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Tierwelt 44/2013

So fühlen sich in der Gruppe alle wohl

Pferde, Nutztiere | Donnerstag, 31. Oktober 2013 09:00, Oliver Loga

Weidegang, Auslaufmöglichkeiten und Gruppenhaltung für Pferde haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Was positiv erscheint, kann sich aber auch negativ auswirken, wenn wichtige Faktoren missachtet werden.

So sieht die Fütterung in der Gruppe bei Andreas Kurtz aus.

Pferde sind Herdentiere. Was könnte also artgerechter und besser sein, als sie in der Gruppe zu halten? Doch aus tierärztlicher Sicht gibt es auch Argumente, die gegen die Haltung in der Herde sprechen. «Pferde, die in Gruppenhaltung untergebracht sind, stellen in der Pferdepraxis einen immer grösser werdenden Anteil der Patienten dar», sagt Anton Fürst, Direktor des Departements für Pferde am Tierspital der Universität Zürich. Hufschläge seien dabei die häufigste Ursache aller erfassten Verletzungen. In einer Studie zu dem Thema mussten 34 von 256 betroffenen Pferden infolge der Verletzung geschlachtet oder eingeschläfert werden.

«Schlag- und Bissverletzungen können überall auftreten, wo Pferde sich begegnen, auch in stabilen Pferdegruppen», sagt Fürst.  Es ist aber möglich, das Verletzungsrisiko markant zu senken. Dies setze jedoch hohe Anforderungen an die Fachkenntnisse der Pferdehalter voraus, sagt die Leiterin der tierärztlichen Beratungsstelle des Schweizer Tierschutz STS, Lydia Baumgarten. Sie empfiehlt interessierten Haltern neben Fachliteratur kompetente Berater, die ihnen jederzeit mit Rat und Tat von der Planung bis zum Management einer Pferdegruppe zur Seite stehen können.

Nicht die Stallgrösse ist wichtig, sondern die Struktur
Andreas Kurtz ist auf dem Gebiet der Gruppenhaltung ein Pionier in der Schweiz. Er hat seinen für die Herdenhaltung konzipierten Stall in Steg ZH bereits 1985 gebaut. Damals war die Gruppenhaltung unter den meisten Pferdehaltern noch verpönt. «Ställe für Gruppenhaltung müssen nicht gross, aber richtig strukturiert sein», sagt der Verhaltensforscher. Extrem wichtig sei es, rangniederen Tieren Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, damit sie bei Drohgebärden der ranghohen Tiere ausweichen können. Von geschlossenen Trennwänden rät der Pferdeexperte ab, weil diese Distanz erzeugen. Besser seien senkrechte Eisenstäbe. Sie bieten gleichzeitig Nähe und Schutz. Raumteiler haben zudem den Vorteil, dass die Pferde im Stall kaum traben und nie galoppieren. Dadurch wird Verletzungen vorgebeugt.

Einen weiteren grossen Gefahrenherd bei der Gruppenhaltung stellt die Fütterung dar. Ranghohe Pferde können den schwächeren Tieren das Futter streitig machen, wenn dieses einfach im Stall verteilt wird. Oft kommt es in solchen Fällen zu Konflikten. Andreas Kurtz hat aber auch dafür eine Lösung parat. Er bindet seine Pferde nebeneinander an und gibt ihnen Gras oder Heu. «Der Mensch muss dabei als Ranghöchster angesehen werden und jene Tiere nebeneinander anbinden, die sich auch vertragen», erklärt der Leiter einer Ethologieschule. «Das Wichtigste ist, dass jedes Pferd seine individuelle Ration in aller Ruhe und ohne Störung geniessen kann», ergänzt STS-Spezialistin Lydia Baumgarten.

Ein vorbildlicher Stall: Raumteiler mit Gitter schützen die Pferde und sorgen trotzdem für Nähe.
Ein vorbildlicher Stall: Raumteiler mit Gitter
schützen die Pferde und sorgen trotzdem für Nähe.
Bild: Andreas Kurtz

Ohne Kontakt zum Menschen würden Pferde verblöden
Als weiteren grossen Vorteil der Gruppenhaltung sieht Kurtz die Tatsache, dass die Pferde auf diese Weise mental gefordert werden. Sie sind gezwungen, ihre sozialen, innerartlichen Fähigkeiten zu trainieren und mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Für Andreas Kurtz ist der Kontakt zwischen Mensch und Tier ohnehin das A und O. Denn ohne Menschenkontakt würden Stallpferde seiner Meinung nach verblöden, weil es zu wenig Reize gebe. Die Folgen können aggressives Verhalten gegen andere Pferde und Unruhe in der Gruppe sein. «Mehr Hirnarbeit für die Pferde macht diese ruhiger im Stall», sagt Kurtz.

Doch was ist, wenn ein neues Pferd in eine funktionierende Gruppe intergriert werden muss? «Dafür benötigt man vor allem viel Geduld. Eine erfolgreiche Integration erfolgt immer schrittweise», erklärt Kurtz. Er rät, einen Neuling zunächst nur mit einem sozialverträglichen Pferd zusammen zu halten und dann langsam an die Gruppe heranzuführen. Bei Boxenpferden sei es zudem sehr wichtig, die richtige Reaktion auf Drohgebärden ranghöherer Tiere zu trainieren. Ein Raumteiler mit Gittern sei dafür eine gute Übung. «Der Mensch hat es in der Hand, die Voraussetzungen für eine harmonische Gruppenhaltung zu schaffen», sagt Kurtz. «Bei uns im Stall gab es noch nie Verletzungen und Koliken. Und genau das sollte für jeden Pferdehalter das Ziel sein.»

Literaturtipp: Klaus Zeeb und Dieter Schinner: «Die Natur des Pferdes», 87 Seiten, gebunden, Verlag: Frankckh-Kosmos, ISBN: 978-3-440-07238-7.

Merkblätter zum Thema artgerechte Pferdehaltung

Wer mehr zu diesem Thema von Andreas Kurtz erfahren möchte: Tel. 055 265 10 25; www.animalconsulting.ch

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