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Tiermedizin

Krebs muss kein Todesurteil sein

Hunde | Donnerstag, 15. Oktober 2015, Heidi van Elderen

Fast jeder zweite Hund über zehn Jahren erkrankt an Krebs. Dank verbesserter Therapiemöglichkeiten führt die Krankheit heute jedoch nicht mehr zwangsläufig zum Tod. 

Krebs bezeichnet bösartige Geschwulste, die unkontrolliert wachsen und gesundes Gewebe in der Nachbarschaft zerstören können. Mit fortschreitendem Krankheitsverlauf lösen sich die Krebszellen aus dem ursprünglichen Tumor und breiten sich über das Blut und das Lymphsystem in anderen Körperteilen aus. Tumore können starke Schmerzen verursachen, die Hormonbildung durcheinanderbringen, lebenswichtige Organe zerstören und so schliesslich zum Tod führen.

Die Ursachen dafür, dass gesunde Zellen zu Krebszellen mutieren, sind vielfältig. Unter anderem wirken Abgase, Zigarettenrauch, ultraviolette Strahlung im Sonnenlicht, Pestizide und Herbizide krebserregend. Auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Einige Hunderassen haben zudem ein höheres Krebsrisiko als andere, so zum Beispiel Boxer, Berner Sennenhunde und Golden Retriever. Ausserdem gilt: Je älter das Tier ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es an Krebs erkrankt. Genau wie bei Menschen tritt Krebs auch bei Tieren in ganz unterschiedlichen Ausprägungsformen auf. «Zu den Krebsarten, die wir am häufigsten behandeln, gehören Maulhöhlentumore, Weichteilsarkome, maligne Lymphome und Mastzellentumore», sagt Professorin Barbara Kaser-Hotz. Sie hat 1994 die Strahlentherapie für Tiere in die Schweiz geholt, trägt einen amerikanischen Fachtitel in Radiologie und Radio-Onkologie und leitet das «Animal Oncology and Imaging Center» in Hünenberg ZG.

Hochspezialisierte Onkologen wie Kaser-Hotz gibt es hierzulande unter Tiermedizinern noch vergleichsweise wenig. «Viele Tierärzte scheuen die Kosten und Mühen, die die zusätzliche vierjährige Ausbildung mit sich bringt. Dazu kommt, dass wir in Europa in diesem Bereich der Ausbildung hinterherhinken. Der Abschluss in den USA ist nach wie vor etablierter.» Ändern könnte sich das durch die steigende Nachfrage und das veränderte Bewusstsein der Tierhalter. «Viele Krebsarten kann man heute dank medizinischer Fortschritte in den letzten Jahren gut behandeln, und immer mehr Tierhalter sind heute auch bereit, kostspieligere Therapien zu bezahlen», sagt Kaser-Hotz.

Wenn möglich, wird operiert
Wie gut die Prognose für einen Krebspatienten ist, hängt vom allgemeinen Gesundheitszustand, aber vor allem auch davon ab, wo der Krebs sitzt und wie weit er sich schon ausgebreitet hat. Früherkennung ist also enorm wichtig. Zum Tierarzt sollte man immer dann gehen, wenn man sicht- oder fühlbare Geschwulste am Körper oder Blut im Urin oder Kot entdeckt. Aber auch diffuse Symptome wie Gewichtsverlust oder nachlassender Bewegungsdrang können ein Anzeichen für Krebs sein.

Wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist, beeinflusst auch die Wahl der Therapie. «Alles, was man operieren kann, sollte man auch operieren. Allerdings nur nach einer sorgfältigen Planung, denn der Schnitt muss wohlüberlegt im gesunden Gewebe angesetzt werden, um den Tumor wirklich komplett zu entfernen. Wenn man nicht genug wegschneidet, kann man die Situation sogar verschlimmern», sagt Kaser-Hotz, die seit April an einem internationalen Projekt zur Entwicklung neuer Krebstherapien für Hunde mitarbeitet.

