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Tierschutz

Grosse Aufregung um einen kleinen Schnitt

17 Kommentare Haustiere | Donnerstag, 2. Juli 2015 09:00, Monika Zech

Mit Kastrationsaktionen versuchen Tierschutzorganisationen, verwilderte Katzenpopulationen einzudämmen. Nun stehen sie unter Beschuss. Eine Tierschützerin will die Ohrmarkierung der kastrierten Tiere verbieten lassen.

Sie leben auf Industriebrachen, in Schrebergärten, in Hinterhöfen, an Siedlungsrändern. Sie sind unterernährt, voller Parasiten, oft krank – ein trauriger Anblick. Die Rede ist von herrenlosen Katzen, von denen es nicht nur in südlichen Ländern Tausende gibt, sondern auch hierzulande. Und sie vermehren sich unkontrolliert. Wenn da nicht Tierschützer wären, die gemeinsam mit ehrenamtlich tätigen Tierärzten immer wieder grössere Kastrationseinsätze durchführen, um die verwilderten Katzenpopulationen einzudämmen. Es sind vor allem zwei Organisationen, die mit Kastrationen von mehreren Tausend Katzen jährlich gegen das Tierelend ankämpfen: der Schweizer Tierschutz STS und NetAP (Network for Animal Protection) – Letztere auch im Ausland.

Bei diesen Aktionen werden die Katzen eingefangen, narkotisiert, kastriert, einer Parasitenbehandlung unterzogen und mit einem Breitbandantibiotikum gegen Infektionen geschützt (siehe auch «Tierwelt» Nr. 6/2015). Um bei einem nächsten Einsatz kastrierte Tiere von unkastrierten von Weitem und auf Anhieb unterscheiden zu können, schneidet der Tierarzt der narkotisierten Katze nach erfolgter Behandlung eine kleine Spitze ihres linken Ohrs ab. Wegen dieses Schnitts ist nun Tomi Tomek von der Tierschutzorganisation «SOS Chats» in Noirague NE auf die Barrikaden gestiegen.

Umstrittener Vergleich
Via Petition zuhanden des Schweizer Parlaments und des Bundesrats will sie «die Verstümmelung der Ohren» bei der Kastration von streunenden Katzen verbieten lassen. Sie beruft sich dabei auf das Kupierverbot bei Hunden und ist der Meinung, dass die Katzen unter dem Eingriff genauso leiden würden wie Hunde. Gemäss Medienberichten haben bereits über 30 000 Personen die Petition unterschrieben.

«Der Vergleich mit dem Kupieren von Hundeohren hinkt an allen Ecken und Enden», sagt Enrico Clavadetscher, praktizierender Tierarzt und medizinischer Leiter bei NetAP. Zum einen gehe es beim Kupieren der Ohren bei den Hunden einzig und allein um eine modebedingte unnötige Veränderung des äusseren Erscheinungsbilds, zum anderen bereite dieser Eingriff dem Hund wirklich sehr grosse Schmerzen. «Und zwar lang anhaltende.»Tatsächlich werden die Ohren des Hundes nach dem Kupieren, um die gewünschte stehende Form hinzukriegen, während mehrerer Wochen in einem Gestell auf dem Kopf eingespannt oder festgeklebt.

«Diese zu Recht verbotene Tortur mit der Ohrmarkierung bei der Katze zu vergleichen, ist absurd», sagt Clavadetscher. «Wir schneiden der Katze unter Narkose ein kleines Spitzli am Ohr weg, das ist schmerzfrei und die Ohrbasis bleibt absolut unangetastet.» Das Tier werde weder in der Funktion des Ohrs noch in seinem Verhalten beeinträchtigt. Auch Tomeks Behauptung, eine Katze könne dadurch verbluten oder sich eine schwere Infektion einfangen, weist der Tierarzt als medizinischen Unsinn ab. An der äusseren Ohrspitze habe es fast keine Blutgefässe. Komme es in Ausnahmefällen doch noch zu einem kleinen Nachbluten, sei der Blutverlust minim und für die Katze nicht gesundheitsgefährdend. Überdies sei die Infektionsgefahr durch das verabreichte Antibiotikum für eine ganze Weile gebannt.

