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Kurznasigkeit

Zu viel «Jöööö» im Gesicht ist ungesund

Haustiere | Mittwoch, 10. Juni 2015, Daniela Poschmann

Hunde mit kurz gezüchteten Schnauzen haben nicht gerade den Ruf, gesund zu sein. Sie würden schnaufen und nicht atmen und anstatt zu laufen nur träge von A nach B schleichen. Ein Klischee oder die Wahrheit? 

Seit über 15'000 Jahren züchtet der Mensch Hunde, immer darauf bedacht, die bestmögliche Leistung zu erzielen. Die Optik war dabei lange Zeit zweitrangig, bis vor etwa 150 Jahren. Seither ist Schönheit das Zuchtziel vieler Rassen, und die kurznasigen Möpse, Shih-Tzus und Co. sind entstanden. Ihrem Ruf nach ist die Gesundheit dabei auf der Strecke geblieben. Doch ist dem wirklich so? 

Das sogenannte Brachycephalensyndrom besteht aus verschiedenen Komponenten, wie Yvonne Jaussi von der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft SKG erklärt: einem langen Gaumensegel, einer verengten Luftröhre, zu kleinen Nasenlöchern und einer verkürzten Nase mit schlechterer Möglichkeit zur Temperaturregulation. Bei vielen kurznasigen Hunden ist der vordere Atemweg von der Nase zum Kehlkopf eingeschränkt und wird zudem oft blockiert von einem zu langen Gaumensegel. Auch ist der Rachen meist zu kurz, wodurch die Zunge zu viel Platz einnimmt. Das oft als drollig empfundene schnarchende Atmen ist also nicht unbedingt positiv. Und während Menschen ihre Körpertemperatur durch das Schwitzen regulieren, machen das die Vierbeiner über den Mund, die Zunge und die Nase – das wird bei brachycephalen Hunden schwierig. Die Folgen können Atemnot, rasche Überhitzung und dadurch bedingte Bewegungsarmut sowie Zahnfehlstellungen sein. Im Sommer kollabieren brachycephale Hunde eher und landen als Notfall im Tierspital. Der einzige Ausweg: eine Operation.

Schlechte, aber auch gute Beispiele
Ein Spezialist auf diesem Gebiet ist Gerhard Oechtering, Direktor der Leipziger Universitätsklinik für Kleintiere. Er bezeichnet kurznasige Rassen als Qualzuchten und hat vor vier Jahren eine Umfrage unter Haltern von Möpsen und Französischen Bulldoggen durchgeführt. Die 66 Rüden und 34 Hündinnen waren zwischen acht Monate und elf Jahre alt und aufgrund von Atemproblemen bei ihm in Behandlung. Obwohl die Umfrage nicht repräsentativ und wegen der gesundheitlichen Vorbelastung der Probanden ebenso wenig objektiv ist, lassen die Ergebnisse aufhorchen: 56 Prozent der Hunde litten unter Atemproblemen beim Schlafen. 24 Prozent versuchten im Sitzen zu schlafen, da sie im Liegen kaum Luft bekamen. 11 Prozent hatten gar Erstickungsanfälle im Schlaf. 36 Prozent sind schon einmal wegen Atemnot umgefallen, wobei über die Hälfte bewusstlos wurde. 77 Prozent hatten Probleme beim Fressen, 46 Prozent erbrachen mindestens einmal täglich. 

Dass es auch anders geht, beweisen Züchterinnen. Eine von ihnen ist Manuela Fuchser Gurtner mit ihrer Zucht «Magnolia Gardens» in Unterseen BE. Sie züchtet Shih-Tzus und Boston Terrier nach den Richtlinien der SKG und sagt: «Mir persönlich ist es sehr wichtig, mit Hunden zu züchten, die temperamentvoll und bei bester Gesundheit sind, eine gute Grösse aufweisen sowie eine grosse und nicht zu kurze Nase mit grossen, runden, weit geöffneten Nasenlöchern haben.» Die unter tierärztlicher Aufsicht durchgeführte Konditionsprüfung der Hundeschule Kunterbunt absolvierten ihre zwei Shih-Tzus und zwei Boston Terrier von anderen Besitzern problemlos und erfolgreich. Dabei liefen die Hunde eine Distanz über 5 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6 bis 12 Stundenkilometern am Velo mit.

Zurück zum alten Rassenstandard
Züchterin Claudia Schifano aus Schöftland AG zweifelt an der Lebensqualität solcher Rassen. «Die Problematiken, die durch übertriebene Zucht ins ‹Kindchenschema› entstanden sind, sind jedem Tierarzt bekannt und sehr weit verbreitet. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.» Zum Kindchenschema gehören grosse Augen, kleine Nase und kleines Kinn, ein kindliches Gesicht eben – was im Betrachter den Beschützerinstinkt und den «Jöööö»-Effekt auslöst. Als sie sich vor sechs Jahren in den kleinen Mops einer Bekannten verliebte, wollte sie auch einen Mops, aber einen gesunden und sportlichen. Während der Suche habe sie viele bedauernswerte Geschöpfe erlebt, bis sie schliesslich auf die Altdeutschen Möpse stiess. «Die haben ein sportlicheres Gebäude, längere Beine, etwas mehr Hals und ihre Augen sind gut im Schädel eingebettet. Die Schnauzenpartie ist deutlich hervorgezogen mit einer nur sehr zarten Nasenfalte, die nicht wie bei vielen klassischen Möpsen als riesige Wulst auf dem Nasenschwamm zu liegen kommt und den vordersten Punkt im Gesicht darstellt. Das gesamte Bindegewebe ist wieder straffer und sein Bewegungspotenzial grösser», sagt Schifano.

Ein Neuanfang? Keineswegs. Wie der Name schon erahnen lässt, ist diese Zucht­richtung nicht neu, sie war nur aus der Mode gekommen. Von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts sah die Rasse im deutschsprachigen Raum tatsächlich so agil aus und war von der Statur her gut 30 Zentimeter grösser als heute. Damals begann man Kurzhaarpinscher einzukreuzen, heutzutage eine als Retro-Mops bekannte Zuchtrichtung. Danach war allerdings wieder das Kindchenschema und damit der kompakte Kopf und kurze Läufe gefragt. 

Nicht nur auf die Nasenlänge kommts an
Schifanos Hunde sind dagegen keine Kreuzungen, sondern reine Möpse nach Altdeutschem Bild. Sie sieht darin einen Trend: «Immer mehr Menschen, die einen Mops als Begleiter möchten, informieren sich und legen Wert auf diese gesünderen Merkmale.» 

Yvonne Jaussi von der SKG äussert jedoch auch bei dieser Zuchtrichtung Bedenken, zumal der Altdeutsche Mops keine geschützte Bezeichnung ist. «Es ist zu begrüssen, dass weniger extreme Typen gezüchtet werden, aber man sollte auch da vorab prüfen, ob diese Hunde wirklich gesünder und aktiver sind. Die Nasenlänge allein hat wenig mit der Anatomie des Kehlkopfes, der Luftröhre und des Gaumensegels zu tun.» Zur Verdeutlichung verweist sie auf nicht brachycephale Hunde wie etwa den Norwich Terrier, der ähnliche gesundheitliche Probleme wie ein Mops hat.  Die beiden erwähnten Züchterinnen lassen ihre Zuchthunde nach eigenen Angaben auf Herz und Nieren prüfen. So gehören Ergebnisse wie aus der Leipziger Studie hoffentlich bald der Vergangenheit an.

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