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Sollen Streunerhunde adoptiert werden?

Hunde | Freitag, 17. Januar 2014, Heidi van Elderen

Im Prinzip ist es eine gute Sache, einem herrenlosen Hund aus Süd- oder Osteuropa ein neues Zuhause in der Schweiz zu geben. Allerdings gibt es viele Argumente, die gegen die gut gemeinte Hilfsaktion sprechen.

Im September haben die rumänischen Behörden herrenlose Hunde zum Abschuss freigegeben. Der Anlass für die radikale Aktion, die allein in Bukarest schätzungsweise 60 000 Streuner betreffen könnte, war die tödliche Attacke einer Strassenmeute auf ein vierjähriges Kind. Das Drama in Rumänien hat nicht nur die Problematik der Strassenhunde verstärkt in die Schlagzeilen gebracht. Auch ein anderes Thema wird vor diesem traurigen Hintergrund verstärkt diskutiert: Wie sinnvoll ist es, diese Hunde in die Schweiz zu importieren?

Rein emotional ist die Antwort ganz einfach. Jeder Tierfreund, der die Bilder von kranken, ausgehungerten Vierbeinern und niedlichen, ausgesetzten Welpen in den Nachrichten und auf den Seiten von Vermittlungsorganisationen sieht, wird wenigstens eines dieser Tiere aus seinem Elend befreien oder gar vor dem sicheren Tod bewahren wollen. Aus Sicht des Tierschutzes ist die Situation allerdings weitaus komplexer. Laut der Tierschutzorganisation «Eurogroup for Animals» weiss man zwar nicht, wie viele Streuner auf Europas Strassen unterwegs sind. Doch addiert man Schätzungen einzelner Länder, darunter Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Griechenland, Spanien, Italien und Portugal, wird klar, dass es mehrere Hunderttausend sein müssen.

Es ist schwierig zu erkennen, welche Vermittlungsorganisationen seriös sind
«Man kann die Situation in diesen Ländern nicht verbessern, indem man Hunde in die Schweiz holt. Vor Ort wächst das Problem wegen der vielen unkastrierten Tiere einfach weiter», sagt die Tierärztin Julika Fitzi, die beim Schweizer Tierschutz (STS) für die Fachstelle Hunde zuständig ist. «Will man einen herrenlosen Hund aufnehmen, würde ich empfehlen, sich zunächst einmal in den vielen vollen Schweizer Tierheimen nach einem passenden Gefährten umzuschauen. Etwas anders sieht der Fall natürlich aus, wenn man vor Ort mit einem der Strassenhunde Freundschaft schliesst.»

Einen Hund aus den Ferien mitzubringen, hat den Vorteil, dass man das Tier persönlich kennenlernt, sich also nicht auf die Aussagen von Vermittlungsagenturen verlassen muss. Allerdings muss man sich um den erforderlichen Papierkram selber kümmern – ein Vorgang, der unter Umständen eine Menge Nerven und Zeit kosten kann. Beim Tierarzt sollte man abklären, ob der Hund tatsächlich keinen Besitzer hat, und den Vierbeiner komplett durchchecken, entwurmen, gegebenenfalls gegen Flöhe behandeln und impfen lassen. Damit das Tier in die Schweiz einreisen darf, braucht es einen Haustierausweis sowie eine Tollwutimpfung, die mindestens vier Wochen alt sein muss. Für die Einfuhr von Hunden mit kupierten Ohren und Schwänzen muss man eine Sonderbewilligung beim Bundesamt für Veterinärwesen einholen. Wer mit dem Flugzeug nach Hause reisen will, sollte ausserdem möglichst frühzeitig einen Platz für den vierbeinigen Begleiter reservieren.

Im Hinblick auf diesen unter Umständen recht grossen organisatorischen Aufwand, erscheint es auf den ersten Blick vergleichsweise einfach, einen Strassenhund über eine der zahlreichen Hilfsorganisationen auszuwählen. Allerdings fangen dann die Probleme oft an, wenn der Hund schon in der Schweiz ist. «Leider ist es selbst für Experten ausgesprochen schwierig zu beurteilen, welche Vermittlungsorganisationen seriös arbeiten und welche – oft zulasten der Tiere und der neuen Besitzer – nur Gewinn machen wollen», warnt Fitzi. Oft werde zu wenig oder falsch informiert: So entpuppt sich zum Beispiel der als kinderlieb angepriesene «Familienhund» manches Mal als völlig unsozialisiertes Tier.

