Tipps
› Zurück

Katzennachwuchs

Der Mensch als Katzenmami

Katzen | Mittwoch, 31. August 2016, Heidi van Elderen

Wenn die Katzenmutter nach der Geburt stirbt oder sich aus anderen Gründen nicht um den Nachwuchs kümmert, bleibt dem Halter oft nichts anderes übrig, als die Mutterrolle zu übernehmen. Nicht selten wird die Fürsorge mit Aggression gedankt.

Katzen kommen blind, taub, hungrig und mit einem Gewicht von nur etwa 60 bis 110 Gramm zur Welt. Sie können ihre Körpertemperatur noch nicht selber regulieren und brauchen eine sanfte Bauchmassage, um Darm und Harnblase zu entleeren. Überleben können die hilflosen Winzlige nur dank Mamas Rundumbetreuung, die ihrem Nachwuchs in den ersten Lebenswochen kaum von der Seite weicht.

In den meisten Fällen klappt das problemlos, gelegentlich ist aber auch menschlicher Einsatz gefragt. Manchmal müssen die Katzenmamas nur vorübergehend beim Füttern unterstützt werden, zum Beispiel, wenn ihre Milchdrüsen entzündet sind oder wenn sie nicht genug Milch für einen besonders grossen Wurf haben. «Lehnt eine Katze einen Welpen ab, sollte man diesen dem Tierarzt zeigen. Auch wenn das Jungtier ganz normal aussieht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es an einer Missbildung leidet, die ein aktives und erfülltes Leben nicht zulässt», sagt der Tierarzt Theo Dürig, der die Berner Kleintierpraxis Animalino leitet. Manchmal sei es in solchen Fällen besser, das Kätzchen von seinem Leid zu erlösen.

Schlaflose Nächte
Der Tierarzt ist auch ein guter Ansprechpartner, wenn man eine Ammenkatze sucht.  Ammenkatzen haben selber entweder ihre Jungtiere verloren oder nur ein oder zwei Junge zur Welt gebracht. Besonders kurz nach der Geburt ist der Mutterinstinkt oft so gross, dass die Katze auch Pflegekinder recht problemlos annimmt. Vorsichtshalber sollte man die Katzenkinder zum Beispiel ausgiebig mit Decken aus der Wurfkiste der Amme abreiben, damit sie nicht fremd riechen. Hat die Amme auch eigenen Nachwuchs, sollte dieser in etwa genauso alt wie die Adoptivgeschwister sein. Findet man eine vierbeinige Ersatzmutter, die sich ja nicht nur um Fütterung, sondern auch um Pflege und Sozialisierung kümmert, ist das für alle Beteiligten die beste Lösung.

Ansonsten muss der Halter ran. Das ist zwar sicherlich eine erfüllende, aber nicht gerade eine einfache Aufgabe. Zwar sind die Überlebenschancen der Kleinen relativ gut, vor allem, wenn sie ihre biologische Mama nicht direkt nach der Geburt, sondern erst später verloren haben. Doch Ammenaufzucht ist gerade in den ersten Wochen ähnlich zeitaufwendig wie die Pflege eines menschlichen Säuglings.

Wer gleichzeitig einem Beruf nachgehen muss oder gelegentlich mal ausschlafen will, sollte sich das Grossprojekt «Ammenaufzucht» mit Familienmitgliedern und anderen freiwilligen Helfern teilen. Denn in den ersten drei Wochen sollten die Welpen alle paar Stunden, mindestens fünf bis sechsmal in?24 Stunden, trinken. Dabei werden – abhängig vom Alter – rund 3 bis 10 Milliliter pro Mahlzeit serviert. Nachts darf man eine sechsstündige Pause einlegen.

Spezial-Schoppen für Katzen
Um sicherzustellen, dass die Kätzchen genug Nahrung bekommen und ausreichend wachsen, spricht man den genauen Speiseplan am besten mit dem Tierarzt ab und kontrolliert täglich das Gewicht. Nach gut einer Woche sollte sich das Geburtsgewicht etwa verdoppelt haben, nach drei Wochen wiegen die Kleinen schon drei- bis viermal so viel wie nach der Geburt.

Beim Tierarzt bekommt man Milchnahrung für Katzen und spezielle Saugfläschchen. Das Loch im Sauger sollte so gross sein, dass etwa ein Tropfen Milch pro Sekunde herausfliesst, wenn man die Flasche umdreht. Ist es zu klein, ist das Saugen so anstrengend, dass die Welpen oft nicht genug trinken. Ist es zu gross, verschlucken sich die Kätzchen schnell, Milch gelangt in die Lunge und eine Lungenentzündung entsteht. «Diese Gefahr besteht auch, wenn man mit einem Löffel, einer Pipette oder Spritze füttert», warnt Dürig.

Nach jedem Trinken wird die Region rund um den Anus vorsichtig mit einem warmen, feuchten Wattebausch massiert. Die Wattebausch-Massage ersetzt die Zunge der Katzenmutter und kurbelt die Verdauung an. Ohne diese Unterstützung könnten die Katzenkinder keinen Kot oder Urin absetzen. Normaler Kot ist gelblich und hat die Konsistenz von Zahnpasta. «Setzt ein Kätzchen über 24 Stunden keinen Kot ab oder hat es Durchfall, sollte man umgehend den Tierarzt konsultieren, da solche Probleme schnell zum Tod führen können», sagt Dürig.

Akute Lebensgefahr besteht auch, wenn es zu kalt oder zu warm wird. Die Idealtemperatur von 29 bis 32 Grad kann man am besten in einer trockenen, gut ausgepolsterten Box oder Wurfkiste mithilfe einer Infrarotlampe, eines Heizkissens oder im Notfall auch erst einmal einer Wärmeflasche schaffen. Bis die Kätzchen sechs Wochen alt sind, kann die Umgebungstemperatur allmählich auf 21 Grad abgesenkt werden. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Nachwuchs auch entwöhnt sein. Mit der Umstellung auf festes Futter kann man in der Regel im Alter von drei bis vier Wochen beginnen. Dazu serviert man etwas Milch auf einer Untertasse oder der Fingerkuppe. Hat der Vierbeiner einmal begriffen, dass er die Milch auflecken kann, mischt man nach und nach immer mehr festes Futter dazu.

Von Hand aufgezogene Katzenwelpen sind anfälliger für Infektionskrankheiten, vor allem, wenn sie kein Kolostrum, also die spezielle Muttermilch der ersten Tage für einen guten Immunschutz, bekommen haben. Beim Füttern und bei der Pflege sollte man deshalb besonders auf Hygiene achten, sich vor und nach dem Umgang die Hände waschen und Milchfläschchen und andere Ausrüstungsgegenstände nach Gebrauch sterilisieren.

Egal wie viel Zeit und Mühe man investiert, der Mensch bleibt doch immer nur ein schlechter Ersatz für eine Katzenmutter. Zwar sind die Kätzchen häufig besonders zutraulich, aber das ist nur eine Seite der Medaille. «Es ist nicht ungewöhnlich, dass Katzen, die nicht von ihrer Mutter versorgt und konditioniert werden, aggressiv gegenüber dem Besitzer werden. Weshalb das passiert, wissen wir nicht ganz genau», sagt Theo Dürig. Ein mögliche Ursache ist der Stress, der bei der Aufzucht und besonders bei der Entwöhnung vom Fläschchen entsteht. Während eine Katze ihrem Nachwuchs feste Nahrung schmackhaft macht und immer weniger säugt, nimmt sie die Kleinen zur Jagd mit – lenkt sie also weitaus besser von möglichen Frustrationen ab, als es eine menschliche Ersatzmutter je könnte.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen