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Leinenlaufen

Vom Zughund zum entspannten Begleiter

Hunde | Mittwoch, 28. Dezember 2016, Carmen Epp

Viele Hundehalter wünschen sich, ihr Hund würde stets an lockerer Leine laufen. Die Realität sieht aber meistens anders aus. Eine Expertin erklärt, wieso das Leinenlaufen so vielen Vierbeinern Mühe bereitet.

Wenn Silvia Gemperle aus Laufen BL zur Hundeleine greift, ist für sie und Hündin Sira der Spass schnell vorbei. Sobald die Leine im Halsband einklinkt, gibt es für die Irish-Setter-Hündin kein Halten mehr. Sira zerrt an der Leine von A nach B – und Gemperle bleibt nichts anderes übrig, als sich mitzerren zu lassen oder mit aller Kraft dagegenzuhalten.

So ist das Leinenlaufen für Gemperle zum Frust geworden. Zumal sie ihre Hündin in diesen Situationen kaum wiedererkennt. «Ohne Leine ist Sira immer ruhig, bleibt in der Nähe, und selbst im Agility werden wir für unsere Teamarbeit oft gelobt», sagt Gemperle. Nur an der Leine, da ist Sira eine ganz andere – und ihr Frauchen fragt sich, warum. Macht sie etwas falsch? Liegt es am Jagdinstinkt? Oder am Alter, der Geschlechtsreife, die eingetreten ist? Ist Siras Leinenziehen Ausdruck der Pubertät? Will sie ihr Frauchen dominieren?

Gemperle ist mit ihrem Problem nicht alleine. Auch viele andere Hundehalter lassen sich von ihren Vierbeinern regelrecht durch den Park ziehen. Egal, wie brav die Hunde sonst sind – die Leine, so scheint es, wird für viele zur Krux. Diesen Eindruck bestätigt auch Esther Hufschmid, Inhaberin und Ausbildungsleiterin von cumcane familiari, dem Ausbildungsinstitut für Hundetrainer: «Die Leinenführigkeit gehört zu den am schwersten zu trainierenden Verhalten in der Hundeerziehung und ist vor allem im Aufbau schwierig.»

Ein Halsband ist kontraproduktiv
Das Problem liege darin, dass der Hund kein angeborenes Verhaltensmuster fürs Leinenlaufen habe. Das wäre fürs Lernen jedoch von Vorteil. «Je grösser der angeborene Teil ist, desto leichter ist es, ein darauf beruhendes Verhalten zu trainieren», sagt Hufschmid. Sie veranschaulicht dies am Geben der Vorderpfote. Das lernen die meisten Hunde in der Regel schnell. Der Grund: Mit dem Milchtritt kann hier auf ein angeborenes Verhaltensmuster gebaut werden. «Das Geben der Hinterpfote ist dem Hund deshalb viel schwieriger beizubringen.»

Umso wichtiger sei es, das lockere Laufen an der Leine behutsam und mit den richtigen Mitteln zu trainieren. Ein Halsband, so Hufschmid, gehört nicht dazu. Das beeinträchtige den Kehlkopf und die oberen Luftwege und könne zu Schmerzen führen. Ausserdem werde der Hund durch den Zug am Halsband mit dem Vorderkörper aufgerichtet. «Eine solche Körperhaltung, ausgelöst durch den Zug durch die Leine am Halsband, ist für den entgegenkommenden Hund eine Drohung und kann deshalb schnell zu Leinenpöbeleien und aggressivem Verhalten führen», sagt Hufschmid. Sie empfiehlt deshalb ein Brustgeschirr und eine Leine, die mindestens drei Meter lang ist. «Bei einer kürzeren Leine hat der Hund praktisch keine Möglichkeit, an lockerer Leine zu laufen, weil er nach zwei, drei Schritten bereits wieder im Leinenzug ist.»

