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Gruppendynamik

Das Zusammenleben im Hunderudel

Hunde | Freitag, 8. Januar 2016, Heidi van Elderen

Immer mehr Menschen halten nicht nur einen, sondern gleich mehrere Hunde. Das bringt zwar einige Vorteile, aber auch viele Herausforderungen mit sich.

Wenn neue Besucher oder Kunden zu Daniela Hörler kommen, bilden nur Segugio-Italiano-Mischlingshündin Lynn und Zwergpudel Amor das Empfangskomitee. Der Rest des Rudels – die beiden Collie-Mischlinge Carlotta und Pippo sowie Jack-Russell-Mischling Sany – muss im Garten warten. «Ein oder zwei Hunde kann man noch gut auf ihren Platz schicken. Bei fünf wird es schon schwieriger», sagt die Hundetrainerin aus Leutwil AG. «Und da ich verhindern will, dass meine Hunde jemanden anspringen oder sich zu sehr aufregen, lasse ich sie nur nach und nach auf die Besucher los.» Anders sieht es aus, wenn Freunde oder Verwandte kommen, die die Tiere schon kennen. Die sagen beim Reinkommen einfach «Sind ihr gueti Hünd gsi?» und schon setzen sich alle fünf brav hin, um auf ihre Ration aus der Leckerlidose zu warten, die im Flur steht.  

Hörler hat seit 20 Jahren Erfahrung mit der Haltung mehrerer Hunde. Dass sie inzwischen fünf hat, habe sich so ergeben. «Einige unserer Hunde kommen von Tierschutzorganisationen und sollten eigentlich nur vorübergehend bei uns bleiben, bis wir eine neue gute Bleibe gefunden hätten. Am Ende haben wir sie dann doch behalten.» Die Trainerin stellt auch in ihrer Umgebung einen Trend zur Mehrhundehaltung fest. Viele ihrer Kunden würden sich einen zweiten oder dritten Hund anschaffen, einige sogar noch mehr.

Mehr Hunde kosten mehr Zeit und Geld
Mehrhundehaltung kann für alle Beteiligten eine grossartige Sache sein – wenn die Voraussetzungen stimmen. Mehr Hunde kosten naturgemäss mehr Geld, etwa für Futter und Tierarztbesuche. Sie brauchen auch mehr Platz im Haus, Garten und Auto. Ausserdem Erziehung und Bewegung. Das benötigt ausreichend Erfahrung, Engagement und viel Zeit. Die Vorstellung, dass sich mehrere Hunde quasi gegenseitig beschäftigen, weil sie ja miteinander spielen können, ist zwar verbreitet, aber falsch. «Manche Dinge wie Spaziergänge lassen sich durchaus kombinieren», sagt Hörler. «Aber grundsätzlich sollte man davon ausgehen, dass man für zwei Hunde doppelt so viel Zeit braucht wie für einen.» Das betrifft etwa die Fellpflege, die Fütterung und Tierarztbesuche, aber auch das tägliche Training. Letzteres gilt besonders, wenn man Hunde mit unterschiedlichen Ansprüchen hat, also zum Beispiel, wenn der Senior vor allem ruhige Spaziergänge und Nasenarbeit mag, der junge Hund aber erst beim Plauschkurs richtig in Fahrt kommt.

Zwei Hunde kann man auch nicht unbedingt besser alleine zu Hause lassen als einen einzelnen. Es stimmt zwar, dass viele Vierbeiner die Abwesenheit von Herrchen und Frauchen besser ertragen, wenn ihnen ein Artgenosse Gesellschaft leistet. Aber ein Freibrief, täglich von morgens bis abends ausser Haus zu sein, ist das nicht. Und auch keine Garantie, dass der Hund dann nicht mehr aus Frust und Einsamkeit Sofakissen oder Stühle annagt. Im Gegenteil: Zwei Hunde können weitaus mehr Unfug anstellen als einer.

