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Verhalten

So kommen die Kleinen mit den Grossen aus

Hunde | Freitag, 30. Oktober 2015, Heidi van Elderen

Kleine Hunde haben oft Probleme mit ihren grösseren Artgenossen. Im Park kläffen sie jeden an und führen sich auf, als könnten sie es problemlos auch mit einer Dogge aufnehmen. Das muss aber nicht so sein.

Wohl jeder hat schon einmal erlebt, wie Pinscher, Papillons und andere «Minis» zu wahren Furien werden können, mit durchdringender Stimme kläffen und selbst solche Hunde angehen, die viermal so gross wie sie selber sind. Davon kann auch Nathalie Ohlmeyer ein Lied singen. Jahrelang waren Spaziergänge mit ihrer Simba ein Spiess­rutenlauf. Sobald die dreijährige Chihuahua-Hündin einen Artgenossen erblickte, hing sie zähnefletschend in der Flexileine und bellte, was das Zeug hielt. «So waren die Spaziergänge natürlich weder für Simba noch für meinen Freund und mich besonders erholsam», sagt Ohlmeyer.

Dass kleine Rassen dazu neigen, Probleme mit kleinen und grossen Artgenossen zu haben, hat mehrere Ursachen. Einmal wurden viele der sogenannten Schosshunde, zu denen unter anderem Pekingesen und Chihuahuas gehören, ursprünglich in Adelskreisen dazu gezüchtet, buchstäblich den Schoss ihrer Frauchen zu verteidigen. Es liegt den Kleinen also im Blut, auf vermeintliche Gefahren lautstark und mit Löwenmut zu reagieren. Kleine Arbeitshunderassen wie der Jack Russell Terrier wiederum sollten bei der Jagd zum Beispiel einen Fuchs oder Dachs aus dem Bau treiben. Dabei kam es auf selbstständiges Handeln und die Bereitschaft an, es auch mit starken Gegnern aufzunehmen. Andere kleine Rassen wie der Zwergspitz wiegen zwar ebenfalls nur wenige Kilogramm, haben aber das Herz eines grossen Wachhundes.

Leichtgewichte sind intelligent
Dass man kleinen Rassen ihre eigentliche Bestimmung oft nicht direkt ansieht, weil sie vor allem niedlich wirken, wird ihnen oft zum Verhängnis. Während bei einem Schäferhund kaum jemand auf die Idee kommt, dass er keine gute Grunderziehung braucht oder sein Leben in der Handtasche verbringen kann, werden kleine Hunde nicht selten als «Accessoires» betrachtet. «Auch wenn sie dann andere Hunde anbellen oder andere Verhaltensauffälligkeiten zeigen, werden sie häufig nur belächelt. Das ist wirklich traurig, denn ein Hund, der grundsätzlich Probleme mit Artgenossen hat, führt ein ziemlich stressiges Leben», sagt Marlen Maurer-Brandenberg. Die Hundetrainerin hat sich mit ihrer 2009 gegründeten TSCHiGi-Hundeschule bei Zürich vor allem auf verhaltensauffällige und kleine Hunde spezialisiert und weiss, dass viele kleine Rassen intelligent und lerneifrig sind.

Ein weiteres Problem: Es ist gar nicht so einfach, einen kleinen Hund im Welpenalter richtig zu sozialisieren. Lässt man ihn aus Vorsicht nicht mit anderen Hunden spielen und nimmt ihn bei jeder Begegnung mit einem Artgenossen schützend auf den Arm, lernt er naturgemäss nicht, wie er sich anderen Hunden gegenüber verhalten soll. Auf der anderen Seite kann so ein Leichtgewicht ernsthaft verletzt werden, wenn ihm der zwölf Kilogramm schwere Neufundländerwelpe spielerisch die Pfote auf den Rücken haut.

