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Festliegende Pferde

Pferden gefahrlos auf die Beine helfen

Pferde | Donnerstag, 10. April 2014, Ruth Müller

Wenn ein Pferd nicht mehr aufstehen kann, ist das eine beängstigende und riskante Situation – für Mensch und Tier. Bedachtes Vorgehen hilft, die richtigen Massnahmen zum Wohle des Pferdes zu ergreifen.

Es gibt zwei verschiedene Ursachen für das Phänomen des Festliegens: Entweder ist das Aufstehen dem Pferd mechanisch nicht möglich, weil seine Position es verhindert – oder das Pferd liegt aus gesundheitlichen Gründen, die vielfältig sein können. Wer ein festliegendes Pferd entdeckt, holt wenn möglich sofort Unterstützung von weiteren Personen hinzu.

Dem Pferd sollte so rasch wie möglich geholfen werden, um Folgeschäden zu verhindern. Wenn es zu lange in derselben Position liegt, können etwa Kreislaufprobleme entstehen, Nerven gequetscht, Muskeln und Organe geschädigt werden oder – als typisches Zeichen längeren Liegens – durch die mangelnde Durchblutung auf Knochenvorsprüngen und Gelenken Druckliegegeschwüre mit abgestorbenem Gewebe entstehen.

Manche Pferde suchen die Nähe zu Begrenzungen – mit gefährlichen Folgen
Bevor man sich entscheidet, dem Pferd auf die Beine zu helfen, stellen sich immer erst die Fragen, warum das Pferd festliegt und wie sein momentaner Allgemeinzustand ist. Hat es sich beispielsweise beim Wälzen in der Box unglücklich mit den Beinen an der Wand verkeilt und kommt nur deshalb nicht mehr hoch? Oder hat es Verletzungen, zeigt es Schmerzen, ist es apathisch? Liegt das Pferd ruhig oder tobt es? Eine genaue Bestimmung der Ursache ist nicht immer möglich, da auch Kombinationen von Situationen aufgetreten sein können. Zum Beispiel wenn Erschöpfung und Verletzungen durch vergebliche Aufstehversuche entstanden sind oder es Kreislaufprobleme waren, die zu einem Sturz geführt haben. In unklaren Fällen ist notfallmässig der Tierarzt herbeizurufen. Und in dieser Situation ist davon abzuraten, einen Aufstehversuch zu starten, bevor der Tierarzt grünes Licht dazu gibt.

«Der häufigste Fall des Festliegens, dem wir in der Praxis begegnen, stellt das Wälzen gegen eine Begrenzung dar», berichtet der Tierarzt Markus Schmidt von der Pferdeklinik Neugraben im aargauischen Niederlenz. Pferde sind Steppentiere. In ihrem natürlichen Raumverständnis sind künstliche Einfriedungen wie Stallwände und Weidezäune nicht vorgesehen. Die meisten Tiere lernen zwar, ihr Wälz- und Liegeverhalten den Gegebenheiten ihrer Umgebung anzupassen. Es gibt aber auch die «Spezialisten», die sich vorzugsweise in der Nähe der Stallwand oder des Zauns wälzen, obwohl genügend freie Fläche vorhanden wäre. Dreht sich das Pferd dabei über den Rücken, kann es mit den Beinen gegen die Wand oder die Umzäunung zum Liegen kommen und sich nicht mehr selber befreien.

«Um Aufschluss über den gesundheitlichen Zustand des Pferdes zu erhalten, prüfe ich als Erstes seine Kreislauf-Parameter: Puls, Atmung, Temperatur und Kapillarfüllung der Schleimhäute. Auch höre ich wenn möglich die Herz- und die Darmgeräusche ab», erklärt Schmidt. Liegt kein Verdacht auf einen Bruch von Gliedmassen oder Becken vor, wird das Pferd zum Aufstehen motiviert. «Je nach Fall geschieht das erst nach Schmerzmedikation und einer leichten Sedierung.»

