleiben lebenslänglich Heimtiere.

 


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