Tomi Tomek hingegen bleibt dabei: «Es muss nach Alternativen zum Ohrschnitt gesucht werden.» Man könne etwa eine Tätowierung am Ohr anbringen oder die Katzen mit einem wasserfesten Stift, wie bei Schafen angewendet, markieren. Man könne sie an einer bestimmten Stelle rasieren oder sie einzeln fotografieren. Das Argument, all diese Methoden seien untauglich, weil die Markierungen entweder nicht permanent oder aus Distanz nicht erkennbar sind, lässt sie nicht gelten: «Ich finde es nicht schlimm, wenn eine Katze eingefangen wird und man feststellt, dass sie bereits kastriert ist. Bei dieser Gelegenheit kann man gleich einen Gesundheitscheck machen und sie bei Bedarf behandeln.»

Doch auch diese Aussage kommt bei Clavadetscher nicht gut an: «Offenbar hat Frau Tomek keine Felderfahrung mit Katzenkastrationen. Die Tiere werden bereits durch das Einfangen grossem Stress ausgesetzt. Das sind verwilderte Katzen, viele ohne jeglichen Bezug zu Menschen. Was glauben Sie, wie gross ihre Angst und Panik ist, wenn sie plötzlich in einem Käfig gefangen sind und wie ihr Puls hochschnellt?» So sei es bei einer wilden Katze im Käfig praktisch unmöglich, eine Tätowierung abzulesen – weil man nicht nahe genug rankomme, die Katze nicht still sitze oder die rasierte Stelle wieder stark behaart sei. «Die Katze müsste dafür also unnötig in Narkose gelegt werden.» Komme hinzu, dass man bei Weibchen manchmal eine gut vernähte Operationsnarbe nach einiger Zeit nicht mehr sehe, «und dann schneidet man das arme Tier nochmals auf, sucht nach den Eierstöcken, bis man merkt, dass da keine mehr sind». Nein, meint Clavadetscher, es gebe einfach keine taugliche Alternative zur Ohrmarkierung, um diese Katzen nachhaltig zu schonen. «Ich habe wirklich lange nach der besten Methode gesucht und verschiedene gegeneinander abgewogen.»

Von Tierärzten gestützte Praxis
Beim Schweizer Tierschutz STS ist man derselben Meinung: «Aus unserer Sicht sind Kastrationsaktionen nur dann wirksam und nachhaltig, wenn auch ein Monitoring in Form einer deutlichen Markierung stattfindet», sagt Martina Schybli, Tierärztin und Leiterin der Fachstelle Heimtiere beim STS, und dafür eigne sich die Ohrmarkierung am besten. «Verglichen mit einer unnötigen respektive vermeidbaren Belastung durch eine Narkose oder sogar eine Operation ist das Abschneiden der Ohrspitze wohl das kleinere Übel für das Tier.» Im Weiteren spare die Organisation, die die Aktion durchführe, viel Zeit und Ressourcen, wenn sie die markierten Katzen sofort ausscheiden könne. «Zeit und Ressourcen, die sie dann für die anderen Tiere einsetzen kann», betont Schybli.

Sie finde die Kastrationseinsätze ja grundsätzlich gut, sagt Tomi Tomek, «für mich ist aber nicht die Zahl der Kastrationen und die Statistik wichtig, sondern die Art, wie sie gemacht werden.» Mit ihrer Forderung nach einem Verbot der Ohrmarkierung, was übrigens eine international anerkannte Markierungsmethode ist, stösst SOS Chats jedoch nicht nur bei den kritisierten Organisationen auf Unverständnis. Auch die Schweizerische Vereinigung der Kleintiermedizin SVK stützt die Aussagen von STS und NetAP, wonach der kleine Schnitt ins Ohr für die Katze weder schmerzhaft noch gefährlich sei. So spricht Caroline Mislin, Tierärztin und Vorstandsmitglied bei der SVK von einem «gesuchten Problem und einem ganz schlimmen Vergleich mit den Ohrkupierungen: Beim Kupieren wird dem Hund das halbe Ohr abgeschnitten, bei den Kastrationen geht es um ein Spitzli.»

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Kommentare (17)

Bettina Dürnsteiner am 24.10.2019 um 12:06 Uhr
Es MACHT SINN! Es erspart den armen Katzen schon beim Anblick Vieles!!! Ein sichtbares Zeichen zu ihrem eigenen Schutz! Was wäre besser für die armen Tiere???
...und auf diesem Weg DANKE für jeden, der diesen und allen anderen Lebewesen Gutes tut!!!
DANKE von ganzem Herzen!!!! :-*

Ariel Petermann am 07.07.2015 um 23:04 Uhr
Zum Kommentar von Felx Diener, das es schon genügend Eingriffe bei Tieren gibt die fast zu Abarten geführt haben. Schauen sie sich doch mal die anderen Kommentare und den Artikel nochmals genau an. Wie schon erwähnt ist die Markierung auf keinste Weise schädlich, schmerzhaft und behindernd für die Katzen.

Felx Diener am 06.07.2015 um 13:18 Uhr
Ich bin definitiv gegen eine solche Markierung am Ohr. Auch wenn es für viele etwas kleinlich tönt; es ist in einer schwachen Form eine Verstümmelung des Körpers. Es gibt schon genügend Eingriffe bei Tieren, die schon fast zu Abarten geführt haben. Es sollte eigentlich in der heutigen Zeit möglich sein, ein Tier mit anderen Mitteln markieren zu können.

hr. kaltenrieder am 05.07.2015 um 11:51 Uhr
Ohrenmarkierung "pirsing" sollte bei Menschen verboten werden !

Zimmerli Urs am 03.07.2015 um 17:11 Uhr
Ich frage mich immer wieder, wie es unqualifizierte Leute (wie offenbar Tomi Tomek) in der Öffentlichkeit sich Gehör verschaffen, dass darüber überhaupt diskutiert wird. Die Bedenken und Vorschäge sprechen ja dafür, dass sie keine Ahnung hat von verwilderten Katzen. Zum Glück gibt es offenbar genügend Tierkenner.

Jerry 21 am 03.07.2015 um 15:41 Uhr
Ich finde die Ohr-Markierung eine gute und klar ersichtliche Methode und sie schadet den Tieren in keinster Weise, ganz im Gegenteil. Wie bereits erwähnt, erspart man ihnen weiteren Stress durch unnötiges Einfangen.
Da werden von der Dame Probleme in die Welt gestellt, die keine sind und dies auf Grund von Unwissenheit. Etwas mehr gesunden Menschenverstand und weniger falsche Tierliebe wären angebracht.

Tierarzt am 03.07.2015 um 15:16 Uhr
Man kann die meisten Streuner nicht untersuchen/ansehen/behandeln. Das einzige, was man kann, ist, sie in Narkose zu legen und sie dann ansehen. Bei Weibchen muss man den Bauch scheren und nach einer Kastrationsnarbe suchen. Findet man sie nicht, muss man sie wieder eröffnen. Definitiv besser für die Katze, wenn man sie - wegen ihrem fehlenden Ohrspitzchen - an Ort und Stelle wieder freilassen kann.

Heike Rogge am 03.07.2015 um 13:32 Uhr
Ich weiß wirklich nicht wo das Problem sein sollte. Gerade für Menschen die Katzen nicht mögen, stellt so eine Markierung sie zu mindestens "ruhig". Andererseits würden sie vielleicht gejagt und getötet werden. Und ein weiteres Einfangen der kastrierten Katzen ist sowas von unnötig. Statt glücklich zu sein, dass es Menschen gibt die sich für solche Katzen einsetzen, werden hier Probleme geschaffen, die keine sind und wo wieder Zeit drauf geht.