Zuerst wird das Pferd mithilfe von mehreren Personen in Seiten- oder, noch besser, in Brustlage gebracht, dass es also mit geradem Rücken daliegt. «Wenn das Pferd erst einmal in Brustlage ist, steht es in der Regel rasch auf.» Eine Person hält dabei den Kopf des Pferdes am Halfter und einem langen Seil; eine weitere stabilisiert das Pferd, indem sie an seinem Schweif zieht. Hierbei ist Vorsicht geboten. Das Pferd kann mit den Beinen strampeln oder plötzlich aufspringen. Deshalb: Immer für sich selber einen Fluchtweg offen lassen!

Legt sich das Tier schnell wieder hin, sollten die Alarmglocken schrillen
Wenn das klassische Festliegen der Grund für die Immobilität war, das Pferd sofort nach dem Aufstehen munter wirkt und frisst, hat es sein Missgeschick wohl gut überstanden. Legt sich das Pferd jedoch rasch wieder hin, ist das ein Alarmsignal und weist auf starke Schmerzen und Schwäche hin. Kolik, Kreuzschlag und Hufrehe können auch Ursache des Festliegens sein. Der Tierarzt wird in Absprache mit dem Besitzer das weitere Vorgehen planen. Schlagen sämtliche Aufstellversuche fehl, ist der Leidensdruck für das Pferd zu hoch und geben alle Beteiligten auf, wird der Veterinär das Tier einschläfern. Als weitere Möglichkeit kann in schwierigen Fällen der Grosstier-Rettungsdienst (GTRD) hinzugerufen werden. Er rückt von seinen sechs Stützpunkten häufig aus, um festliegende Pferde aus ihrer misslichen Lage zu befreien; sei es in verwinkelten Ställen oder in unzugänglichem Gelände.

Die Tierretter verfügen über spezielle Gerätschaften wie Kettenzug, Seil- und Frontwinde, Dreibeinstütze und können, wenn es die Situation erfordert, Pferde auch im so genannten Tierbergungs- und Transportnetz hängend oder auf einer gepolsterten Schleppe liegend in die Klinik fahren. «Ein rutschiger Boden begünstigt das Festliegen», sagt Ruedi Keller, Leiter des GTRD. «Kommt das Pferd nach dem Wälzen oder Schlafen auch nach mehrmaligen Versuchen nicht hoch, weil ihm die Beine wegrutschen, ist es irgendwann zu erschöpft, um aufzustehen.» Gummiböden mit einer Strohschicht können diesbezüglich problematisch sein. In solchen Fällen werde der Boden mit Sand oder Sägemehl griffiger gemacht, damit das Pferd vielleicht doch noch von selber hochkommen kann.

Grosstier-Rettungsdienst
Wenn ein Pferd nicht mehr aufsteht, kommt oft der
Grosstier-Rettungsdienst zum Einsatz.

Bild: Ruth Müller

Netze oder Gurte bringen alten und kranken Pferden Erholung
Auch alte oder an Arthrose leidende Pferde können bisweilen zu wenig Kraft entwickeln, um aufzustehen. «Ich kenne einige solcher Tiere. Sonst sind sie noch fit, einfach das Aufstehen bereitet ihnen Mühe», erzählt Keller. «Manche legen sich deshalb gar nicht mehr hin.» Um ihnen trotzdem Tiefschlaf und Erholung zu ermöglichen, können solche Pferde nachts in einem an der Stalldecke befestigten Netz Entlastung finden. Die meisten Pferde nehmen dieses Netz sehr gut an und können sich darin ausreichend entspannen. Auch für Pferde, die immer wieder durch Wälzen zum Festliegen kommen und sich dadurch gefährden, ist ein Hilfsmittel sinnvoll. Ein spezieller Bauchgurt mit einem Überrollbügel verhindert das Drehen über den Rücken.

«Wenn rasche Hilfe ausbleibt, kann auch ein an sich harmloses Festliegen für das Pferd dramatisch enden», sagt der Tierarzt Markus Schmidt. Häufige Kontrollen im Stall und auf der Weide können ein Festliegen nicht verhindern, jedoch seine Dauer und damit die Schwere der Folgen für das Pferd minimieren.

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