Tipps
› Zurück

Katzenangriffe

Und plötzlich wird das Büsi zum Tiger

Katzen | Freitag, 26. August 2016, Gabriele Müller

Dass Katzen einen Menschen angreifen, kommt zum Glück eher selten vor. Meist sind es Abwehrreaktionen, wenn sich ein Tier bedrängt fühlt. Manchmal aber lassen sich Attacken kaum erklären.

Katzenbisse sind schmerzhaft und zudem gefährlich, denn die Wunden, die sie hinterlassen, können sich schnell und heftig entzünden. Und Kratzer tun nicht nur weh – sie machen Menschen auch misstrauisch und sogar ängstlich. Vieles, was scheinbar unberechenbar an Katzen ist, lässt sich glücklicherweise erklären. Und die Angriffe erfolgen in aller Regel auch nicht unangekündigt und hinterrücks, sondern mit Vorwarnung. Fast immer senden die Miezen nämlich klare körpersprachliche Signale aus, wenn sie sich in einer Situation unwohl fühlen oder Angst haben. Das gilt sowohl für den Klassiker, das Schnappen nach der streichelnden Hand, als auch für Attacken während der Fellpflege oder dem Krallenschneiden. Nur erfolgen die Droh- und Abwehrsignale manchmal eben so schnell, dass der Mensch sie übersieht und die individuellen tierischen Grenzen – trotz Warnung – ahnungslos überschreitet.

«Viele Katzenbesitzer sind aussergewöhnlich tolerant im Umgang mit ihrer Katze und ertragen Aggressionen, die bei einem Hund nicht geduldet würden», sagt Marianne Furler, Tierärztin und Verhaltensmedizinerin aus Aathal im Kanton Zürich. «Aber natürlich ist das auf Dauer kein gutes Zusammenleben.» Sie untersuche jeweils das häusliche Umfeld und die Lebensumstände und prüfe mögliche Faktoren für eine Aggression durch Stress oder Frustration, sagt Furler. Manchmal spielten auch unangenehme Erfahrungen oder Angsterlebnisse eine Rolle, die das Tier mit bestimmten Bewegungen oder Abläufen in Verbindung bringe.

Schmerzen können aggressiv machen
«Eine Katze griff zum Beispiel ihre Besitzerin immer dann an, wenn diese den Futternapf hochheben oder das Katzenklo reinigen wollte», erzählt Furler. Auch Tiere, die das Schlafzimmer zum Kampfplatz umfunktionieren und schlafende Menschen in Füsse oder Hände beissen, gehören in diese Kategorie. Laut Furler sollte der Katzenhalter in solchen Fällen sein Verhalten oder die Umgebung verändern. So wird beispielsweise der Napf künftig nicht mehr im Beisein der Katze gefüllt und die Katze aus dem Schlafzimmer ausgesperrt.

Was aber tun, wenn sich eine Katze innerhalb von Sekunden und ohne erkennbaren Auslöser oder Grund in einen wilden Tiger verwandelt? Wenn sie sich einem in den Weg stellt und einen drohend «ansingt»? Auch mit solchen Fällen ist Furler immer wieder einmal konfrontiert.

Wenn aus einer bis anhin sanften Katze plötzlich eine angriffslustige Furie wird, ohne dass sich die Lebensumstände verändert haben, spricht laut Furler einiges dafür, dass körperliche Probleme vorliegen. «Das kann eine schmerzhafte Erkrankung sein, ein Unfall, eine Viruserkrankung, eine Überfunktion der Schilddrüse oder eine andere organische Veränderung, etwa der Leber», zählt die Tierärztin nur einige der Möglichkeiten auf. Bei älteren Katzen führten nicht selten Abnutzungserscheinungen in den Gelenken dazu, dass ein Tier an bestimmten Stellen sensibel auf Berührungen reagiere. Und auch neurologische Veränderungen könnten zu Aggressionen führen. In solchen Fällen würden in der Regel aber gleichzeitig auch andere neurologische Symptome auftreten, erklärt Furler.