Prisca am 03.07.2015 um 12:54 Uhr
Die Ohrmarkierung ist die einzige sichere Kennzeichnung für verwilderte Katzen. Sie nehmen keinerlei Schaden daran, und sind weder dem Stress des erneuten Einfangens noch der Narkose ausgesetzt! Ein Verbot wäre fatal für den Tierschutz und würde die Situation nur verschlimmern.

Nicole Schaffner/Wings of Care (WIOCA) am 03.07.2015 um 11:56 Uhr
Natürlich macht dieser kleine Schnitt Sinn! Wäre es der Dame lieber, die Katzen mehrmals zu nakotisieren, um dann festzustellen, dass sie schon kastriert sind? Oder wäre es ihr lieber, die Katzen gar nicht zu kastrieren und die wilden Katzen, dann von den Jägern abschiessen zu lassen (wie es in der Schweiz noch zugelassen ist)?
Ich lade Frau Tomek gerne nach Rumänien ein, um an Kastrationsaktionen teilzunehmen. Vielleicht wird ihr dann klar, dass dies die einzige verlässliche Methode ist, kastrierte Katzen zu markieren. Wir kastrieren keine Schosskätzchen, die sich problemlos anfassen lassen. Es sind verwilderte Katzen, wo eine Erkennung auf Distanz möglich sein muss.
Wenn Sie eine bessere, aber auch PRAKTIKABLE Lösung hat, bin ich gerne bereit dazu zu lernen.

lacchini am 03.07.2015 um 11:17 Uhr
und wie es sinn macht! für die tiere ganz sicher nicht gefährlich und auch nicht schmerzhaft. und dem tier bleibt danach viel stress erspart.

Hexenhaus am 03.07.2015 um 08:42 Uhr
Nein, es macht Sinn und hst sich international durchgesetzt. Mein Mauzi aus Griechenland ist auch durch einen kleinen Schnitt am Ohr gekennzeichnet.

Huber Beatrice am 02.07.2015 um 20:32 Uhr
Bravo Frau Post! Dem kann ich nur zustimmen!!

Sabine Kammerer am 02.07.2015 um 17:44 Uhr
Ich glaube mit einem kleinen Schnitt im Ohr kann die Katze gut leben.Wir füttern hier 14(!) wilde Katzen die alle eine kleine Markierung am Ohr haben.Bei der Kastration hat es uns geholfen nicht 2x die gleiche Katze einzufangen.Es ist eine gute Sache und das ganze Dorf weiss nun,dass alle Katzen kastriert sind. Das hat gür alle grad eine andere Beziehung zu den Katzen gegeben und somit wissen die Menschen,dass die Tiere tierärztlich versorgt wurden.

Muller Corinne am 02.07.2015 um 12:19 Uhr
Nein es macht Sinn. Die einzige sichere Möglichkeit weder gefährlich noch schmerzhaft für die Tiere, aber klar erkennbar.

Brigitte Post /Tierbotschafter.ch am 02.07.2015 um 11:56 Uhr
Die Markierung ist ein sicheres Zeichen für Tierschützer vor Ort. Der kleine Schnitt während der Kastration ist weder schmerzhaft noch gefährlich für die Katze.
Wenn die Tierschützerin (welche die Ohrmarkierung der kastrierten Tiere verbieten lassen will) keine anderen Sorgen hat, dann gratuliere ich ihr!
Ich fordere sie auf hinzuschauen wo das grosse Tierleid wirklich stattfindet. Das grosse Thema ist: KASTRIEREN STATT TÖTEN!

Schüepp Pius am 02.07.2015 um 11:11 Uhr
Ohrmarkierung der Katze ist eine gute und beständige Sache, ein Verbot wäre Unsinn.

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