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Gnadenhof

Ein schöner Lebensabend für verstossene Katzen

8 Kommentare Haustiere | Dienstag, 27. September 2016, Andrea Trueb

Seit 35 Jahren kümmert sich Günther Weber um die Katzen, die sonst keiner mehr will. Sein Engagement für das Katzenasyl «Zur letzten Zuflucht» bringt den heute 66-Jährigen an seine Grenzen – und ist oft eine Gratwanderung.

Gestreift, gefleckt, dick, dünn, verzottelt oder glatt: Rund hundert Katzen sind aktuell in Günther Webers Katzenasyl «Zur letzten Zuflucht» in Buckten BL zu Hause. Es sind verwilderte, die nicht in ihrem Revier bleiben konnten, chronisch kranke, unsaubere, bissige oder sonstwie unliebsam gewordene Katzen, die bei Weber ihren Lebensabend verbringen dürfen. Aufgenommen werden nur Katzen, die wirklich keiner mehr will. 

«Ich mache fast alles alleine», sagt der 66-Jährige und zeigt mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung über den ans Haus anstossenden Bauplatz. Er bekomme zwar immer wieder spontan Hilfe zugesagt von begeisterten Tierfreunden. Tatsächlich erscheinen tue dann aber keiner. Zumindest nicht dann, wenn es besonders nötig wäre oder um die wirklich wichtigen Arbeiten gehe. «Man gibt mir gerne Ratschläge, was ich alles anders oder besser machen sollte», sagt Weber: «Manche hatten als Kind ein Büsi und denken deshalb, sie wüssten besser Bescheid als ich. Dabei habe ich rund 35 Jahre Erfahrung.»

3.50 Franken pro Tag und Katze
Ganz alleine ist Weber glücklicherweise nicht. An vier Tagen kümmert sich eine im Stundenlohn angestellte Tierpflegerin ums Reinigen der unzähligen Katzenkistchen, -näpfe, -zimmer und -bettchen. Alleine die Katzenwäsche füllt täglich bis zu zwölf Maschinen. Die allermeisten Tiere sind unsauber. Ein bis zwei Mal pro Woche legt eine ehrenamtliche Katzenstreichlerin Hand an und an den Wochenenden kommt eine unentgeltliche Helferin extra aus Bern.  

Weber finanziert sein Katzenasyl zu 100 Prozent aus Spendengeldern. Aktuell hat er gerade einmal 3.50 Franken pro Katze und Tag zur Verfügung. Damit müssen sämtliche Kosten vom Futter über die Medizin bis hin zur Hypothek gedeckt werden. Pro Tag braucht er 20 bis 25 400-Gramm-Dosen Nassfutter, rund 3,5 Kilogramm Trockenfutter, zwei bis drei Kilogramm Diät-Futter sowie Leckerlis und Frischfleisch. Da die meisten Katzen gesundheitliche Probleme haben, sind auch die Tierarztkosten entsprechend hoch. 

Minka sind Zahlen und Rechnungen offensichtlich Wurst. Sie sitzt in der Futterküche gleich neben dem Hauseingang auf dem Regal und miaut eindringlich. «Show­time», sagt Weber und lacht. Das mache sie immer, wenn Besuch komme: «Bis sie ein Goodie bekommt und sich mit ‹Köpfchen geben› bedankt.» – Weber führt durchs Haus. In so gut wie jedem Zimmer sind verschiedene Katzengruppen untergebracht. Sogar Bad und Küche gehören zum Katzenrevier. Nur Waschküche, Werkstatt und Schlafzimmer hat Weber für sich alleine – wobei sich ein einziges ausgewähltes Tier (Drago) zu ihm ins Bett legen darf. 

Wichtig, dass die Chemie stimmt
Wer in Webers Haus unterwegs ist, lernt schnell: Jede Tür muss sofort wieder geschlossen werden – bevor eine der unzähligen Katzen entwischt. Manche Katzen hat Weber als ganze Gruppe aufgenommen, andere hat er erst später vergesellschaftet. Ein Prozedere, das dem jüngsten Zuwachs namens Nimra noch bevorsteht. Die dünne Katze mit zerzaustem Fell (sie leidet an einer Schilddrüsenüberfunktion) liegt in der Eingewöhnungsbox in Zimmer drei. «Auf diese Weise kann ich schauen, ob die Gruppe mit ihr schmust oder sich zankt», sagt Weber. Stimmt die Chemie nicht, zieht das neue Büsi ein Zimmer weiter. 