Der Einfluss der Väter
Oft aber haben aggressive Katzen eine Vorgeschichte, in der Angriffslust eine Rolle spielt. Dann werden sie von Besitzer zu Besitzer weitergereicht und das Problem verschlimmert sich. «Meist haben diese Tiere keine angemessene Sozialisierung mit Menschen erfahren», erklärt die Verhaltensmedizinerin. «Oder sie haben in der Jungtierentwicklung nicht gelernt, mit Aggression umzugehen, weil sie etwa zu früh von Mutter und Geschwistern getrennt und von Menschenhand aufgezogen wurden. Solchen Tieren fehlt häufig die Selbstkontrolle.»

Ein anderer Faktor ist laut Furler das genetische Erbe. «Es scheint, dass Väter einen grossen Einfluss auf die Menschenfreundlichkeit der Nachkommen haben. Aber oft sind die Kater leider nicht bekannt und so wissen wir nicht, wie viel Wildheit die Welpen als genetischen Rucksack mit sich herumschleppen.»

Kommt es zu Situationen, in denen die Katze aufgeregt ist, etwa, wenn es um die Fütterung geht und der Hunger gross ist, kann es sein, dass der Mensch dabei attackiert wird. «So etwas lässt sich zum Beispiel dadurch managen, dass nicht nur zweimal täglich Fressen angeboten wird, was für eine Katze sowieso nicht artgerecht ist, sondern Futter immer zur Verfügung steht, dieses aber selbst erarbeitet werden muss», rät die Verhaltensexpertin.

Nach Futter zu jagen, Beschäftigung überhaupt, spielt laut Furler beim Thema agressive Katzen eine grosse Rolle. So seien Tiere, die in reiner Wohnungshaltung lebten, nicht selten unausgelastet und unterfordert und deswegen frustriert. «Wenn etwa durch die Lage der Wohnung ein Freigang für Katzen nicht möglich ist, müssen sich die Halter bewusst sein, dass es Katzen gibt, die ein Leben in der Wohnung nicht ertragen und Verhaltensstörungen entwickeln oder an Krankheiten wie Harnabsatzstörungen und Übergewicht leiden.»

Begleitend zur Haltungsoptimierung und Verhaltenstherapie gibt es aggressions- und stressreduzierende Mittel, die die Besitzer ihren Katzen verabreichen können. Frei verkäufliche Mittel beinhalten meist Vitamin B oder pflanzliche Auszüge aus Hopfen, Melisse und Baldrian. Teilweise ist auch L-Trytophan enthalten, eine Aminosäure, die stimmungsaufhellend und beruhigend wirken soll. Es gibt aber auch katzenspezifische Pheromone in Form von Sprays oder Duftsteckern. Möglich ist schliesslich auch die Verordnung von Medikamenten aus der Gruppe der Psychopharmaka. «Das bedarf einer genauen Abklärung durch den Verhaltensmediziner», betont Marianne Furler: «Keine Psychopharmaka für das Tier ohne vorherige genaue Untersuchung und Analyse der Problematik.»

Auch Auswahl und Dosierung müssten unbedingt von Fachleuten vorgenommen werden. «Diese Mittel wirken nicht wie ein Sedativum, machen also nicht dauerhaft müde, sondern tragen dazu bei, die Aggressionsbereitschaft zu senken», erklärt die Tierärztin. Wichtig sei auch, dass die Medikamente in jedem Fall mehrere Wochen verabreicht und keinesfalls abrupt abgesetzt würden. Unter Einfluss der Medikamente könne das Tier lernen, sein Verhalten zu verändern und nicht mehr übermässig aggressiv auf bestimmte Reize zu reagieren. Wie beim Lernen üblich sind für eine dauerhafte Verbesserung etliche Wiederholungen nötig. Auch die Wirkung der Mittel wird sich erst nach geraumer Zeit und konsequenter Belohnung von positivem Verhalten durch den Menschen entfalten.

› Zurück
Kommentar schreiben

Klassische Website anzeigen