Unstimmigkeiten gehören dazu
Überhaupt ist Gruppendynamik bei der Mehrhundehaltung ein grosses Thema. Das gilt auch auf Spaziergängen. Wirft sich ein Hund bellend in das Brustgeschirr oder knurrt er einen fremden Hund an, ziehen die anderen meist mit. Besonders ansteckend ist der Jagd­trieb. Hasen hetzen macht in der Gruppe mehr Spass, und so lassen sich zum Teil selbst Hunde mitreissen, die alleine nie auf die Idee kommen würden, zu jagen.

Auch Hunde, die sich mögen, können sich manchmal zoffen. Zum Beispiel, wenn die Hierarchie neu verhandelt wird oder Futterneid im Spiel ist. Als Halter muss man seine Hunde gut beobachten, wenn nötig eingreifen und Streitsituationen entschärfen, zum Beispiel, indem man die Tiere in verschiedenen Räumen füttert. «Es ist normal, dass Hunde ab und an einmal Unstimmigkeiten haben», sagt Hörler. «Zu blutigen Kämpfen sollte es aber nicht kommen – dann ist es ganz wichtig, sich schnell professionelle Hilfe zu holen.»

Wie harmonisch das Leben im und mit dem Rudel verläuft, hängt auch von der richtigen Wahl der Hunde ab. Verallgemeinern lassen sich die Auswahlkriterien nicht, grundsätzlich gilt aber, dass die Chemie zwischen den Hunden stimmen sollte. Am besten lässt man die bereits vorhandenen Hunde bei der Auswahl des neuen Mitbewohners also ein Wörtchen «mitreden».

Das Zusammenleben zwischen Rüde und Hündin kann sehr harmonisch sein, allerdings muss man sich frühzeitig Gedanken um die Verhütung machen. Unter Hündinnen gibt es häufig während der Läufigkeiten Stunk, Rüden zoffen eher, wenn Damen in der Nähe sind oder um die Rangordnung auszuloten.

Gleich und gleich gesellt sich gern
Im Normalfall ist das Zusammenleben einfacher, wenn sich die Hunde ähneln. Das betrifft einmal die Körpergrösse – bei zwei Jack-Russell-Terriern oder einem Neufundländer und einem Pyrenäenhund ist die Verletzungsgefahr beim Spielen geringer, als wenn man eine Deutsche Dogge zusammen mit einem Chihuahua hält. Wenn sich die Hunde auch vom Wesen her ähneln und kein zu grosser Alters­unterschied besteht, ist zudem die Chance grösser, dass sie die gleichen Aktivitäten mögen und ein ähnliches Bewegungsbedürfnis haben. «Letztendlich kommt es aber immer auf die individuelle Situation an. Hat man zum Beispiel einen leicht überdrehten Border Collie, würde ich persönlich nicht noch einen weiteren extrem lebhaften Hund ins Haus holen, sondern lieber eine ruhigere Rasse, quasi zum Ausgleich, auswählen», sagt Hörler.  

Natürlich haben Hunde, die zusammen leben, aufeinander Einfluss – im Positiven wie im Negativen. So ist es nicht unbedingt eine gute Idee, zum Hund mit grossen Verhaltensproblemen einen Welpen ins Haus zu holen, der diese dann abschauen könnte. Andersrum kann aber ein erwachsener, reifer und selbstsicherer Hund für einen ängstlichen Artgenossen eine grosse Hilfe darstellen.

Obwohl Hunde Rudeltiere sind, gibt es durchaus Kandidaten, die auf zu engen Kontakt mit Artgenossen gerne verzichten. Darunter können Vertreter solcher Rassen fallen, die darauf gezüchtet wurden, selbstständig zu arbeiten, zum Beispiel Herdenschutzhunde oder Solitärjäger. Aber auch der individuelle Charakter und die Erfahrungen des Hundes spielen natürlich eine Rolle. Wenn ein Hund andere Hunde eher nicht oder nur aus grösserer Distanz mag, ist er als Einzelhund vermutlich glücklicher.

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