Es wird geschnurrt und gemiaut und um Beine gestrichen und von allerlei kuschligen Hochsitzen neugierig heruntergespäht. Weber krault und streichelt und erzählt von Minka, die angeblich kastriert abgegeben wurde und wenig später im Asyl einen Wurf Junge bekam; von Maggi, die der Besitzerin zu wenig verschmust war und jetzt zu den anhänglichsten Tieren gehört und vom 35-köpfigen Katzen-Klan, der in einer Notfallaktion nach Buckten kam, nachdem die mit Weber befreundete Halterin erschossen worden war. «Auf einen Schlag hatte ich 155 Katzen. Da bin ich wirklich an meine Grenzen gestossen», sagt Weber

Auch wenn es inzwischen «nur» noch hundert Katzen sind – an sein Limit und darüber hinaus kommt Weber trotzdem. Füttern, Putzen, Einkaufen, Tierarztbesuche, einfache pflegerische Massnahmen und Instandstellen der Infrastruktur in und ums Haus zehren an seinen Kräften. Aktuell ist er daran, eine 315 Quadratmeter grosse Aussenanlage zu bauen. Der Boden ist bereits fertig planiert. Darauf will Weber nun Steine verlegen, die später mit Hochdruck problemlos gereinigt werden können. Gras sähe zwar netter aus, wäre aber aus hygienischen Gründen heikel. In der Werkstatt im Untergeschoss warten zudem rund hundert Alu-Stangen darauf, zu einem wetterfesten und katzensicheren Zaun zusammengebaut zu werden. Weber hat ursprünglich Maschinenschlosser gelernt. 

Unverständnis für Webers Engagement
Die Gründe, warum jemand eine Katze abgibt, sind vielfältig. Es gibt kaum eine Entschuldigung oder Erklärung, die Weber in den letzten drei Jahrzehnten nicht schon gehört hätte. Ihm sei egal, ob die Geschichte stimme oder nicht, sagt er: «Was für mich zählt ist, dass jemand eine Katze loshaben will. Also nehme ich sie auf. Sonst wird sie getötet oder ausgesetzt.»

Dass er sich auch um chronisch kranke Tiere kümmere, verstünden nicht alle, sagt Weber. «Mir sagte einmal ein Tierarzt: ‹Fahren sie doch ab mit solchen Dauerpatienten, das wäre sicher besser für Ihre Kasse›.» Er habe den Arzt dann gewechselt. «Er hatte schlicht nicht verstanden, was meine Grundidee ist. Ich kümmere mich ja genau um die Tiere, die sonst getötet würden.» 

Obwohl sich Weber ganz bewusst auch um kranke Tiere kümmert: Unnötig leiden lassen will er sie nicht. «Sobald eine Katze keine Lebensqualität mehr hat, lasse ich sie euthanasieren», sagt er. Eine Haltung, für die er sich einmal mehr nicht verstanden fühlt. «Die einen finden, ich sei krank im Kopf und sammle kranke Katzen. Die anderen klagen mich als herzlos an, weil ich auch einmal ein Katzenleben beenden lasse. Tatsache ist aber, dass ich mich jeweils auf einer Gratwanderung befinde.»

Sein grösster Wunsch sei es, dass jemand seine Philosophie teile und mit ihm auf einer Wellenlänge sei: «Er oder sie würde sich im Katzenasyl einarbeiten und sukzessive mehr Verantwortung übernehmen, bis ich eines Tages sagen könnte: So jetzt bist du der Chef.»

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Kommentare (8)

Günther Weber / Katzenasyl am 22.02.2017 um 11:36 Uhr
Ich muss zugeben, ich gehe sehr selten in diesen Artikel, warum sollte ich auch, ich weiss ja was ich mache; und mit grosser Resonanz habe ich eigentlich auch nicht gerechnet.

Heute habe ich jemandem eine E-Mail mit dem Link auf diesen Artikel geschickt. Um sicher zu gehen, dass der Link korrekt ist und noch funktioniert, habe ich diese Seite geöffnet.
Ich war dann aber sehr überrascht, als ich die Kommentare gesehen und gelesen habe!
Herzliche Dank für die wohlwollenden Zeilen.

Per E-Mail bin ich über dieses Kontaktformular erreichbar:
http://www.letztezuflucht.ch/katzenasyl/kontaktasyl.html

@ Hermann:
Mimi hat sich nun der „Action-Gang“ angeschlossen. Sie unterscheidet sich nur in der Farbe und sie lässt sich streicheln, aber sonst ist sie voll integriert! (grins)

Ansonsten bin ich auch im Facebook zu finden:
http://www.facebook.com/guenther.weber.katzenasyl
N.B. Keine Horror Bilder / Geschichten, dafür Top Aktuelles und Schmunzelbilder von Katzen.

