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Büsi-Gefühle

Wenn Katzen trauern

Katzen | Mittwoch, 21. März 2018, Andrea Schmits

Nach dem Verlust eines Freundes verhalten sich Katzen oft auffällig. Über den Kummer hinweg helfen Streicheln und Spielen – aber ja nicht zu viel. Am wichtigsten sind Ruhe und Geduld. 

Leon spielt wieder. Auch der Appetit des schwarzen Katers ist zurückgekehrt. «Das war nicht immer so», sagt Katzenhalterin und Tierverhaltensberaterin Birgit Rödder. Vor ein paar Jahren verlor Leon seinen besten Freund, Kater Ali. Eines Tages war dieser verschwunden und kehrte nicht zurück. «Danach erschien Leon oft depressiv», sagt Rödder. «Er frass weniger, putzte sich seltener und lag oft starr und mit leerem Blick an den ehemaligen Spielplätzen.» Als Leon auch einige Wochen nach Alis Verschwinden wenig seiner früheren Lebensfreude zeigte, kümmerte sich Rödder intensiver um ihn. Sie streichelte ihren Kater öfter und forderte ihn immer wieder zum Spiel mit seinem Lieblingsbällchen auf. Nach zwei Monaten hatte Leon die Krise überwunden. 

Hat Leon um Ali getrauert? Rödder ist sich sicher: Ja. Wenn eine Katze einen vierbeinigen Freund oder einen nahestehenden Menschen verliert, leide sie. Das gelte besonders für Tiere, die in enger Gemeinschaft mit anderen aufwachsen.

Dass es solche Verhaltensänderungen gibt, hält auch die Zoologin Eva Waiblinger für unbestritten. Man müsse jedoch vorsichtig damit sein, dies als Trauer zu interpretieren. «Allzu schnell projizieren Halter menschliche Gefühle auf ihr Tier», sagt Waiblinger. Sicher sei aber: Der Wegfall eines Wohngefährten bringe den Tagesablauf durcheinander. Das verursache enormen Stress. Dabei sei es egal, ob es sich beim Verstorbenen um einen Menschen, eine Katze oder um ein anderes Haustier handelte. 

Fehlt plötzlich die Katzenfreundin oder das Frauchen, laufen Katzen oft suchend durch die Wohnung. Sie schauen sich Liegeplätze und Verstecke an, miauen lauthals oder schnuppern an Ecken und Kanten. «Manche Katzen werden unsauber oder verweigern das Futter», sagt Waiblinger. Einige Katzen putzen sich so intensiv, dass im Fell kahle Stellen entstehen.

Abschied nehmen lassen
Wissenschaftlich ist das Thema noch wenig untersucht. 1996 beobachteten Forscherinnen und Forscher der American Society for the Prevention of Cruelty to Animals (ASPCA) Katzen, die einen tierischen Freund verloren hatten. Zwei Drittel der Katzen wiesen mindestens vier Verhaltensänderungen auf, die der Trauer von Menschen ähnlich sind. Die Tiere frassen und spielten weniger, waren unruhig oder schliefen mehr, vermieden den Kontakt mit anderen Familienmitgliedern, wurden anhänglich oder miauten öfter. Nach Erfahrung des Zürcher Tierschutzes reagieren Hunde aber stärker als Katzen.

Oft wird empfohlen, dem Tier die Möglichkeit zu geben, sich zu verabschieden. «Je enger die Beziehung, desto eher wird die Katze den toten Freund beschnuppern und einige Zeit neben ihm ruhen», sagt Rödder. Geholfen hat diese Methode bei Kater Caruso von Katzenpsychologin Isabella Matheis. Dessen Katzenfreund Legolas wurde zu Hause eingeschläfert. «Danach setzte ich Caruso mehrmals zum toten Kater, damit er es auch wirklich versteht. Und siehe da: Caruso geht es gut», sagt Matheis. Das sei vor ein paar Jahren ganz anders gewesen, als einer ihrer anderen Kater beim Tierarzt eingeschläfert worden sei: «Caruso trauerte damals fast ein halbes Jahr.»

Zoologin Waiblinger warnt aber davor, ein in der Tierarztpraxis eingeschläfertes Tier zu diesem Zweck nach Hause zu bringen: «Die dem Tier anhaftenden Tierarzt-Gerüche könnten unangenehme Erinnerungen, etwa an Impftermine, hervorrufen.» 

Waiblinger empfiehlt, sich nach einem Todesfall möglichst normal zu benehmen und die täglichen Routinen beizubehalten. «Keinesfalls sollte man der verbleibenden Katze die doppelte Portion Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten geben.» Rödder rät, mit der Katze «freundlich und freudig» Kontakt aufzunehmen, sollte sie nach ein paar Tagen nicht wieder ihre alten Gewohnheiten aufnehmen. «Eine fröhliche Ansprache und einige aufmunternde Streicheleinheiten wecken die Katze aus ihrer Trauer und führen sie ins Leben zurück.» Dabei soll man es aber nicht übertreiben und die Katze nicht belästigen: Eine kurze, gelegentliche Ablenkung in Form von Streicheln, Spielen oder Leckerli ist besser als sie zu belagern. 

Nicht vorschnell «ersetzen»
Nach ein paar Wochen verhalten sich die meisten Katzen wieder normal. Die «Trauerphase» kann allerdings auch bis zu einem Jahr dauern. Sanfte Heilmittel wie pflanzliche Anti-Stress-Tropfen oder homöopathische Mittel können dabei helfen. «Katzen müssen spätestens nach drei Tagen wieder fressen. Notfalls braucht es Medikamente», sagt Nadja Brodmann vom Zürcher Tierschutz.

Damit ihre verbleibende Katze nicht vereinsamt, holen ihr viele Katzenhalter möglichst schnell einen Ersatzpartner. «Das ist aber ein Fehler», warnt Eva Waiblinger. In den letzten Monaten sei das der häufigste Grund für tierpsychologische Beratungen in ihrer Praxis gewesen. «Wir Menschen ersetzen eine verstorbene Person ja auch nicht einfach durch eine andere.» Am besten sei es, die Katze erst mal ein halbes Jahr alleine zu halten und zu beobachten. Es könne auch sein, dass die Katze nach dem Tod eines Mitbewohners richtig aufblühe. Dann war deren Beziehung wohl doch nicht so gut wie angenommen. 

Stirbt eine menschliche Bezugsperson, ist das oft auch mit einem Umzug der Katze verbunden. «Katzenhalter, die das Tier eines Verstorbenen übernehmen, sollten möglichst alle Katzensachen mitnehmen», rät daher Sandra Müller vom Tierschutz beider Basel. So kann sich die Katze mit vertrauten Sachen an die neue Familie und das neue Zuhause gewöhnen. Laut dem Zürcher Tierschutz hilft es, wenn man dem Tier auch Verstecke in ruhiger Umgebung anbietet und abwartet, bis es sich selber annähert. Denn Veränderungen zu verdauen, braucht auch bei den Katzen immer Zeit. 

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