Tipps
› Zurück

Hunde stürzen ab

Sprung ins Verderben

Hunde | Montag, 16. September 2019, Regina Röttgen

Eine Brücke in Schottland ist bekannt dafür, dass immer wieder Hunde von dort aus in die Tiefe springen. Weshalb tun sie das? Weshalb sind sie sich der Gefahr nicht bewusst? Und was können Hundehalter tun, um die Vierbeiner vor gefährlichen Sprüngen abzuhalten?

Die mysteriöse Overtoun Bridge in Schottland ist unter Hundehaltern als Todesbrücke verrufen. Seit Jahrzehnten springt so mancher Hund scheinbar grundlos von der Brücke. Und nicht allein auf der Overtoun Bridge kommt es zu solch

wagemutigen Sprüngen. Folgsame Hunde setzen auch unerwartet zum Sprung über alte Kirchhof- oder Burgmauern an. «Meist handelt es sich hierbei um Jagdmotivation», sagt Manuela Albrecht. Die Hundetrainerin und -psychologin aus Wittenbach weiss, dass viele Jagdhunde und deren Mischlinge ein solches Verhalten zeigen. «Aber auch andere Rassen können zum Beispiel beim Anblick einer Katze oder eines Wildtieres dermassen enthusiastisch reagieren, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen als die Beute.» 

Für ein solches Verhalten können visuelle Reize wie die schnelle Bewegung eines Vogels oder einer Katze der Grund sein. «Oftmals spornt auch ein Geräusch oder gewisser Geruch den Hund zum Sprung an», sagt Albrecht. Ein Rascheln im Unterholz, ein Miauen, der Geruch von Wild oder von Nerzen können ausreichen. Ob ein Hund dann zu einem Sprung ins Ungewisse ansetzt, ist individuell. «Je triebiger ein Hund ist, umso stärker reagiert er auf solche Reize», sagt Albrecht. Auch sehr agile oder nervöse Hunde seien gefährdeter als ihre langsameren und älteren Artgenossen. Ganz so plötzlich wie oft angenommen, erfolgen diese Sprünge allerdings nicht. Grundsätzlich muss beim Hund der Wille zu folgen oder zu springen vorhanden sein. 

Anzeichen rechtzeitig erkennen
Viele Menschen bemerken zudem die Anzeichen nicht. «Weiss ein Halter die Körpersprache seines Schützlings nicht richtig zu deuten, entgeht ihm schnell ein fixierender Blick, ein kurzes Vorstehen, ein Ohrenanheben, ein kurzes intensives Schnüffeln oder leichte Nervosität» , erklärt Albrecht. Leises Fiepen, Winseln oder Bellen würde oftmals missdeutet.

Ganz unschuldig an solchen Sprüngen sind die Halter jedenfalls nicht. Sie stellen der Natur oft selbst ein Bein. Indem der Hund darauf trainiert wird, auf ein Signal und ohne sich selbst abzusichern im vollen Vertrauen an seinen Halter über Hindernisse oder aus bestimmten Höhen zu springen, lernt er, dass Springen Spass macht und er nicht darauf achten muss, was unter ihm oder hinter einem Hindernis liegt. «Hunde, die Sportarten wie Dog-Dancing oder Agility treiben, neigen vermehrt zu diesem Verhalten», sagte die Hundetrainerin. 

Allein der Ruf des Besitzers kann fatale Folgen haben. Der Hund ist gehorsam, das Timing ausschlaggebend: «Ruft ein Halter seinen Hund, während dieser auf einem Felsvorsprung, einer Brücke oder dem Balkon steht, springen viele Hunde in blindem Vertrauen, um zu ihm zu gelangen. Dabei wollte der Besitzer nur, dass das Tier ihn anschaut», sagt Albrecht. Unbekanntes Terrain berge zudem eine weitere Gefahr: «Hunde können Distanzen nicht so genau einschätzen.»

Gerade im Alltag kann es daher leicht zu gefährlichen Sprüngen kommen. Laut der Expertin besitzen grundsätzlich alle Sprünge ein Gefahrpotenzial. «Es kommt darauf an, wie fit, alt und gross der Hund ist. Ein gut trainierter und aufgewärmter Hund verzeiht höhere Distanzen und härteres Aufschlagen oder Auftreffen», sagt Albrecht. Weitere Faktoren seien unter anderem die Höhe des Absturzes, eventuelle Hindernisse, der Aufprallwinkel und der Untergrund. 

Sprünge von Anfang an unterbinden
Sprung-Aktivitäten sollten daher stets ohne Zwang ausgeführt und mit der nötigen Vorsicht trainiert werden. Noch besser: Man unterbindet gefährliche Sprünge im hündischen Alleingang von Anfang an. «Je öfter der Hund dem Reiz folgen kann, umso routinierter wird er.» Die Hundetrainerin weiss, wie viel Zeit und Kraft es dann braucht, um etablierte Routinen zu durchbrechen. «Denn sie sind unglaublich verlockend, selbstbelohnend und wesentlich für den Hund.» 

Damit es erst gar nicht so weit kommt, rät Manuela Albrecht den Hundehalterinnen und -haltern, sich stets voll auf den Vierbeiner zu konzentrieren. «Nur dann bemerken wir die Veränderung beim Hund und können reagieren, bevor er auslöst. Dafür müssen Handy und Zigaretten in der Tasche bleiben und die Flexi-Leine fixiert sein.» Gefährliche Gegenden sollten grundsätzlich gemieden und in Gebieten, wo der Hund stets auslöst, die Leine erst gar nicht abgemacht werden.

Hat man bereits einen Sprung-Akrobatiker im Haus, dann kann Training helfen. «Leider sprechen viele Hunde nicht darauf an, weil sie einfach rot sehen» , sagt Albrecht. In diesem Fall hilft nur eins: «Der Halter muss die Verantwortung übernehmen und den Hund sichern – oder einen anderen Weg gehen.» 

Diesen Rat sollten auch schottische Hundehalter bei der Overtoun-Brücke beherzigen. Der Grund für das ungewohnt gefährliche Verhalten vieler Hunde scheint die in den Fünfzigerjahren unter der Brücke angesiedelte Nerzpopulation mit ihrem für viele Hunde unwiderstehlichen Geruch zu sein.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen