Aktuell
› Zurück

Sie macht Tiere wieder mobil

Haustiere | Donnerstag, 16. November 2017 08:00, Desirée Müller

Sonja Tschudin unterstützt mit ihrem Kleinunternehmen «tierisch anders» Vierbeiner mit Handicap. Sie vermietet
Rollstühle für Katzen und Hunde. Profit macht sie damit keinen – doch der schönste Lohn ist für sie sowieso ein ganz anderer.

Lina schaut Sonja Tschudin erwartungsvoll an, tappt von einer Pfote auf die andere und richtet den Blick dann auf ihren Rollwagen. Die sechsjährige Hündin scheint Tschudin, die ihre vierbeinige Kundin regelmässig besucht, regelrecht aufzufordern, ihr ihre Gehhilfe anzuschnallen.

«Gleich geht’s los», verspricht die 49-jährige Baslerin lachend, hebt das Hinterteil der Hündin auf den zweirädrigen Wagen und legt ein «Gstältli» um ihre Brust. Noch bevor die Schnalle einrastet, gibt die aufgeweckte Hündin Gas. «Moment, Moment!», bremst Tschudin den Wirbelwind und streichelt ihm über den Kopf.
Die Chance auf ein normales Leben

Dann geht’s aber los: Lina flitzt über die Wiese direkt vor dem Haus ihres Pflege-Frauchens Susanne Karrer. Ab und zu stoppt sie, um an einem Grashalm zu schnüffeln. Dann geht es weiter, immer ihrer vierbeinigen Freundin Pina hinterher. Oder auch mal der Nachbarskatze nach, die neugierig das Spektakel beobachtet. Seit Lina vor einem halben Jahr ihren Rollwagen von Sonja Tschudin erhalten hat, ist sie wie ausgewechselt. Die Hündin wurde vermutlich einst von einem Auto angefahren und dann zurückgelassen. Ein Bein ist amputiert, das andere gelähmt – doch darüber scheint sich Lina keine Gedanken zu machen, so wie sie auf der Wiese herumtollt.

Nach ihrem Ausflug setzt sie Susanne Karrer wieder auf ihren Hunde-Po und Lina robbt geschickt den Weg zum Haus hoch. Sonja Tschudin schaut ihr nach und lächelt. «Lina strahlt so viel Lebensfreude aus. Das ist richtig ansteckend.» Ihr aktuelles Pflege-Frauchen Susanne Karrer ist auf der Suche nach einem guten Zuhause für Lina. Sie selbst hat nämlich bereits vier Hunde, einer ebenfalls mit einer Gehbehinderung.

Ein Tier mit einem Handicap ist schwer zu vermitteln, diese Erfahrung machten die beiden Frauen gleichermassen. Sonja Tschudin engagiert sich nämlich ehrenamtlich für den Verein für behinderte Hunde. Solange man aber spüre, dass ein Tier Freude am Leben hat, soll es eine Chance auf ein möglichst normales Hunde- oder Katzenleben bekommen, finden die beiden.

Eine Behinderung, wie zum Beispiel eine Lähmung der Beine, sei nicht zwangsläufig ein Grund, das Tier einzuschläfern. Wenn die Vorderpfoten genügend Kraft haben, kann ein Rollwagen sie bei ihrem Alltag noch viele Jahre unterstützen. Sonja Tschudin ist selbst «Mami» von einer gehbehinderten Hündin. Darcy kam als Pflegehund zu ihr. Die kleine Hündin erlitt einen Bandscheibenvorfall, was ihr das Laufen unmöglich machte. Dank ihrem Rollwagen blieb Darcy aber stets in Bewegung. Ihre Muskeln wurden aufgebaut und heute kann sie problemlos eine halbe Stunde Gassi gehen – ohne ihren Rollwagen.


