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Katzen

Ein Platz für die Wilden

Haustiere | Montag, 18. Juli 2016, Claudia Fornara

In der Schweiz sind Hunderttausende Katzen herrenlos. Mit Kastrationsaktionen gehen Tierschützer gegen diese Katzenpopulationen vor. Nicht alle Katzen können danach in ihr Revier zurück. Darum sucht das «Tierheim Pfötli» Auswilderungsplätze.

Verwilderte, herrenlose und durch Menschen ausgesetzte Katzen finden zusammen und bilden Katzenkolonien. Ihrem Schicksal überlassen, finden sie Unterschlupf in Ställen, Gärtnereien, Familiengärten oder Friedhöfen. Solche Katzenpopulationen entstehen meist schleichend und stammen von unkastrierten Hauskatzen ab. Zwei- bis dreimal im Jahr paaren sich Katzen und es kommen zwei bis sieben Junge zur Welt. Eine weibliche Katze ist etwa ab dem sechsten Lebensmonat geschlechtsreif. Unkastriert hat eine Kätzin im Alter von fünf Jahren bereits 40 Katzenbabys zur Welt gebracht. So werden alleine schon aus diesem Stamm ein paar Hundert Kätzchen geboren – pro Jahr! Gemäss Zahlen vom Schweizer Tierschutz leben in der Schweiz 100 000 bis 300 000 Katzen, die kein Zuhause haben. «Meist werden wir von Leuten gerufen, die eine oder gleich mehrere anscheinend herrenlose Katzen beobachten. Gerne suchen sich diese Katzen ein Plätzchen in einer Gärtnerei oder in Familiengärten, weil es dort Unterschlupfmöglichkeiten gibt», erklärt Robyn Hossli, Verantwortliche Kommunikation des Tierheims. 

Die Krallen werden ausgefahren
Mit Katzenfallen werden die Tiere eingefangen und zur Untersuchung und Kastration ins Tierspital gebracht. Die Kosten dafür trägt das Tierheim Pfötli, das sich zu 95 Prozent über Spenden finanziert. Die restlichen fünf Prozent setzen sich aus Einnahmen wie Tiervermittlungen oder -transporten zusammen. Sobald die Katze wieder fit ist, wird sie ins Tierheim Pfötli gebracht. Hier wird jedes Tier einzeln in einem Raum mit viel Kletter- und Versteckmöglichkeiten untergebracht. Im Moment haben zwölf verwilderte Katzen im Tierheim Pfötli einen vorübergehenden Platz gefunden. 

Da die Tiere weder geschlossene Räume noch Menschen gewohnt sind, zeigen sie sich oft von ihrer wilden Seite: Es wird gefaucht, angegriffen oder die Krallen ausgefahren. «Es gibt jedoch auch Katzen, die sind nicht ganz so scheu, und deshalb nehmen wir an, dass sie früher ein Zuhause hatten», sagt Hossli. Im Moment sind zwei Kätzinnen mit ihren Jungen, die vom Rettungsdienst eingefangen wurden, auf der Station. Beides liebevolle Katzenmütter, die sich mit viel Geduld um ihren Nachwuchs kümmern. Ebenso viel Geduld braucht das Pflegepersonal, damit es sich den Katzen nähern und sich speziell um die Babys kümmern kann. Denn diese möchte man möglichst sozialisieren, um sie später platzieren zu können. 

Manchmal haben die Katzen Glück und dürfen nach der Untersuchung und der Kastration sowie dem Markieren am Ohr und dem Chippen wieder in ihren gewohnten Lebensraum zurück, wo man sie eingefangen hat. Ist dies nicht möglich, muss ein Auswilderungsplatz gefunden werden. 

Haben Sie einen geeigneten Platz?
Der «TierRettungsDienst» ist im Kanton Zürich und den umliegenden Regionen tätig. Die Auswilderungsplätze müssen nicht zwingend in diesem Gebiet sein, sondern können auch weiter weg sein, entschieden wird von Fall zu Fall. Interessierte melden sich bei der Stiftung TierRettungsDienst – Leben hat Vortritt, Tierheim Pfötli, Tel. 044 864 44 00.

Keine Schmusetiere
Einen geeigneten Auswilderungsplatz zu finden, ist gar nicht so einfach. Dabei spielt die Umgebung eine wichtige Rolle: Es sollte eher ländlich sein und keine Strasse in der Nähe haben. Ideal wäre ein Bauernhof oder ein Hof mit einer Scheune, da die Katzen im Winter vor der Kälte Unterschlupf suchen und im Sommer der Hitze möglichst entgehen möchten. «Natürlich müssen die Katzen auch gefüttert werden und man sollte immer wieder nachschauen, ob ein Tier beispielsweise verletzt ist», sagt Hossli. Wichtig sei auch zu wissen, dass dies keine Schmusetiere sind. Im Gegenteil, denn sie lassen sich in der Regel nicht streicheln.

Nicht zuletzt, so Hossli, würden die Katzen auch Mäuse jagen, was auf einem Bauernhof von Vorteil sei, trotzdem sei eine tägliche Fütterung notwendig. Die Kosten für das Futter gehen zulasten der neuen «Besitzer» dieser Katzen. Auch für allfällige Arztkosten würden diese aufkommen müssen. Doch gerade bei diesen Kosten sei das Tierheim Pfötli kulant und lasse mit sich reden, sagt Hossli, denn im Vordergrund stünde die Vermittlung des Auswilderungsplatzes und somit das Wohl der Tiere. 

Katja Welti beherbergt auf ihrem Bauernhof sechs verwilderte Katzen, vermittelt vom Tierheim Pfötli. «Regelmässig sehe ich leider nur zwei Katzen und manchmal noch welche, die sich eilig verziehen, wenn ich die Scheune betrete.» Die Katzen waren anfangs richtig scheu, doch irgendwann seien zwei nicht mehr davongerannt, als sie das Futter brachte. Und diese beiden mögen es mittlerweile sogar, wenn sie sie streichle. «Da das Futter jedoch immer gefressen ist, nehme ich an, dass schon mehrere Katzen hier sind», erzählt Welti, «pro Woche sind es etwa zwei Kilogramm Trockenfutter, die ich in einem Futterspender hinstelle.» 

Kampf ums Überleben
Sie möge Katzen und habe sich deshalb bereit erklärt, diesen Tieren einen Platz zu geben. Zudem würden die ja auch nicht stören und sie habe auch noch «eigene». Aus­serdem sei die nächste Strasse 300 Meter entfernt und so könnten die Katzen in einem grösseren Revier relativ gefahrlos herumstreunen. «Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass die Katzen fleissig Mäuse jagen, denn die hat es auf jedem Bauernhof. Und es gibt mir ein positives Gefühl, einen kleinen Beitrag für eine gute Sache zu tun.»

Verwilderten Katzen geht es in der Schweiz den Umständen entsprechend einigermassen gut, allerdings sind viele abgemagert und/oder verletzt und zudem oftmals von Parasiten befallen. «Sie kämpfen tagein tagaus ums Überleben, um Futter, gegen Kälte oder Hitze», sagt Hossli. Zahlreiche Institutionen setzen sich für das Wohl verwilderter Tiere ein, sei es mit Kastrationsaktionen, ärztlicher Behandlung und Weitervermittlung an Tierheime oder der Suche nach Auswilderungsplätzen. Letzteres ergibt laut Hossli jedoch nur Sinn, wenn man die Population unter Kontrolle hat, sprich die Tiere kastriert und ärztlich versorgt. Leider fühle sich für verwilderte Katzen jedoch niemand so richtig zuständig und deshalb sei es so wichtig zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. 

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