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Fair oder fies?

Tiere im Schulzimmer

Haustiere, Wildtiere | Dienstag, 31. Oktober 2017, Christa Wüthrich

Ob Biene oder Bär: Wissen über Tiere gehört zum obligatorischen Schulstoff. Doch braucht es dafür wirklich Tiere in der Schule oder gar im Schulzimmer? 

Meine persönliche Erfahrung mit Tieren im Schulzimmer ist tragisch und kurz. Wir hatten in einem Käfig Rennmäuse. Während einige Kinder mit den Tierchen auf dem Fenstersims herumspielten, verschob sich der Mäusekäfig ruckartig gegen die Wand und zerquetschte einen der frei laufenden Nager. Ich kann mich noch so gut an das Geschrei und das Blut der Maus erinnern, als wäre es erst geschehen. Und daran, dass die Mäuse bald gänzlich aus dem Zimmer verschwunden waren. 

Als ich später selbst als Lehrerin arbeitete, brachten die Kinder Schnecken oder Raupen in die Schulstunde – alles temporäre, unproblematische Besucher. An Schlangen, Mäuse oder gar einen Schulhund wagte ich mich selber nie. Bis heute bin ich beeindruckt von Lehrpersonen, die nicht nur 25 Kinder, den Lehrplan und die Förderstunden für ihre Schützlinge im Griff haben, sondern auch noch eines oder mehrere exotische Tiere. 

Doch lernen Kinder auch besser, wenn sie ein Tier im Schulzimmer über eine längere Zeit aufnehmen? Und was verpassen Schüler, wenn sie den gleichen Stoff anhand von Filmen, Büchern oder einem Besuch im Zoo lernen? 

Die Rückkehr des Schulzimmertieres
«Es gibt heute viele und sehr gute Angebote und Möglichkeiten, den Lernstoff rund um Tiere und Natur zu vermitteln», sagt Nicolas Robin, Leiter des Institutes Fachdidaktik und Naturwissenschaften an der pädagogischen Hochschule in St. Gallen. Sei es ein Besuch im Zoo, im Naturmuseum, auf dem Bauernhof, ein Dokumentarfilm, ein Vortrag eines Experten, ein spannendes Buch oder eine packende Illustration. 

«Wird jedoch ein Tier über längere Zeit im Schulzimmer gepflegt, kommen zusätzliche Komponenten dazu: Verantwortung, Pflichten, direkter Kontakt mit dem Tier und dadurch Zuneigung, Identifikation und die Reflektion über die Bedürfnisse des Tieres und sich selbst als Tierhalter.» Lernen mit und durch das Tier wird zur persönlichen Erfahrung. Der Lernstoff verliert seine abstrakte Komponente und wird zum individuellen Erlebnis, das haften bleibt. 

In den 1970er-Jahren habe man praktisch in jedem Schulzimmer ein Terrarium gefunden, sagt Robin. Es wurde mit und am Tier unterrichtet. In den späten 80er- und 90er-Jahren eroberte die digitalisierte Welt das Schulzimmer. Das Angebot an externen Anbietern von Lerninhalten rund um Tier und Natur nahm zu: vom Naturmuseum bis hin zum YouTube-Film. In den letzten Jahren hingegen erobern die Tiere laut dem Experten die Schule zurück. «Die fachdidaktische Forschung zeigt, dass lebende Tiere im Schulzimmer ein individuelles und emphatisches Lernen fördern.» Begreifen durch Erleben. 

Tierethik im Schulzimmer
Die Stiftung «Das Tier & wir» setzt sich für Ethik im Unterricht ein. Ausgebildete Tierethiklehrpersonen besuchen seit dem Jahr 2002 Schulklassen oder Kindergartengruppen und informieren sie über Tierethik. Im Durchschnitt sind es rund 150 bis 200 Besuche pro Jahr, die Nachfrage steigt stetig. «Wir möchten Kinder und Jugendliche für die Bedürfnisse der Tiere sensibilisieren», sagt Maya Conoci, Geschäftsführerin der Stiftung und selbst Tierethiklehrerin. «Je nach Alter der Kinder thematisieren wir verschiedene Tierschutzthemen – von der Haustierhaltung über
das Pelztragen bis hin zu Tier-
versuchen.»