Rollwagen aus den USA
Tschudin ist gelernte Bürokauffrau und absolvierte später die Ausbildung zur Tierpsychologin. Schon immer sehr tierlieb, nahm sie vor 16 Jahren Kätzin Jenny bei sich auf. Der sonst so aufmerksame Blick der fröhlichen, aufgeweckten Katzendame folgte plötzlich nicht mehr dem Spielzeug, mit dem Sonja Tschudin vor ihrer Nase rumwedelte. Jenny war erblindet. Schuld dafür war vermutlich eine Nierenerkrankung. «Das Internet war gerade im Aufkommen und ich suchte online nach Tipps im Umgang mit einer blinden Katze.»

Fündig wurde Tschudin auf Schweizer Seiten nicht. Erst als sie Websites aus den USA durchforstete, stiess sie auf Erfahrungsberichte von anderen Besitzern mit einem behinderten Tier. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Thema und startete eine eigene Informationswebsite, die sofort Anklang fand. Denn: Viel Wissen war in der Schweiz nicht vorhanden. Es gab keine Anlaufstelle für betroffene Tierbesitzer.

Einige Jahre später bestellte sie aus den USA ihren ersten Rollwagen und begann, ihn kostenlos an Leute mit handicapierten Hunden auszuleihen. Als sie merkte, dass das Bedürfnis für Gehhilfen für Hunde und Katzen in der Schweiz gross ist, bestellte sie nach und nach weitere Rollwagen – in der Zwischenzeit besitzt sie um die fünfzig Stück in allen Grössen. Ihr Auto hat schon lange keinen Platz mehr in der Garage.

Seither vermietet sie die Wagen für einen kleinen monatlichen Beitrag. «Wenn ein Hund oder eine Katze zum Beispiel nach einer Operation vorübergehend nicht selbstständig laufen kann, lohnt es sich nicht, einen Rollwagen zu kaufen.» Auch bei älteren Tieren, bei denen man nicht wisse, wie lange ein Wagen noch zum Einsatz komme, biete es sich an, einen Rollwagen zu mieten, begründet sie ihr Konzept. Zudem sind die Investitionskosten mit bis zu 900 Franken sehr hoch und für viele nicht zahlbar.

Nach dem Spaziergang wärmt sich Sonja Tschudin in einem Restaurant auf. Immer wieder erhält sie Bilder und Videos ihrer tierisch dankbaren Kunden. «Die positiven Nachrichten sind für mich der schönste Lohn.» Ein Video hat sie dieser Tage besonders berührt. Dem gehbehinderten Tigerli Munggeli wurde in der Tierarztpraxis ein Rollwagen von Sonja Tschudin angelegt. Sobald die Räder den Boden berührten, düste die Katze los und erforschte mit ihrem neuen Gefährt die ganze Praxis. Sichtlich erleichtert, dass sie wieder selbst entscheiden kann, wohin sie gehen oder eben rollen möchte. Im Hintergrund hört man die überglücklichen Jubelrufe ihres Frauchens. «Das sind emotionale Momente, die mir bestätigen, dass ich das Richtige tue.»

Reich wird man damit nicht
Lukrativ ist Tschudins Geschäft nicht. Die Investitionen waren bisher sehr hoch. «Es wäre schön, wenn sich die Vermietung irgendwann rentieren würde. Doch das steht bei mir nicht im Vordergrund.» Heute ist sie mit der Vermietung sowie der Beratung vollzeitbeschäftigt. «Dank meinem Mann kann ich meinen Herzenswunsch ausleben und Mensch und Tier in einer schwierigen Situation zur Seite stehen.»

Ihr ebenfalls tierlieber Gatte unterstützt sie auch damit, dass er die zurückgebrachten Rollwagen reinigt. Ferien sind bei dem Paar eine Seltenheit geworden. Ganz auf ein paar freie Tage müssen die Tschudins dann aber doch nicht verzichten. Denn: «In der Zwischenzeit haben wir eine tolle Ferienadresse gefunden, wo wir auch unseren behinderten Kater hingeben können.» Viel öfters sind sie es aber, die Feriengäste mit einer Behinderung bei sich zu Hause betreuen und dadurch anderen Tierhaltern eine kleine Pause zum Durchatmen ermöglichen.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen