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Hunde in der Pubertät

Rebellion und Chaos im Kopf

Haustiere | Samstag, 19. Oktober 2019 15:17, Regina Röttgen

Während der Pubertät finden Hunde oft jeden Grashalm spannender als das, was der eigene Besitzer zu bieten hat. Die Vierbeiner vergessen das Gelernte, stellen auf stur und reizen die Grenzen aus. 

Schrecklich langweilig sind die Tage für Pubertierende wie Bella. Für sie dürfte der Tag bereits frühmorgens beginnen – am besten mit Spielen. Dabei stört es die sieben Monate alte Hündin nicht im Geringsten, dass sie immer wieder aus der Küche fliegt und auch ihre erwachsenen Mithunde bereits genervt gähnen. Sie versucht es einfach mit einer neuen Strategie. Will wirklich keiner, hält eben ein Schuh, Kissen oder Handtuch als Spielzeug her. Bella weiss sich zu beschäftigen – rund um die Uhr und in Höchstleistung. 

«Pubertierende Hunde wie Bella sind voll im Saft und schlafen oft zu wenig, wenn man ihnen nicht hilft, zur Ruhe zu kommen», sagt Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Sibylle Aschwanden aus Rohr bei Olten SO. «Sie haben wenig Geduld, aber viel Stress, denn sie sind oft überfordert und leiden manchmal unter grossen Ängsten, die für den Besitzer überraschenderweise auch nur ganz kurze Zeit andauern können und über Nacht schon wieder weg sind.»

Aschwanden weiss, wovon sie spricht. Sie hat schon einige Pubertierende gebändigt. «Sie möchten liebevoll an die Leitplanken des Zusammenlebens erinnert, im Finden ihres Selbstwertgefühls angeleitet, aber auch, wo möglich, im selbstwirksamen Handeln gefördert werden», sagt sie. Indem die Vierbeiner immer wieder ihre Grenzen ausloten, versuchen sie ihren Platz als Erwachsene in der Familie und im Umgang mit ihren Artgenossen zu definieren.

Einen allgemeingültigen Zeitplan für die Pubertät gebe es allerdings nicht, sagt die Hundetrainerin. «Kleinere Hunderassen kommen früher in die Pubertät und haben diese schneller hinter sich als grosse Rassen, welche sich körperlich und geistig langsamer entwickeln.» Ein kleiner Terrier kann die Pubertät zwischen dem vierten und achten Lebensmonat durchlaufen, ein Herdenschutzhund schon mal vom sechsten Monat bis zum dritten Lebensjahr. Zudem dauert diese Phase bei Rüden oft länger als bei Hündinnen.

Schimpfen hilft nichts
Anstrengend ist diese Zeit allemal. Waren die Hunde gerade noch unkomplizierte, anhängliche und gar niedliche Welpen, die einem alles recht zu machen versuchten, so ist plötzlich alles anders: «Der Welpe ändert sein Verhalten. Typischerweise wird er entdeckungsfreudiger und scheinbar unabhängiger vom Besitzer», sagt Aschwanden. Das sei völlig normal für ein Tier, das sich abnabelt und sich zu einem selbstständigen Adulten entwickeln wird. Dabei werde unaufhörlich erkundet und fleissig sich selbst belohnt. 

Sämtliches Training und erlernte Kommandos scheinen förmlich aus dem Gedächtnis verpufft zu sein. «Pubertierende Hunde führen Signale nicht mehr aus, weil sie diese in solchen Momenten effektiv nicht mehr kennen», erklärt Aschwanden. Zeitweise sei das Gehirn gar «out of order», dort herrsche Neu- und Umstrukturierung. «In der Pubertät baut sich das Gehirn um. Bereits gemachte Nervenverknüpfungen werden gefestigt, wenn sie sich als lebenswichtig erweisen. Scheinbar unnütze, da kaum gebrauchte Verknüpfungen, werden gelöscht.»

Das kann durchaus zur Geduldsprobe für die Halter werden. Schimpfen hilft allerdings nichts. Aversive Strafen seien laut der Hundetrainerin für pubertierende Hunde nur verwirrend. «Ist man sich der Prozesse bewusst, kann man mit viel Empathie und Wohlwollen geduldig die Führung übernehmen und den Hund in die richtige Richtung anleiten.» Man zeigt also den Junghunden, wie sie sich als nun erwachsene Tiere in allen Lebenssituationen verhalten sollen. 

Was sich leicht anhört, braucht Ausdauer. Konsequentes Training ist angesagt. «Wesentlich ist, dass alles, was uns wichtig ist, während der Pubertät weitertrainiert wird. Sonst vergisst es der Hund tatsächlich», warnt Aschwanden vor zu rascher Kapitulation seitens des Halters. Er sollte sich in vergleichbaren Situationen immer gleich verhalten – und möglichst ohne emotionale Komponente und Strenge. «Wer beispielsweise nicht möchte, dass der Hund in die Küche kommt, sollte ihn ruhig aus der Küche begleiten und im Flur loben.» Bleibt er draussen, wird er dafür belohnt, damit er gerne draussen bleibt. Oftmals funktioniert das aber erst nach mehrfachen Wiederholungen. «Es ist völlig normal, dass der Hund in der Pubertät noch einmal nachfragt, ob eine Regel immer noch gilt», sagt Aschwanden. «Anleiten und führen, nicht knechten und gewaltsam eingrenzen. Dann hat man bald einen fröhlichen, freiwillig folgsamen erwachsenen Vierbeiner!» 

Das Testosteron macht übermütig
Die Halter sollten sich dabei erinnern, dass der pubertierende Hund nicht böswillig rebelliere. «Absichtlich verhält sich kein Hund so. Sie sind nicht stur oder bockig, sondern versuchen lediglich sich abzunabeln und ihren Platz in der Welt zu finden.» Das als Sturheit verschriene Verhalten sei meist nur ein Meiden von beängstigenden Situationen.

Während des Gehirnumbaus reagiert der pubertierende Hund nämlich manchmal emotional empfindlicher. «Da gewisse Hormonachsen nicht immer korrekt funktionieren, ist der Hund auch mal ängstlicher und stressanfälliger», sagt Aschwanden. Umso wichtiger sei es, den Vierbeiner dann ruhig und geduldig zu unterstützen. Das gleichzeitig übermässig einschiessende Testosteron beschere Hunden zudem ein allzu grosses Selbstwertgefühl und viel Mut. 

Insbesondere Jungrüden schlagen gerne mal über die Stränge. Dank der Geschlechtshormone werden für sie jetzt Hündinnen interessant, anderen Rüden gegenüber wächst hingegen der Argwohn. Es wird markiert – immer und überall. «Rüden interessieren sich stark dafür, wer wann wo vorbeigelaufen ist. Hündinnen wiederum werden nun das erste Mal läufig und interessieren sich für Rüden», sagt die Hundetrainerin.

All dies macht die Pubertät für den Hund anstrengend – nicht ohne Folgen. Der vermehrt erlebte Stress kann das kanine Immunsystem schwächen und ihn in dieser Phase anfälliger für Krankheiten machen. Weiterhin können sich Verhaltensauffälligkeiten zeigen. «In der Pubertät gemachte ungünstige Erfahrungen werden besonders gut abgespeichert», erklärt Aschwanden. Angstaggression zum Beispiel würde als neue funktionierende Strategie ins Verhaltensrepertoire aufgenommen. «Es ist besonders wichtig, all die Welpenübungen wie Gewöhnung an diverse Transportmittel, diverse Untergründe sowie Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen und Tieren noch einmal behutsam zu wiederholen.»

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