 

Wichtig sei ein kritischer Blick-winkel und die Möglichkeit, machbare Lösungen zu diskutieren und zu hinterfragen. «Wir stellen fest, dass es heute Kindern und Jugendlichen oft an Hintergrundwissen fehlt. Viele tierschutz-
relevante Themen – zum Beispiel die Massentierhaltung oder ein
Zoo – werden als normal ange-sehen und nicht hinterfragt.» Gegründet wurde die Stiftung von Erica Kalika Blöchlinger, einer 2016 verstorbenen Tierschützerin. Für sie war Tierethik im Schulunterricht eine wichtige Erziehungskomponente hin zu Menschlichkeit und Gewaltprävention. Finanziert wird die Stiftung heute durch Spenden. Für die besuchten Schulen fallen – ausser einer Wegpauschale – keine Kosten an.


www.tierundwir.ch

In der Lehrerausbildung wird auf diesen Erkenntnissen aufgebaut. Auch der Lehrplan 21 schaffe die Möglichkeiten, um lebende Tiere in den Unterricht zu integrieren, sagt Robin. Die Entscheidung, ob das Schulzimmer zum Tier-Zuhause wird, liege letztlich alleine bei der Lehrperson. «Es braucht Zeit, Planung, Raum, Wissen, Begeisterung und muss mit der Dynamik der Klasse vereinbar sein. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind unsicher betreffend die rechtliche Situation und die Verantwortungsbereiche, die sie sich durch ein Tier aufbürden, und entscheiden sich darum gegen ein Tier im Zimmer.» 

Tierschutz befürchtet Stress fürs Tier
Die Idee, Tiere im Schulzimmer zu halten, hat nicht nur Freunde. Der Schweizer Tierschutz (STS) etwa spricht sich grundsätzlich gegen eine Haltung von Tieren im Schulzimmer aus, wie STS-Mitarbeiter David Naef sagt. «Der direkte Kontakt mit lebenden Tieren kann zwar für Kinder äusserst förderlich sein. Das Tier hingegen profitiert von den Kindern wenig bis gar nicht.» Das Tier werde in einer künstlich geschaffenen Situation von Stress und Angst dominiert. In einem Positionspapier zum Thema empfiehlt der STS Alternativen zur Tierhaltung im Schulzimmer, wie Freilandbeobachtungen, Besuch wissenschaftlich geführter Zoos, Tierparks oder von Landwirtschaftsbetrieben. Gleichzeitig bietet der STS mit der Aktion «Krax» Tierbesuche für Schulklassen.

Egal ob auf dem Schulhof oder direkt im Schulzimmer: Tiere sind nicht nur für Lehrpersonen und Schüler ein viel diskutiertes Thema, sondern auch bei Eltern. Was ist, wenn mein Sohn allergisch reagiert? Was, wenn meine Tochter von der Schildkröte gebissen wird? Letzteres sorgt selten für Probleme, wie Sonja Hartmann, Expertin beim «aha! Allergiezentrum Schweiz», erklärt: «Die meisten Sensibilisierungen bei Tierallergien finden sich gegen Katzen, Hunde, Pferde und Nagetiere.» Ist ein Schüler davon betroffen, sollte er den Kontakt mit diesen Tieren meiden. Das ist nicht möglich, wenn sich das Tier im Schulzimmer befindet. Lehrer sollten darum laut Hartmann von Fell- und Federtieren absehen – und sich eher für Fische oder eine Echse entscheiden. 

Ein ernsthafter Hinderungsgrund können dagegen Unfälle mit Tieren sein. «Die Haftung für Unfälle mit Tieren in der Schule richtet sich nach der konkreten Abmachung zwischen Lehrperson und Schule», sagt Christine Künzli, Rechtsanwältin und stellvertretende Geschäftsleiterin der «Stiftung für das Tier im Recht» (TIR). «Die Lehrperson amtet grundsätzlich als Hilfsperson der Schule, sodass diese die Kosten tragen muss. Schliesst die Schule die Haftung aber aus, kann die Lehrperson als Halter des Tieres auch persönlich haften. Daher empfehlen wir Lehrpersonen, den konkreten Einsatz des Tieres mit der Schulleitung zu besprechen und – sofern notwendig – eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschliessen.»

Begeisterung ist Voraussetzung
Wenn alles geklärt ist: Verantwortung, Rechte und Pflichten – wie sieht der ideale Tierunterricht in der Schule nun wirklich aus? «Man muss klarstellen: Unterricht mit einem Tier kann man nicht verordnen. Das ist Blödsinn. Die Lehrperson muss wollen und davon begeistert sein», sagt Karin Hediger, Präsidentin des Institutes für Interdisziplinäre Forschung der Mensch-Tier-Beziehung, und fügt hinzu: «Ein Hund, der unter dem Lehrerpult liegt, ist keine tiergestützte Pädagogik im eigentlichen Sinn. Und eine halbe Stunde fix verordnete Meerschweinchenzeit wird weder dem Tier noch dem Kind gerecht.» Unterricht mit einem Tier ist Mehraufwand und braucht Wissen und Ausbildung. Dann ist es möglich eine ideale Lern- und Lehr­situation zu schaffen, die für alle stimmig ist: Kind, Tier und Lehrperson.

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