Mobbing von Anfang an vermeiden
Auch Simbas Problem mit anderen Hunden begann genau da, wo es eigentlich verhindert werden sollte: in der Welpenspielstunde. «Simba ist unser erster Hund und wir wollten ja alles richtig machen und sie gut sozialisieren. In der Welpengruppe haben wir sie dann mit drei Monaten auf Rat des Trainers einfach zu den anderen Hunden gesetzt. Sie wurde von einem grösseren Welpen gejagt und bekam es mit der Angst zu tun. Alle Hunde, die sie nach diesem Vorfall traf, wurden nur noch angekläfft.» Um solche Situationen zu vermeiden, sollte man zwar dafür sorgen, dass junge wie erwachsene Kleinhunde regelmässig Kontakt zu Artgenossen haben, ihre Spielkameraden aber sorgfältig auswählen. «Für das freie Spielen würde ich ein paar in etwa gleich grosse, gut verträgliche Artgenossen auswählen», sagt Maurer-Brandenberg.

Grosse Hunde kann man zum Beispiel auf Social Walks treffen, bei denen alle Hunde angeleint sind und unter professioneller Anleitung lernen, in Anwesenheit anderer Hunde ruhig zu kommunizieren. «Kennen sich die Hunde und hat der grosse Hund gelernt, vorsichtig mit kleinen Vierbeinern umzugehen, können sie aber natürlich unter Aufsicht auch ohne Leine zusammen spazieren und schnüffeln gehen», sagt Maurer-Brandenberg, die selber eine Chihuahua- und eine junge Akita-­Hündin zusammen hält.

Wird ein Hund beim Spiel ständig gejagt oder gezwickt, sollte man die «Hundefreunde» wechseln, was übrigens auch für grosse Hunde gilt. Denn «Mobbingopfer» bekommen Angst und Angst schlägt schnell in Aggression um. «Angst und Unsicherheit, die entstehen kann, wenn der Hund schlechte oder aber auch gar keine Erfahrungen macht, ist bei kleinen Hunden die Hauptursache für Aggressionen gegenüber Artgenossen», weiss die 37-jährige Hunde- und Verhaltenstrainerin.

Angst zeige sich aber nicht immer in lautstarkem Kläffen. Manche Hunde erstarren förmlich vor Schreck und verstecken sich hinter ihrem Besitzer. Andere zeigen ihre Unsicherheit durch wildes Herumspringen, sogenannte Übersprungshandlungen – ein Verhalten, das oft als Spielfreude missinterpretiert wird. Auch deshalb ist es wichtig, jeden Einzelfall mithilfe eines erfahrenen Hundetrainers zu analysieren.

Genau das hat Nathalie Ohlmeyer zusammen mit Maurer-Brandenberg vor rund zwei Monaten gemacht. «Danach haben wir erst einmal mein Verhalten geändert. Statt wie zuvor zu schimpfen, bin ich einfach ganz ruhig geblieben, wenn wir in die Nähe anderer Hunde gekommen sind. Ausserdem haben wir die Flexileine gegen eine normale Dreimeterleine ausgetauscht. Schon auf dem ersten Spaziergang war auch Simba dadurch merklich entspannter.»

Mit ruhigem Beispiel voranzugehen, wirke in vielen Fällen, sagt die Hundetrainerin. Denn wenn der Besitzer die Leine kürzer nimmt, wenn er einen anderen Vierbeiner von Weitem sieht, und später an der Leine zieht und schimpft, spürt der Hund Anspannung und Unsicherheit seines Besitzers und sieht sich in seiner Furcht bestätigt.

Qualität vor Quantität
«Ein grosser Teil des Trainings besteht deshalb in der Arbeit mit dem Besitzer. Dieser muss lernen, seinen Hund zu lesen, Situationen richtig einzuschätzen und dementsprechend zu handeln.» Im Training gelte das Motto «Klasse, statt Masse». So hat auch Simba nicht möglichst viele fremde Artgenossen getroffen, sondern für jede Begegnung mit einem anderen Hund mehr Zeit und Ruhe bekommen. Inzwischen ist die kleine Hündin schon so weit, dass sie fremde Hunde kaum noch anbellt und sogar einen festen Spielgefährten in der Nachbarschaft gefunden hat.

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