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«The Pack Swiss»

Ein Spaziergang mit 122 Hunden

Haustiere | Montag, 5. Dezember 2016, Carmen Epp

In der Gruppe macht ein Hundespaziergang mehr Spass als alleine. Dass das auch mit 122 Hunden klappen kann, beweist das Team von «The Pack Swiss». Es hat im November zum Gruppenspaziergang der Superlative eingeladen. 

Auf dem Parkplatz beim Schwimmbad Aarau herrscht reger Betrieb. Auto um Auto trudelt ein, darin lächelnde Menschen und freudig bellende Hunde. Zwischen den Autos kommen immer mehr Menschen hervor, an der Leine einen oder mehrere Hunde. Sie alle sind gekommen, um an einem Gruppenspaziergang teilzunehmen, organisiert von Simon Bol und Suchita Stöckli. 

Die beiden Hundehalter haben vor einem Jahr die Gruppe «The Pack Swiss» ins Leben gerufen und laden seither einmal pro Monat zum grossen Gruppenspaziergang ein. «Um gemeinsam spannende Spaziergänge zu erleben und andere Hundehalter kennenzulernen», erklärt Simon Bol. Aus­serdem sollen die gemeinsamen Walks das tierische Sozialverhalten fördern und Unsicherheiten bei Hundebegegnungen abbauen.

134 Hände geschüttelt
Mit dem Wunsch nach gemeinsamen Spaziergängen sind Bol und Stöckli offenbar nicht alleine. Bereits beim ersten Gruppenspaziergang von «The Pack Swiss» im November vor einem Jahr waren 20 Hunde dabei. Heute – das wird bereits an den vielen Autos beim Parkplatz deutlich – werden es um ein Vielfaches mehr sein. Schliesslich haben 86 Personen ihre Teilnahme auf der Facebookseite angemeldet, 93 zeigten sich unentschlossen, aber interessiert. Das tolle Herbstwetter dürfte auch Letztere zum Mitmachen animieren. 

Simon Bol bittet die Teilnehmer, ihre Vierbeiner noch im Auto zu lassen – mit Ausnahme derjenigen, die mit dem öV angereist sind. So kann er in aller Ruhe vor versammelter Gruppe den Walk-Knigge erklären: keine Flexileinen, kein Leinenkontakt, genügend Abstand zwischen den Hunden. «Jeder trägt selbst die Verantwortung für seinen Hund und dessen Verhalten», hält Bol fest. Auch Vierbeiner, die mit Artgenossen eher unverträglich sind, dürfen am Walk teilnehmen. Bol bittet jedoch, dies klar zu kommunizieren und eventuell zur Sicherheit einen Maulkorb mitzuführen. 

«Bevor es losgeht, geben wir uns alle die Hand», sagt Bol schliesslich. Die Gruppe schaut sich ungläubig an. Doch Bol meint es ernst: Er besteht darauf, dass sich alle per Handschlag begrüssen. «Das ist entscheidend für das Gelingen des Walks», sagt er. «Wenn sich die Menschen vertraut sind, sind später auch die Hunde ruhiger.» Und so stellen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer brav in zwei Reihen und schütteln einander die Hände. Insgesamt über 100 Mal – denn 134 Leute, teilweise auch ohne Hund, haben den Weg zum Gruppenspaziergang gefunden. 

Viele Skeptiker
Welche und wie viele Vierbeiner zu den inzwischen warmgedrückten Händen gehören, zeigt sich erst, als die Hunde aus den Autos gelassen werden und mit ihren Herrchen und Frauchen auf der Wiese stehen: 122 Vierbeiner in allen Grössen und Rassen werden gezählt. «Das ist absoluter Rekord, damit hätten wir nicht gerechnet», sagt Bol. «Aber umso toller wird nun der Walk.» 

Nicht alle Teilnehmer sind so optimistisch wie Bol. Hundehaltern, die zum ersten Mal Teil von «The Pack Swiss» sind, ist die Skepsis ins Gesicht geschrieben. Ob das wohl gut geht, mit so vielen Hunden auf einem Haufen? Das fragt sich auch Nadine Ackermann aus Schafisheim AG. Ihre Mischlingshündin Blanca hat die ersten zwei Jahre ihres Lebens auf den Strassen Rumäniens verbracht, und obwohl sie nun seit einem Jahr mit ihr trainiert, habe Blanca noch immer Mühe mit Hundebegegnungen. «Ich habe lange überlegt, ob ich hier überhaupt mitmachen soll und die letzten zwei Wochen regelrecht gebibbert», sagt Ackermann. «Nun hoffe ich, dass alles gut geht.» Sie hält sicherheitshalber noch Abstand zu den anderen Hunden und läuft mit ihrer «kleinen Hexe» am Rand der Gruppe über die Wiese. 

«Beim sogenannten Soziallaufen gewöhnen sich die Hunde allmählich an die Gesellschaft so vieler Artgenossen», erklärt Bol, der mit seinem Pitbull-Rüden Diego und Boston-Terrier-Frenchie-Mix Vaiana mitten auf der Wiese läuft. Gemächlich schlendern die Hundehalter umher, ihre Hunde kreuzen mal hier, mal dort einen Artgenossen und schnüffeln rege an deren Spuren. Hie und da ist Gebell zu hören, ein paar Vierbeiner zeigen die Zähne, als ein Artgenosse zu nahe kommt. Andere springen in die Leine aus Lust, mit dem anderen zu spielen. Doch angesichts des imposanten Bildes – wann sieht man schon 122 Hunde auf einem Haufen? – ist es erstaunlich ruhig, das von Skeptikern erwartete Chaos bleibt aus. 

Und so gibt Bol nach ein paar Minuten das Zeichen, dass der Walk nun losgehen kann. Im Gänsemarsch gehts Richtung Aare dem Fluss entlang aufwärts. Bol läuft mit seinen zwei Hunden an der Spitze, Suchita Stöckli mit ihrem American Bully Azul am Schluss, dazwischen Helfer mit gelben Westen, die sich mit ihren Hunden ebenfalls in die Schlange begeben. 

Nadine Ackermann läuft im hinteren Drittel mit. Ihre Hündin braucht zwar noch etwas Abstand nach hinten und vorne, trotzdem ist Frauchen sichtlich stolz. «Sie bellt nicht, kläfft keinen Hund an. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.» Bol überrascht dies nicht. «Dadurch, dass sich zuerst die Menschen und dann die Hunde begrüssen können, kehrt automatisch Ruhe ein», sagt der Walkleiter. Mit diesem geregelten Ablauf ist es an den Walks von «The Pack Swiss» auch noch nie zu Zwischenfällen gekommen. 

Positive Wirkung auf Hunde
Dass sich diese Ruhe in der Gruppe positiv auf die Hunde auswirkt, weiss auch Nicole Wyder aus Schongau LU. Sie ist mit ihrer Bordeaux-Dogge Barabas und Bardino-Mix Nati quasi Stammgast bei den Walks von «The Pack Swiss». Dabei war die Ausgangslage gerade am Anfang nicht so ideal, wie Wyder erzählt: «Nati wurde vor einem Jahr von anderen Hunden im Park verbissen. Aus­ser mit Barabas wollte sie von da an mit anderen Hunden nichts mehr zu tun haben.» Dass sie so ruhig mit anderen Hunden mitläuft wie heute, daran sei damals nicht zu denken gewesen. Erst durch die regelmässigen Gruppenspaziergänge mit «The Pack Swiss» habe Nati wieder Vertrauen fassen können. 

Wie entspannt das 120-Hunde-Rudel ist, zeigt sich auch bei der Pausenrast. Während sich Herrchen und Frauchen mit Tee und Lebkuchen stärken, liegen die Hunde ruhig in der Sonne. Auch Blanca hat inzwischen Mut gefasst und scheint sich mit der Deutschen Dogge Falco – ausgerechnet dem grössten Teilnehmer des Walks – anzufreunden. Für Ackermann ist nun klar: Sie will auch beim nächsten Walk dabei sein.  

Am Ende des rund zweistündigen Spaziergangs entlang der Aare posieren die 134 Herrchen und Frauchen mit ihren 122 Hunden gemeinsam auf der Tribüne des Sportplatzes für ein Gruppenfoto. Für Simon Bol ein besonderer Moment, der ihn und sein Team ermutigt, bereits den nächsten Walk vorzubereiten, der am 18. Dezember stattfinden wird.

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