Strassenhunde sollten von einem Tierarzt auf Leishmaniose untersucht werden
Solche bösen Überraschungen sind für die neuen Besitzer frustrierend und unter Umständen sogar gefährlich. Für den Hund bedeutet es im schlimmsten Fall, dass er nach dem stressigen Transport in die Schweiz am Ende doch wieder im Tierheim landet.

Nicht selten umgehen die Vermittlungsorganisationen laut dem STS ausserdem notwendige Formalitäten wie die Vorstellung beim Zoll. Fehlt zum Beispiel die Sonderbewilligung für die Einfuhr kupierter Tiere, kann der neue Besitzer den Hund später nie mehr auf legalem Weg mit in die Ferien ins Ausland nehmen und ihn anschliessend zurück in die Schweiz bringen. «Es ist ein echtes Drama, wenn Leute das nicht wissen und mit ihrem Hund dann irgendwann an der Grenze stehen und dem Tier die Einreise verweigert wird», sagt die Tierärztin.

Im Mittelmeerraum sind zudem viele, auch augenscheinlich gesunde Hunde mit Leishmaniose infiziert. Bis zum Ausbrechen der schwierig zu behandelnden Krankheit, bei der Parasiten die Körperzellen angreifen, können Monate oder Jahre vergehen. Vor der Ausreise in die Schweiz sollte man deshalb auf jeden Fall mit einem Bluttest prüfen, ob das Tier den Erreger in sich trägt. «Die Bluttests sind allerdings nicht hundertprozentig sicher. Ich finde, dass eine seriöse Vermittlungsorganisation über dieses Risiko aufklären müsste», sagt Julika Fitzi.

Polen hat gezeigt, dass das Problem der streunenden Hunde gelöst werden kann
Es gibt Leute, die am Leid der Tiere durchaus verdienen. Der STS weiss von Organisationen, die monatlich 40 bis 60 Hunde in die Schweiz vermitteln – für rund 600 Euro pro Tier. Selbst nach Abzug der Transportkosten bleibt da ein ordentlicher Batzen Geld übrig. «Solange es solche Gewinnmargen gibt, wird sich vor Ort nichts ändern», sagt Fitzi. Manchmal hätten auch gut gemeinte Initiativen am Ende einen gegenteiligen Effekt. In Italien war es zumindest bis vor Kurzem noch so, dass jede Gemeinde ab einer bestimmten Grösse ein Tierheim bauen musste. Pro Tier gab es dann Subventionen. Im Prinzip eine gute Sache, da so die Vierbeiner von der Strasse verschwinden und versorgt werden. «Bei so einer Regelung ist aber auch klar, dass viele Tierheimbesitzer daran interessiert sind, ständig Nachschub zu bekommen», gibt Fitzi zu bedenken.

Zum Glück findet in vielen Ländern langsam ein Umdenken statt, einheimische Tierschützer organisieren sich und versuchen, die Situation zu verändern, wie Fitzi sagt. «Wir können und sollten helfen, zum Beispiel mit langfristigen Kastrationsprogrammen.» In Süd- und Osteuropa stehe die Kastration von Haustieren oft nicht auf dem Lehrplan von Veterinärmedizinstudenten. Da seien Unterstützungen wichtig, natürlich mit der Hoffnung, dass die Ausbildung der Tierärzte entsprechend angepasst wird.

Ein Land, das gezeigt hat, dass man die Zahl der Strassenhunde auch ohne grosse, ethisch bedenkliche Tötungsaktionen enorm reduzieren kann, ist Polen. «Früher waren die Zustände dort katastrophal. Inzwischen müssen alle Hunde und sogar private Verkäufe von Welpen registriert werden. So hat sich die Lage deutlich entspannt.» Es dauert lange, bis solche Massnahmen greifen, die Behörden kooperieren und sich die allgemeine Einstellung zu Tieren in einem Land geändert hat. Die Tierärztin schätzt, dass es auch mit verstärkter Hilfe der europäischen Nachbarländer rund 10 bis 20 Jahre dauern dürfte, das Problem der Strassenhunde in den Griff zu bekommen. 

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