An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank an die Redaktion, spez. Frau Andrea Trueb.
Der Artikel hat mir ein paar neue GönnerInnen beschert, u.A. eine Naturalienspende von rund 500 kg FRISCHES (!) Futter.

Hermann Schellhorn am 22.12.2016 um 21:31 Uhr
Wir haben kürzlich unsere Katze leider dort abgeben müssen. Ich kenne Herrn Weber (Günther) von meiner Arbeit her und hatte mit ihm gute Gespräche.
Ich war, und bin es noch, tief beeindruckt von seiner Arbeit und unterstütze ihn monatlich mit einer Patenschaft.

Die Kontaktadressen findet man hier:
http://www.katzenhilfe.ch/kontakt.html

Annette Silvia Feier am 21.12.2016 um 19:28 Uhr
Es hat mich zutieft beeindruckt, in der "Tierwlt" zu lesen, was Herr Weber für diese bedauernswerten Tiere leistet. Für mich ist er einer der wirklichen Helden unserer Zeit und verdiente wohl eine grosszügige Unterstützung. Leider habe ich keine persönliche email-Adresse gefunden, damit ich ihm selber danken kann für seine aufopfernde Arbeit. Eine für meine Verhältnisse grosse Spende werde ich nächstens ausrichten und wünsche ihm im Kreis seiner dankbaren Mitbewohner schöne Festtage.

Gadient-Wessner Susanne am 09.11.2016 um 12:05 Uhr
Ich kenne dieses Asyl und Herr Weber sehr gut, und weiss wie viel Energie und Kraft es braucht um es aufrecht zu erhalten. Habe selber eine Zeit dort gearbeitet, es ist streng aber die Katzen geben einem soviel zurück. Auch ich habe des öfteren miterlebt, aus welchen Gründen die Katze abgegeben wurde. Dass er an seine Grenzen stösst, verstehe ich sehr gut. Aber er war/ist nicht derjenige der aufgegeben hat, versuchte alles um den Katzen ein würdiges Leben zu geben. Egal ob "Seicherli", blind, wild oder krank. Er war/ist wenn es sein muss 24h auf den Beinen um zu trösten oder pflegen. Leider kann ich ihn finanziell nicht unterstützen. Wünsche mir für ihn dass jemand ein so grosses Herz hat, und ihm endlich die erforderlich finanzielle und körperliche Unterstützung gibt.

Salomé Müller-Oppliger am 19.10.2016 um 02:59 Uhr
Bei aller Katzenliebe, die ich mit Herrn Weber teile, ich bewundere das Durchhaltvermögen von Herrn Weber, den ich seit vielen Jahren kenne und regelmässig mit Spenden unterstütze. Ich bin ihm dankbar, dass er sich und sein Leben dieser Aufgabe gewidmet hat. Ich wünsche von Herzen für ihn und seine Katzen, dass sich eine würdige Nachfolge finden wird. Möglicherweise ein Team?

Renate Mössinger am 16.10.2016 um 17:03 Uhr
Seit vielen Jahren kenne ich Herrn Weber und schätze sein grosses
Engagement für die Katzen sehr. Ich weiss, dass er nicht nur mit seinen Kräften am Limit ist, sondern auch finanziell. Deshalb unterstütze ich sein Katzenasyl monatlich seit vielen Jahren.
Es wäre schön, wenn sich weitere Spender anschliessen würden.

Niklaus Salzmann, Redaktor «Tierwelt online» am 30.09.2016 um 12:40 Uhr
@Daniela Mühlemann: Die Angaben zum Spendenkonto finden sich auf der Website des Katzenasyls.
www.letztezuflucht.ch/katzenasyl/kontakt.html

Daniela Mühlemann am 30.09.2016 um 12:24 Uhr
Herr Weber verdient meinen Respekt, leider gibt es viel zu viele verwilderte, ausgesetzte und verstossene Katzen, welche nicht kastriert sind und sich zu allem Elend auch noch vermehren. Ganz schlimm finde ich Menschen, die ihre Büsi mit einer fadenscheinigen Ausrede verstossen.
Gibt es ein Spendenkonto? Solche Menschen wie Herrn Weber sollte man unterstützen!!

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