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Pferde

Bakterien lauern im Wasser

Pferde | Donnerstag, 19. Juni 2014, Tanja Warter

Kaum etwas fürchten Pferdebesitzer so sehr wie die periodische Augenentzündung – auch Mondblindheit genannt. Damit diese nicht zum Ausbruch kommt, sollten Pferde möglichst nie aus Pfützen oder stehenden Gewässern trinken und den Kontakt zu Nagerurin vermeiden.

Studien zufolge kommt Mondblindheit häufiger vor, als die meisten Reiter annehmen. Fast jedes 20. Pferd ist von dieser heimtückischen Krankheit, die ohne eine Spezialoperation früher oder später zur Erblindung führt, betroffen. In wiederkehrenden Zyklen entzünden sich dabei die Augen, manchmal ist es nur eines, es können aber auch beide gleichzeitig erkranken.

Der Krankheitsausbruch kann anfangs fast unbemerkt vom Besitzer verlaufen. Doch die Schübe werden meist heftiger und schmerzhafter, die Abstände dazwischen immer kürzer. In der Regel ist das Lid stark geschwollen und das Auge wird lichtempfindlich, weshalb das Pferd es zusammenkneift. Ausserdem tränt es stark. Mehrere solcher Entzündungsphasen hintereinander, sogenannter Rezidive, führen schliesslich zur Erblindung.

Doch woher kommt diese dramatische Erkrankung? Und kann sich jedes Tier damit anstecken? Auslöser für Mondblindheit sind Bakterien, die Leptospiren heissen. Sie kommen prinzipiell überall vor und wachsen und vermehren sich dort, wo es feucht ist. In Pfützen oder nasser Einstreu fühlen sie sich besonders wohl. Verbreitet werden sie durch Nager wie Mäuse und Ratten. Genauer gesagt ist es deren Urin, mit dem sich die Leptospiren an allen erdenklichen Plätzen im Stall absetzen lassen – manchmal sogar in den Säcken mit Hafer oder Pellets.

Salben heilen nur den aktuellen Schub
Steckt sich ein Pferd an, wandern die Bakterien in den Glaskörper des Auges. Das ist jener Teil, der hinter der Linse aus einer flüssigen, durchsichtigen Substanz den Augapfel formt. Heisst zwar Glaskörper, hat mit Glas aber nur die Durchsichtigkeit gemeinsam. Hier gefällt es den Leptospiren. Sie können jahrelang unbemerkt darin leben und sich vermehren. Das Immunsystem im Auge ist währenddessen ständig damit beschäftigt, eine Entzündung zu unterdrücken. Bis der Tag X kommt, an dem das nicht mehr klappt. Schon eine kleine Stresssituation wie ein Transport oder der Start bei einem Turnier kann zu einem Entzündungsschub führen. Dann kommt die äussere Abwehr mit starkem Tränenfluss auf Touren. Hinzu kommen gerötete Bindehäute, oft ist auch die Hornhaut getrübt.

Je nach Stadium der periodischen Augenentzündung folgt eine intensive, medikamentöse Behandlung. Augensalben sind nötig, die die Pupille erweitern. Eine, die das Immunsystem herabsetzt, und eine, die das Entzündungsgeschehen bekämpfen soll. Alles immer abhängig vom konkreten Verlauf. Nach einem Schub sollten die Augen alle drei bis vier Monate tierärztlich kontrolliert werden.

Die Therapie mit Salben kann nur den jeweils aktuellen Schub heilen, aber keinen Rückfall verhindern. Gegen Ende der 1980er-Jahre haben Experten eine neue Operationsmethode entwickelt mit dem komplizierten Namen «Vitrektomie». Dabei werden der Glaskörper und die mit Leptospiren verseuchte Flüssigkeit aus dem Auge entfernt und durch ein künstliches Material ersetzt. Dieses Verfahren, das vor allem an der Universität München vorangetrieben wurde, zeigt bereits Erfolge. Der Pionier Hartmut Gerhards sagt dazu: «Bei Augen, die zum Zeitpunkt der Operation noch nicht stark vorgeschädigt sind, kann die Sehfähigkeit mit einer guten Prognose erhalten werden.»

Gerhards empfiehlt im Sinne der Vorbeugung, Pferde nie aus stehenden Gewässern trinken zu lassen. Denn darin schlummern Leptospiren besonders gern. Und: Wer die Anzahl der Nager im Stall klein hält (die klassische Stallkatze leistet da einen wertvollen Beitrag) und auf gute Hygiene achtet, der mindert das Risiko. Antikörperuntersuchungen zeigen, dass fast jedes Pferd im Lauf seines Lebens mit Leptospiren in Kontakt kommt. Warum manche mondblind werden, die meisten aber nicht, ist bislang ein Rätsel.

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