Kleine, oberflächliche Tumore bekommt man manchmal auch mit der photodynamischen Therapie, bei der Laserlicht eingesetzt wird, in den Griff. Wenn der Tumor schon zu gross ist oder an unzugänglicher Stelle liegt, ist das Mittel der Wahl oftmals die Strahlentherapie. Dabei werden die Tumorzellen in mehreren Sitzungen für jeweils zwei bis fünf Minuten hochenergetischer Strahlung ausgesetzt und dadurch zerstört. Man unterscheidet zwischen der kurativen Bestrahlung, die heilen soll, und der palliativen Bestrahlung zur Linderung der Symptome. So wird der Krebs zwar nicht besiegt, aber der Patient kann im Idealfall noch einige Monate bis Jahre ein weitgehend beschwerdefreies Leben geniessen.

Teure Therapien
Den gleichen Unterschied gibt es auch bei der Chemotherapie. Die Behandlung mit sogenannten Zytostatika, die als Zellgifte vor allem auf die sich schnell teilenden Krebszellen wirken, verspricht bei einigen Krebsarten gute längerfristige Kontrollen. So zum Beispiel beim malignen Lymphom, das nicht operativ entfernt werden kann. Oft steht bei der Chemotherapie in der Tiermedizin aber gar nicht die Heilung, sondern die Erhaltung der Lebensqualität des Tieres im Vordergrund. Das klingt zunächst einmal widersprüchlich – schliesslich ist die Chemotherapie aus der Humanmedizin für ihre unangenehmen Nebenwirkungen bekannt wie Haarausfall, Übelkeit und Schädigung der Blutzellbildung.

«Die Dosierungen beim Tier sind viel geringer als beim Menschen, sodass Nebenwirkungen nur selten beobachtet werden und sich normalerweise auf vorübergehende Irritationen des Magen-Darm-Traktes und Müdigkeit beschränken», erklärt Kaser-Hotz. Verträgt ein Hund die Chemotherapie trotzdem nicht, muss die Dosierung weiter reduziert oder die Therapieform geändert werden. Eine Alternative ist die sogenannte metronomische Chemotherapie, bei der die Medikamente in sehr geringen Dosen in Tablettenform, dafür aber kontinuierlich verabreicht werden, um den Tumor zu stabilisieren und dem Hund ein paar schöne Monate oder Jahre zu ermöglichen.

Billig ist das nicht: Metronomische Chemotherapie kostet abhängig vom Gewicht des Tieres rund 100 bis 220 Schweizer Franken im Monat, bei der «normalen» Chemotherapie werden insgesamt 2500 bis 3000 Franken veranschlagt. Und wird ein krebskranker Hund operiert und anschliessend bestrahlt, können leicht mehr als 5000 Franken zusammenkommen. Wenn das Tier versichert ist, werden die Kosten für eine Krebsbehandlung aber übernommen.

Wann muss man kapitulieren?
Abgesehen von finanziellen Überlegungen ist es für Halter oft nicht einfach zu entscheiden, wann man einen krebskranken Hund weiter behandeln oder lieber einschläfern lassen sollte. Denn trotz aller medizinischen Fortschritte gibt es Fälle, in denen es weder Hoffnung auf Heilung noch die Möglichkeit gibt, dem Tier die Schmerzen zu nehmen. Für den Besitzer ist es jedoch nicht immer einfach einzuschätzen, wie sehr das Tier leidet.

«Das ist oftmals eine Gratwanderung», sagt auch Kaser-Hotz. «Für mich ist es immer wichtig, dass ein Hund sein gewohntes Leben weiterführen kann. Das heisst, dass alle körperlichen Funktionen wie Fressen, Trinken, Laufen, Urinieren und Kotabsetzen problemlos funktionieren müssen. Ein Hund, der beispielsweise unter Atemnot leidet, hat dadurch ständig Angst.» Neben den Grundbedürfnissen solle man noch andere Parameter berücksichtigen, die für die Lebenqualität wichtig sind, zum Beispiel, dass ein leidenschaftlicher Schwimmer immer noch gerne ins Wasser geht oder ein Hund weiterhin mit dem Ball spielt. Heidi van Elderen

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