Wenn Sira sich wieder mal in gewohnter Manier in die Leine wirft, tut Gemperle, was sie meistens tut: Sie hält dagegen, will den «Kampf an der Leine», wie sie es nennt, nicht verlieren, sich nicht von Sira dominieren lassen. Eine Reaktion, die gemäss Hufschmid von einer falschen Vorstellung herrührt: «Dass ein Hund in irgendeiner Form die Führung über Herrchen oder Frauchen übernehmen will – beispielsweise mit dem Zug an der Leine – ist eine längst veraltete Meinung und wissenschaftlich widerlegt.» Studien, die eine Rangordnung unter Wölfen mit entsprechendem Dominanzverhalten belegten, seien mehrheitlich an Wölfen in Gefangenschaft und nicht an wild lebenden Wölfen durchgeführt worden. Diese Beobachtungen ganz grundsätzlich auf den Haushund anzuwenden, gehe fehl – auf die Beziehung zwischen zwei unterschiedlichen Arten wie Mensch und Hund umso mehr.

Zu viele Möglichkeiten verwirren
Eine Gegenwehr gegen den Leinenzug sei nämlich in jeder Form kontraproduktiv, so Hufschmid. Zieht Herrchen oder Frauchen die Leine zurück, verknüpft der Hund ihn oder sie mit einem unguten Gefühl. Zudem wird er sich wegdrehen, abducken und versuchen, die Distanz zu vergrössern. «Da aber die Leine den maximalen Abstand zwischen Mensch und Hund vorgibt, zieht der Hund in dieser Situation schnell wieder an der Leine – und ein Teufelskreis beginnt», sagt Hufschmid dazu. Auch ein schlichtes «Nein!» sei wenig sinnvoll. Es kommuniziere nämlich dem Hund nicht, was er tun soll: Bedeutet «Nein» nun nicht weiter ziehen? Zu Herrchen zurückkommen? Sich hinsetzen? Etwas nicht fressen? Bei so vielen Möglichkeiten wisse der Hund nicht, was von ihm erwartet ?werde.

Deshalb mache es mehr Sinn, dem Hund zu kommunizieren, was er tun soll. Das gelingt, indem man das gewünschte Verhalten positiv verstärkt. So sollte die für den Hund ungewohnte Position neben dem Menschen sehr engmaschig belohnt werden, mit Leckerli beispielsweise. «Der Hund lernt dadurch: Ist die Leine locker, lohnt sich das für mich.» Und da die Belohnung von der Bezugsperson kommt, verknüpfe er diese mit positiven Emotionen, und das sei elementar fürs Lernen.  

Ist die Umgebung auf dem Spaziergang oder auf der Hundewiese besonders reizvoll, weil gerade viele Artgenossen oder andere Gerüche den Hund ablenken, rät Hufschmid, dem Hund Alternativverhalten zum Leinenziehen aufzuzeigen. Zum Beispiel die Umorientierung zu Herrchen oder Frauchen, indem diese den Hund zurückrufen, am besten noch bevor die Leine überhaupt gespannt ist, und ihn dafür passend verstärken. «Der Hund muss lernen, dass es sich für ihn lohnt, sich neben seinem Menschen aufzuhalten.»

Das ist alles leichter gesagt als getan. Das weiss auch Hufschmid. «Lockeres Leinenlaufen ist komplex und die Gefahr gross, dass der Mensch dabei Fehler macht, weil er ungeduldig wird.» Sie empfiehlt deshalb, sich Hilfe bei einem Hundetrainer zu suchen, um den Teufelskreis von Zug und Gegenzug zu durchbrechen. Das hat nun auch Gemperle mit Sira getan – mit den ersten Erfolgen: Sie legt mit der Leine zwar nur kurze Strecken zurück, für die sie eine gefühlte Ewigkeit brauchen, dies jedoch bereits viel entspannter als zuvor. Und auch wenn der Weg zum Ziel mühsam ist, ist Gemperle guter Dinge: «Wir haben bis anhin immer einen Kampf um die Leine geführt. Der ist jetzt vorbei.» So kann das Gegeneinander der beiden zum Miteinander werden – trotz oder gerade dank der Leine.
 

Weitere Infos zum Ausbildungsinstitut für Hundetrainer von Esther Hufschmid

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