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«Dogsharing»

Ein Hund geteilt durch zwei Halter

Haustiere, Hunde | Donnerstag, 28. August 2014 08:00, Yvonne Vogel

Eine einzige Bezugsperson soll für den Hund da sein, lautet die gängige Meinung. Was aber, wenn zwei Personen für ein Tier zuständig sind? Oder wenn der Vierbeiner über längere Zeit bei jemand anderem lebt? 

Pepo, ein Border-Collie-Rüde, hat ein Herrchen – und ein Frauchen. Seit sich Sebastian und Sonja vor sechs Jahren getrennt haben, kümmern sich beide abwechslungsweise um den «Scheidungshund». Wer gerade mehr Zeit für den Hund hatte, beziehungsweise wo der Hund besser aufgehoben war, nahm ihn zu sich. «Verbrachte ich den Sommer auf der Alp, kam Pepo mit mir. Und wenn zum Beispiel Sonja in der Landwirtschaft arbeitete, nahm sie den Hund zu sich», erklärt Sebastian das Modell der Teilzeitbetreuung. Das habe jahrelang gut funktionert, Sonja und Sebastian waren sich in Erziehungsfragen einig, der Hund an beide Wohnorte gewohnt. 

Probleme ergaben sich erst in letzter Zeit, seit rund einem Jahr. Sonja beschrieb den Border Collie als bedrückt, wenn er jeweils zu ihr kam, zumindest in den ersten Tagen. Als ob er mit der Trennung von Sebastian nicht mehr so gut umgehen könne wie zuvor. «Pepo ist eigentlich ein robuster, charakterfester Hund», sagt Sebastian und findet keine Erklärung, wieso der Hund die Wechsel nicht mehr so gut wegstecken konnte.  

Könnte es am Alter liegen – Pepo ist beinahe 15 Jahre alt? «Das ist durchaus möglich», sagt Tierpsychologin Martina Braun. «Ältere Hunde werden anhänglicher und sind nicht mehr so flexibel. Sie möchten den gleichen Tagesablauf haben und wollen wissen, wo ihr Plätzli ist. Das ist bei uns ja ähnlich», fügt sie schmunzelnd hinzu. Hunde haben die gleichen Gefühle wie wir Menschen, können also auch jemanden vermissen.

Von Rasse und Sozialisation abhängig
Doch grundsätzlich sieht Martina Braun keine Probleme bei einer Teilzeitbetreuung, einem «Dogsharing», wenn der Hund die Bezugspersonen und Situationen kenne. Mit Ausnahme von einzelnen Rassen wie ChowChows oder Ridgebacks, «das sind One-Man-Dogs. Die brauchen eine einzige zuständige Person.» Ausserdem komme es auch darauf an, wie der Hund sozialisiert wurde. «Mein eigener Hund, der seit seiner achten Lebenswoche immer bei mir ist, geht gar nicht gern weg», sagt die Basler Tierpsychologin. Obwohl er als Schäferhund von der Rasse her eigentlich unproblematisch wäre. 

Wichtig beim «Dogsharing» sei natürlich, dass der Hund stets die gleichen Befehle erhalte, betont Braun. So müssten sich die verschiedenen Bezugspersonen miteinander absprechen. Am besten ist es, der Tierbesitzer oder die Tierbesitzerin schreibt die wichtigsten Befehle auf ein Merkblatt, wenn er den Hund jemand anderem in Obhut gibt.

Braun erzählt von Fällen, bei denen die Hunde verwirrt waren, nicht mehr wussten, wo sie hingehören, weil sie viele unterschiedliche Befehle von verschiedenen Menschen erhalten haben. Sie erinnert daran, dass der Hund ja schliesslich vom Wolf abstammt und damals im Stammrudel seinen festen Platz innehatte. Dieses Grundbedürfnis, zu wissen, wo sie hingehören, sei bis heute geblieben. «Ein Hund ist ein extrem soziales Wesen, alles, was der Mensch macht, ist enorm wichtig. Er braucht eine Bezugsperson, die sich mit ihm beschäftigt, und ihm Sicherheit gibt, einen sogenannten Fürsorgegaranten.» Dieser Fürsorgegarant ist nicht automatisch der Hundebesitzer oder die Hundebesitzerin. Oder die Person, die das Tier füttert. «Für den Hund ist Hauptbezugsperson diejenige, die am meisten Zeit mit dem Hund verbringt und mit ihm spannende Sachen unternimmt. Das verbindet», sagt Braun. Es sei also völlig okay, wenn man den Hund für den Spaziergang oder auch länger weggibt. Das sei auf jeden Fall besser, als ihn alleine zu Hause zu lassen. 

Braun erachtet ein sogenanntes Kurzzeit­sharing – bedeutet, der Hund verbringt einige Tage in der Woche bei der einen Person, die anderen Tage bei einer anderen – als weniger problematisch als ein Langzeitsharing. Vorausgesetzt natürlich, dass der Hund beide Bezugspersonen gut kennt und diese dieselben Befehle verwenden. Ein Langzeitsharing – wenn der Hund mehrere Wochen oder Monate nicht zu Hause bei seiner Hauptbezugsperson verbringt – findet die Tierpsychologin problematischer, weil sich das Tier längerfristig auf eine ganz neue, ungewohnte Situation einstellen müsse.

Situation individuell beurteilen
Sebastian hat auch diesbezüglich Erfahrungen gemacht. Bevor er selbst Hundebesitzer wurde, hat er «fremde» Hunde mit auf die Alp genommen. «Die Hunde haben sich in der Regel schnell eingewöhnt und sich auf dem Berg wohlgefühlt», erzählt er. Nur einmal gab es Probleme. Er nahm ein Tier mit, das er kaum kannte und das aus schwierigen Umständen kam. Mischlings-Weibchen Zazou war erst vor wenigen Monaten aus dem Tierheim geholt worden und hatte sich eigentlich gerade erst an ihre neue Besitzerin gewöhnt. «Zazou auf die Alp mitzunehmen war eindeutig zu viel des Wechsels für sie», bereut Sebastian im Nachhinein seine damalige Entscheidung. «Der Hund war gestresst, verwirrt. Ich konnte ihn nicht mal für kurze Zeit alleine lassen, er hat in die Hütte gemacht und anfangs auch nicht gehorcht.» 

Braun kennt ähnliches Verhalten von Hunden, die aus dem Tierheim kamen. Wenn der Hund sich nicht sicher fühlt, probiert er Grenzen aus, macht Dummheiten. Es brauche dann eine gewisse Zeit, bis er Vertrauen in die neue Bezugsperson fasst und diese akzeptiert. 

Sie fasst zusammen: «Ein normal sozialisierter Hund kann gut mit mehreren Bezugspersonen umgehen. Aber er braucht eine gewisse Konstanz, darf also nicht zu vielen Wechseln ausgesetzt sein.» Wie viel «zu viel»  genau ist, könne man nicht generell beantworten, man müsse jede Situation individuell beurteilen, je nach Hund, je nach Konstellation. 

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