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Verhalten

Stundenplan gegen Katzen-Wrestling

Katzen | Freitag, 29. September 2017, Christina Burghagen

Kommen sich Kater im Revier in die Quere, geht das nicht immer glimpflich aus. Die Basler Tierpsychologin Martina Braun liefert Wissen, um den Tieren schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen.

Gellende Schreie und Gesänge rissen die Bewohner einer Dorfstrasse aus dem Nachtschlaf. Die aggressiven Töne dauerten an. Irgendwo tobte Katzen-Wrestling vom Feinsten. Als die Besitzerin von Kater Mottek am anderen Morgen aufwachte, taten dies ihre Beine nicht. Der Grund für die eingeschlafenen Gliedmassen fand sich schnell. Sechs Kilo Lebendgewicht in Form ihres schlafenden Katers lasteten auf ihr. Vorsichtig schob sie ihn zur Seite und quälte sich mit steifen Gliedern aus dem Bett. Zwei Stunden später tauchte das Katerchen in der Küche auf, beziehungsweise, das, was von dem Tier übrig war. Der Kater wirkte im wahrsten Sinne niedergeschlagen. Wer hatte ihn so verdroschen? Von wegen Katzen tun sich nicht wirklich weh im Kampf. Der Gegenbeweis hockte traurig vor ihr. Das musste der Nachbarskater gewesen sein!

Mottek wurde schnell in die Katzenbox bugsiert und zur Tierärztin getragen. Bestürzt wohnte die Kater-Mama der Untersuchung bei, denn die Ärztin testete zunächst, ob das Tier erblindet ist. Glücklicherweise erwies sich der Verdacht als haltlos. Doch eine eitrige Entzündung im Kopfbereich musste gespült und gesalbt werden.

Vollgepumpt mit Antibiotika und Schmerzmittel packte sie den Patienten wieder in die Box, kaufte Thon-Brotaufstrich, damit sie dem Kater die verordneten Antibiotikum-Tabletten besser unterjubeln konnte und kehrte nach Hause zurück. Mottek ging sofort wieder schlafen – erst mal durfte er sowieso nicht vor die Türe.

Doch schon am Abend sprang er wieder aus dem Fenster. Seine fast zugeschwollenen Augen funkelten vor Rachegelüsten. Fünf Minuten später sass er wie ein Häufchen Elend vorm Fenster und wollte wieder rein. Es dauerte noch Tage, bis der Kater wieder nach draussen wollte. Doch schon drei Wochen später kam es erneut zu einem Kampf zwischen den Nachbarskatzen. Der Gewinner blieb unverletzt, Mottek zog wieder den Kürzeren und musste erneut mit Antibiotika behandelt werden.

Martina Braun, Tierpsychologin und Ethologin mit Spezialgebiet Verhaltenstherapie für Hunde und Katzen mit eigener Praxis in Basel, weiss ein Lied zu singen über die Problematik von Kater-Kämpfen. In einem Gespräch erläuterte sie, was solchen Zwistigkeiten, die gar nicht so selten sind, wie man meinen möchte, zugrunde liegt.

Die Dämmerung gehört den Stärkeren
Katzen seien von ihrer Stammesgeschichte her keine «Nomaden». Verfüge aber ein Streifgebiet über ausreichend attraktive Ressourcen wie etwa ein gutes Wegenetz, Markierstellen, Sonnenplätze, Jagd-Gebiete und Aussichtspunkte, so verhielten sich Katzen sehr gebietstreu. So komme es, dass ihnen der Ruf vorauseilt, sie seien weit mehr ortsgebunden statt dem Menschen treu. Von Katzenmüttern wisse man, dass sie schon mal einen Umzug mit ihrem Nachwuchs vornehmen, wenn ihnen das bisherige Nest unsicher erscheint. Entweder aufgrund häufiger Störung, realer oder eingebildeter Bedrohung der Kinder, aber auch aus Hygiene-Gründen.

Das Wegenetz, das jeder Kater täglich aufsuche, werde nicht nur räumlich, sondern auch tageszeitlich eingeteilt, erklärt die Tierpsychologin weiter. In den attraktivsten Stunden – gemeint sind vor allem die Stunden rund um die Dämmerung – seien die «starken» Charaktere unterwegs. An den anderen Tageszeiten könnten dann auch «mental schwächere» Tiere das gleiche Wegenetz nutzen.

Im Fall Mottek liegt der Grund der Prügelei auf der Hand; denn der Kater wohnt erst seit in paar Monaten im Dorf. In seiner alten Heimat war er der Chef im Ring. Am neuen Ort hingegen regierte bereits ein König – und dieser machte seine Rechte für Mottek schmerzhaft geltend.

Martina Braun empfiehlt, die Besitzer des Prügel-Katers mit den Tierarztrechnungen zu konfrontieren. Denn bei Hunde-Kämpfen, die Arztbehandlungen nach sich ziehen, sei das ja auch völlig normal. Durch die Konfrontation mit den Kosten sei dem «gegnerischen» Katzenhalter auch daran gelegen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

«Cherchez la femme»
«Wenn menschliche Einsicht herrscht, ist die einfachste Lösung, sich zusammen abzusprechen, welcher Kater wann rausgeht», rät die Ethologin und meint damit die Erstellung eines Stundenplans. Am besten werde der Ausgang der Katze dem Biorhythmus des Tieres angepasst. Wenn also der Stärkere gern in den Abendstunden herrscht, dann könnte die Zeit für den unterlegenen Kater zum Beispiel der Mittag oder Nachmittag sein.

Dass ein Stundenplan helfen kann, hat Braun bei sich zu Hause selber erlebt. Ihr junger, unerfahrener Kater und der Rambo nebenan kommen sich nicht mehr in die Quere, weil die Nachbarin jeweils eine spezielle Tonschale auf die Mauer stellt, wenn ihr Kater zu Hause ist. Das bedeutet für den jungen Kater freie Fahrt. Es sei nie wieder zu Verletzungen gekommen, sagt sie.

Bei männlichen Katzen geht es aber nicht nur ums Revierverteidigen, sondern vor allem um das andere Geschlecht. Man möchte meinen, dass kastrierte Kater das Interesse an sexuellen Betätigungen verloren haben. Dazu lacht die Tierpsychologin nur: «Eine kastrierte Katze kann zwar keinen Nachwuchs mehr zeugen. Doch im Kopf funktioniert die Kastration nicht! Für Kater bedeutet das weiterhin cherchez la femme!» Zu Kämpfen kommt es vor allem im Frühling und Herbst, wenn die Katzen rollig sind. Deshalb ist das Absprechen der Ausgangszeiten von Rivalen dann besonders angezeigt. «Tierhalter sollten sich einfach an der Natur der Tiere orientieren, denn die ist logisch», legt Martina Braun nahe, «was nicht logisch ist, sind wir Menschen!»

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